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Zwischen Subvention und Systemwandel: Wohin steuert die Elektromobilität 2026?

Panel talk live november

In der Jubiläumsausgabe von electrive LIVE diskutierten Expertinnen und Experten, wohin sich die Elektromobilität entwickelt – und was für die Branche ab 2026 entscheidend wird. Ein zentrales Fazit: Der E-Antrieb ist technologisch und ökonomisch längst überlegen, ihr Durchbruch ist weniger eine Frage der Technik als der politischen, gesellschaftlichen und industriellen Umsetzung.

Im großen Panel-Talk der Jubiläumsausgabe unserer Online-Konferenz diskutierten Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Markus Hackmann von der P3 Group, Sebastian Bock von Transport & Environment Deutschland und Dirk Specht (Aufsichtsrat und Dozent) mit electrive-Chefredakteur Peter Schwierz. Die 50. Ausgabe von electrive LIVE stand ohnehin ganz im Zeichen der Zukunft. Und auch im Paneltalk wurde klar: Die deutsche Autoindustrie muss technisch vor die Welle kommen. Technologieoffenheit als Feigenblatt, um weiter (elektrifizierte) Verbrenner zu verkaufen, wird nicht reichen, um im Wettbewerb mit China zu bestehen.

Ein wiederkehrendes Thema im Talk war denn auch die kontroverse Debatte um das sogenannte „Verbrenner-Aus“. Die Diskutierenden machten deutlich, dass es sich dabei nicht um ein Technologieverbot, sondern um eine reine Emissionsregulierung handelt – und dass deren ständige Infragestellung vor allem Verunsicherung schafft: bei Konsumenten, in Unternehmen und entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Diese Unsicherheit verzögert Investitionen sowie Kaufentscheidungen und schwächt damit den Industriestandort Europa im globalen Wettbewerb, insbesondere gegenüber China.

Gleichzeitig wurde von den Panelisten betont, dass andere Regionen den Hochlauf der Elektromobilität keineswegs ohne staatliche Eingriffe erreicht haben. Ob durch massive Förderungen, Marktzugangsbeschränkungen oder urbane Zulassungsregime – Regulierung war und ist ein zentraler Hebel. Planungssicherheit und klare Leitplanken gelten daher als entscheidend, um Tempo beim Klimaschutz zu gewinnen und industrielle Wertschöpfung sowie Arbeitsplätze zu sichern.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Perspektive der Kundschaft. Die geringe Marktdurchdringung von E-Autos wird weniger als Ablehnung, sondern als Ausdruck von Verunsicherung interpretiert – befeuert durch politisierte Debatten, Mythen zu Reichweite, Batteriehaltbarkeit oder Ladeinfrastruktur sowie widersprüchliche Signale aus Politik und Medien. Demgegenüber stehen klare Fakten: sinkende Gesamtkosten, hohe Energieeffizienz, deutlich verbesserte Reichweiten, langlebige Batterien und eine inzwischen gut ausgebaute Ladeinfrastruktur.

Als große Chancen für die kommenden Jahre wurden vor allem zwei Entwicklungen hervorgehoben: erstens der Hochlauf der Elektromobilität im Nutzfahrzeug- und Logistikbereich, getrieben durch klare Kostenvorteile und hohe CO₂-Hebel; zweitens die stärkere Kopplung von Mobilität und Energiesystem, etwa durch bidirektionales Laden, flexible Stromtarife und dezentrale Erzeugung. Diese Sektorkopplung könnte zu einem zentralen Akzeptanz- und Geschäftsmodelltreiber werden.

Abseits der Antriebstechnologie wurde der Blick auf den tiefgreifenden industriellen Wandel gelenkt: Elektromobilität ist Teil einer umfassenden Disruption, die neue Geschäftsmodelle, mehr Softwarekompetenz, Automatisierung und eine Neuordnung von Arbeit erfordert. Jobverluste in klassischen Bereichen stehen einem massiven Fachkräftebedarf in Energie-, Software- und Zukunftsindustrien gegenüber – ein Strukturwandel, der politisch aktiv begleitet werden muss.

Der Ausblick auf 2026 fällt ambivalent aus: Kurzfristig drohen weitere Reibungsverluste durch politische Unsicherheit und verzögerte Entscheidungen. Mittel- bis langfristig sehen die Panelteilnehmenden jedoch große Chancen für Europa und Deutschland – vorausgesetzt, es gelingt, die Debatte zu entideologisieren, klare Rahmenbedingungen zu setzen und die Stärken der Elektromobilität offensiv zu kommunizieren. Letzteres erscheint denn auch als wichtigste Aufgabe der Branche für das kommende Jahr!

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6 Kommentare

zu „Zwischen Subvention und Systemwandel: Wohin steuert die Elektromobilität 2026?“
Karl-Heinz Oehling
30.12.2025 um 13:45
Kann dem Gesagten komplett zustimmen. Für mich als ehemaliger Motorenentwickler, der mit dem i3-Projekt zur E-Mobilität gekommen ist, völlig unverständlich, wie die aktuelle Politik die Transformation gerade bei den unentschiedenen Kunden handhabt, die Vorteile sind doch so vielfältig. Auch heute geht doch schon viel für einen Mieter, wie er zu einer Wallbox zu kommen kann, das habe ich in einer großen Wohnanlage schon 2021 umgesetzt, denn die rechtlichen Rahmenbedingungen für Mieter sind vorhanden. Mit einer sich verfestigenden Unsicherheit, dürfte das aber die Unentschlossenen nicht umstimmen. Da trägt in Deutschland, durch das ständige betonen vom Negativen dazu bei, woran auch die Medien eine Mitschuld haben, es ist, so sehe ich das, ein Teufelskreis. Oder anders ausgedrückt, der Zug muss erst gegen die Wand fahren, dann passiert ein Umdenken und Handeln.
simon
30.12.2025 um 17:00
Ohne Verbrennerverbot besonders den C02 Ziele hätten wir heute nicht mal den eGolf. Der Markt regelt es nicht, in den Konzernen geht ohne harten politischen Druck nichts vorwärts. Die glauben immer noch an Wasserstoff und effizientere Verbrenner. Die Konzernchefs bekommen PowerPoints vorgelegt wo alles technisch möglich ist. Aber das entspricht nicht der Realität.
Battie
30.12.2025 um 20:46
Die Überlegenheit von Modellen wie Mercedes CLA sehe ich nicht unbedingt, die ersten Vergleichstests in der Fachpresse sind da zumindest teilweise etwas ernüchternd; BMW wird seine erfolgreiche Modellpolitik fortsetzen, die Preise sind jedoch hier ebenfalls sehr hoch. VW wird den ID Polo bringen nur als BEV, einen Verbrenner Polo soll es nicht mehr geben, das könnte das Signal setzen für die Nachfolge von E-Golf und E-Up, also endlich nicht mehr die E-Autos mit extra Design auszustatten, sondern als "normale" VW laufen zu lassen. In der Diskussion wurde noch das Problem sinkender Steuern und Abgaben durch wegfallende Arbeitsplätze in der Autoindustrie, auch durch zunehmende Automation, angeschnitten. Da könnte noch hinzugefügt werden, dass mit den Verbrennern auch Mineralölsteuereinnahmen wegfallen würden, die ja auch irgendwie ersetzt werden müssten. Fragt sich nur wie?
Rüdiger Meisel
31.12.2025 um 17:19
Mineralölsteuereinnahmen wegfallen würden, die ja auch irgendwie ersetzt werden müssten. Fragt sich nur wie?Sehe ich überhaupt kein Problem, solange mit Shell oder Aral Puls App die geladene kWh noch unverschämte 74 Cent kostet als billigster Tarif.Das ist fast der dreifache Marktpreis!Da sollten genug Steuern emittiert werden! Ich benutze die Aral App nur Ausnahmsweise, wenn ich alle drei Monate eine lange Strecke bis Batterie leer fahre und dann Schnellladen möchte ohne die ganzen bekloppten Betreiberapps runterladen zu müssen!
Arndt Schäffler
31.12.2025 um 14:52
Die wissenschaftliche Faktenlage zum Thema „Wegfall von Arbeitsplätzen“ ist unmissverständlich: Es entstehen kontinuierlich neue Jobs! Jedoch in anderen Märkten, Sektoren, Bereichen und Disziplinen. Unternehmen, die sich nicht schnell genug anpassen, werden langfristig vom Markt verschwinden, ganz gemäß „Survival of the fittest“. Wer an veralteten Produktionsmethoden festhält, sichert sich höchstens kurzfristige Gewinne, auf lange Sicht werden diese Unternehmen zum Verlierer. Warum deutsche Konzerne, die über ausreichende Ressourcen und Wissen verfügen, trotzdem auf kurzfristige Gewinne setzen und die schneller wachsende Konkurrenz sträflich unterschätzen? Who knows. Was sinkende Steuereinnahmen, etwa Mineralölsteuern, betrifft: Der „Staat“ hat immer einen Weg, sich anzupassen. Neue Geschäftsmodelle bringen neue Steuerquellen mit sich. Das gesamte Steueraufkommen wird definitiv nicht sinken. Sollte die Automatisierung weiter voranschreiten und Arbeiter durch Roboter ersetzt werden, ist eine Besteuerung der Automatisierung eine zwingende Konsequenz. Fakt ist: Arbeitsplätze und Steuereinnahmen verschwinden nicht einfach, sie verlagern sich!
erFahrer
11.01.2026 um 20:01
Vielen Dank - eine wirklich sehr gute Jubiläumsausgabe - Wenn es nicht eh schon so inhaltreich gewesen wäre - das Thema Netze vermisse ich. Nein elektrotechnisch ist das keine Raketentechnik - doch Diejenigen die hier in der "regulierten" Verantwortung sind, haben auch renditestarke Mrd. € Geschäftsfelder in Öl.- und Gas. Dabei ist noch nicht mal der fragwürdige Preis von ARAL Puls und Shell das Thema. Es geht um Netzkapazitäten. Und hier der prägende Satz von Dr. Leo Westphal, E.ON-Tochter Bayernwerk von 17.9.: "Netzkapazität ist das GOLD der Energiewirtschaft" . Ähnlich wie vorgenannt, sind auch diese Geschäftsfelder mit dem Alten, dem zentralistischen System fest verbunden. Truck Charging wird darin seine höchste Hürde finden. Auch das Depotladen ist davon betroffen eine 50 eLKW (kleine) Spedition benötigt mehrere MW und PV hilft nur bedingt - Und Speicher? Na das sehen wir ja, die bundesweite, gem. Marktstammdatenregister, sichtbare Speicherblockade all der E.ON Verteilnetz-Töchter und von ihnen kontrollierten Stadtwerke, zeigt das klar für 2025. Das ist der große Hebel EU-weit, damit die eMobilität auszubremsen. Gemeinwohl, Klimaschutz und als diese sozialpolitischen Dinge sind dabei für die Entscheider ohne Bedeutung - es zählt nach wie vor der Petrodollar, wie nun etlichen Tagen nach dieser guten Konferenz, mit Venezuela und Grönland sichtbar wird. Ich hoffe sehr das 2026 das Startjahr wird dass der Grundstein sichtbar wird die Autokratie (wie damals USA, mit Rockefeller) etwas entgegen zu setzen. Die eMobilität, Erneuerbare, Wohlstandssicherung, Renten und v.a.m. mehr haben es dann leicht, sehr erfolgreich zu werden.

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