04.07.2016

DRIVE-E Akademie 2016 – Nachwuchselite der Elektromobilität.

DRIVE-E-Aufmacher620Alle Jahre wieder traf sich im Juni der elektromobile, akademische Nachwuchs zur DRIVE-E-Akademie. In diesem Jahr kamen in Braunschweig 54 diskussionsfreudige, engagierte Studierende aus ganz Deutschland zusammen, um sich sechs Tage lang mit den verschiedenen Facetten des Themenfelds Elektromobilität zu beschäftigten. Und weil auch wir von electrive.net dem Nachwuchs eine Chance geben wollen, haben wir einen Nachwuchs-Reporter aus Heidelberg zur DRIVE-E Akademie nach Niedersachsen geschickt, um den Fachkräften von morgen auf den elektromobilen Zahn zu fühlen.

DRIVE E – Nachwuchselite taucht eine Woche lang in die Welt der Elektromobilität ein

Studenten sind pragmatisch, aufgeschlossen – aber auch skeptisch

„Das Fragezeichen hinter der Elektromobilität wird immer kleiner“, sagt Daniel Förster während der DRIVE-E Akademie, die Mitte Juni in Braunschweig stattfand. Förster macht gerade seinen Master der Kraftfahrzeugtechnik an der TU Braunschweig und passt damit perfekt ins Bild der Akademie, dem Nachwuchsförderprogramm von Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und Fraunhofer IISB. Neben Fragen der Technik und der Forschung beschäftigten sich die Studierenden mit der essenziellen Frage: „Wie binden wir die Elektromobilität in die Gesellschaft ein, damit wir es wenigstens bis 2025 schaffen, dass eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen fahren?“

DRIVE-E-Teilnehmer 2016 im Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik.

DRIVE-E-Teilnehmer 2016 im Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik.

Vorstände und Werksleiter von Volkswagen und Bosch stellten sich in den Praxisrunden den Fragen der Jungwissenschaftler und nahmen aktiv an den Diskussionen teil. Das BMBF war mit Reinhold Friedrich vertreten und gab den Studierenden einen Überblick zur Elektromobilität aus staatlicher Perspektive.

Elektromobilität aus Sicht der Nachwuchswissenschaftler

Doch wie soll sich die Elektromobilität entwickeln? Die heutigen Studenten, Teil der morgigen Entwicklung, haben dazu klare Prognosen: „Die Vielfalt an unterschiedlichen Antriebstechnologien sehe ich nicht als konkurrierend – sie ergänzen sich. Spannend bleibt aber, wie der Kuchen in Zukunft unter den bisherigen und neuen Akteuren aufgeteilt wird“, sagt etwa Sophia Scheitenberger, Masterstudentin für Umweltmanagement aus Nürtingen. Wenn die Elektromobilität endlich kommt, dann in welcher Form? Ein wesentlicher Aspekt, warum es mit der E-Mobilität so schleppend vorangeht, wird immer wieder genannt. Stephan Weber, Masterstudent des Wirtschaftsingenieurwesens aus Braunschweig formuliert es beispielhaft: „Die Autos fahren nicht weit genug. Oder anders gesagt: Durch die geringe Reichweite bräuchte man eine gute Ladeinfrastruktur. Doch in eine solche zu investieren, für die es keine Autos gibt, ist riskant. Und damit praktisch nicht realisierbar.“

Experimente für die Mobilität der Zukunft.

Experimente für die Mobilität der Zukunft.

Henne-Ei-Dilemma durchbrechen

Ein Lösungsansatz für das Problem formulieren Studenten so: Man verkauft E-Autos zunächst an Menschen, die keine öffentliche Infrastruktur benötigen, weil sie das Auto nur in der Stadt benutzen und abends zuhause wieder aufladen können. Dann sei die Henne da und lege auch irgendwann das Ei. Überhaupt ist „Think outside the box“ eine Einstellung, die bei vielen Studenten vorherrscht. Es wird nicht in vorgegebenen Bahnen gedacht, sondern unkonventionell an die Problemstellungen herangegangen. Mit Lego-Bausteinen zeigten die Studenten etwa während der Exkursion zur Robert Bosch Elektronik GmbH, dass man viele Aufgabenstellungen nur in der Gruppe und durch Kommunikation miteinander lösen kann. Die Studenten der DRIVE-E Akademie kamen von technischen, wirtschaftlichen und auch von IT-Studiengängen. So konnte das Thema Elektromobilität von Nachwuchs-Fachleuten unterschiedlichster Themenbereiche durchleuchtet werden.

Reichweite – Infrastruktur – Preis (RIP)

RIP – auch wenn niemand am Tod der Elektromobilität interessiert ist, könnten diese drei Buchstaben doch ihre Ableben bedeuten. Im Spannungsdreieck RIP diskutierten die Studenten den technischen Aspekt der Reichweite, den finanziellen Aspekt der Infrastruktur und den eher politisch geprägten Preis des Fahrzeugs. Dazu sahen sich die Teilnehmer im Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik (NFF) einen Prüfstand für Elektromotoren an, mit dem man zukünftig Motoren optimieren und effizienter produzieren kann. Trotz sinkendem Energieverbrauch wünscht sich das Auditorium verbesserte Speicherelemente. „In dieser Richtung wird schon viel geforscht“, meint Simon Kunz von der Universität in Stuttgart, Master in Elektromobilität. „Außerdem“, fügt er hinzu, „passiert ja auch viel bei der Forschung zu Batterien“. Er verweist auf die Exkursion zur Battery Lab Factory, einer Forschungseinrichtung, die an neuen Batterien und Produktionsabläufen für deren Herstellung arbeitet.

Teilnehmer der Akademie am Fahrsimulator des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik.

DRIVE-E-Teilnehmer am Fahrsimulator des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik.

Neben Reichweite und Infrastruktur ist es auch der Preis, der das Elektroauto für den einen oder anderen Anwender uninteressant macht. Ein Elektroauto kostet zurzeit gut 10.000 Euro mehr als ein vergleichbares Auto mit Verbrennungsmotor. Die drei also zu lösenden Faktoren von RIP (Reichweite, Infrastruktur und Preis) halten derzeit noch viele Privatpersonen von einem Umstieg ab, so die Meinung der Studenten.

Zukünftige Mobilitätskonzepte

Fabian Herdle, Masterstudent für Elektromobilität in Ingolstadt, denkt deshalb einen Schritt weiter: „Elektroautos sind ein Teil der zukünftigen Mobilität. Das erkennt man schon daran, dass sie mit anderen Mobilitätskonzepten, wie zum Beispiel Carsharing, kompatibel sind. Wir müssen zwar unterscheiden, in welchem Gebiet man die Mobilität betrachtet, aber im urbanen Raum wird der Individual-Verkehr wahrscheinlich keine Zukunft mehr haben.“ Hier fange das nächste Kapitel der Elektromobilität an.

Vertraut: Diese Perspektive kennen auch DRIVE-E-Studenten.

Vertraut: Diese Perspektive kennen auch DRIVE-E-Studenten bestens.

Hannah Rudolph war von 2013 bis 2015 Managerin vom Schaufenster für Elektromobilität im Großraum Hannover, Braunschweig, Göttingen, Wolfsburg. Das Programm entwickelte Konzepte für öffentliche Verkehrsmittel und startete Pilotprojekte. Um Batterie- und Reichweitenprobleme zu lösen, bauten die Städte etwa induktive Ladeschleifen unter Bushaltestellen. „Der Vorteil von diesen induktiven Spulen ist die Effektivität, die bei 95 bis zu 99 Prozent liegt. Somit kann man fast ohne Verluste und vor allem berührungslos Strom übertragen“, berichtet Dorothea Wiemann, Studentin an der TU Berlin im Fach Elektrotechnik.

Umweltbelastung durch E-Mobilität

Neben dem sozialen Nutzen eines Schaufensterprojektes spielt der Umweltgedanke eine große Rolle. Doch die Studenten fragen sich: Schützen Elektroautos überhaupt die Umwelt? „Ein Elektroauto als System produziert kein CO2, doch die elektrische Energie, die es aus der Steckdose braucht, hat im Strom-Mix Deutschlands eine CO2-Emission. Erst wenn wir, wie zum Beispiel Norwegen, Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen nutzen, haben auch unsere Elektroautos einen neutralen CO2 Fußabdruck“, meint Valerie Hollunder, die an der Universität Stuttgart Erneuerbare Energien auf Bachelor studiert. Sie ergänzt: „Ein weiterer Vorteil wäre, dass man die Batterien als Pufferspeicher nutzen könnte. Somit kann man Leistungspeaks kompensieren, was ein unglaublicher Vorteil ist, da man heutzutage bei Leistungstälern zum Beispiel Windräder aus dem Wind drehen muss.“ Und weiter: „Allein 2015 hätte man mit der Energie, die durch aus dem Wind gedrehten Windkraftanlagen verloren gegangen ist, 2 Millionen Elektroautos laden können.“ Die Nachwuchsfrau aus dem Süden ist sich sicher: „Wir haben kein Energieproblem, sondern ein Energiespeicherproblem.“

Blick hinter die Kulissen – bei DRIVE-E an der Tagesordnung.

Blick hinter die Kulissen – bei DRIVE-E an der Tagesordnung.

Als weiteren Umweltaspekt sieht Stefan Schneider, Masterstudent des Wirtschaftsingenieurwesens in Karlsruhe die Rohstoff-Situation: „Man darf sich nicht täuschen, auch in Batterien werden Rohstoffe verbraucht, die endlich sind. Die Herkunft dieser Seltenen Erden muss man besser kontrollieren. Vor allem, weil diese Materialien häufig in unsicheren Regionen wie Pakistan oder China vorkommen.“

Tesla versus BMW i3 versus VW E-Golf

Die Studenten und Referenten beschäftigten sich während der DRIVE-E Akademie natürlich auch mit den Entwicklungen in Übersee. Die Rede ist vom neuen Tesla Model 3. Thorben Schobre, ehemaliger Praktikant bei Tesla, erzählte den Studenten, wie man sich den „Teamspirit“ bei Tesla vorzustellen hat. Die Motivation der Mitarbeiter sei ausgesprochen hoch, da alle mit innovativen und kreativen Mitteln auf ein hochgradig zukunftsweisendes Ziel fokussiert seien, nämlich das Model 3 zu einem Erfolgsmodell werden zu lassen. Viele Studierende waren beeindruckt, doch schnell kam die Frage auf, ob diese Motivation reichen würde, um Tesla zu erhalten. Denn, und dies war nicht nur ein Argument der Referenten aus der deutschen Autoindustrie, bis zum heutigen Tage verdiene Tesla kein Geld mit seinen Autos. Doch dass es an dem Auto technisch nichts auszusetzen gibt, darüber war man sich einig. Im Gegensatz zu der Frage, ob wir, die wir Tesla zuvor unterschätzt hatten, jetzt das Unternehmen vielleicht überschätzen.

Emotion pur: Ümran Orak im BMW i3 auf dem Verkehrsübungsplatz.

Emotion pur: Ümran Orak im BMW i3 auf dem Verkehrsübungsplatz.

Ümran Orak, Masterstudent für Wirtschaftsingenieurwesen in Darmstadt, drückt derweil beim Fahrevent aufs Gas. Sein BMW i3 macht einen Satz nach vorne, Orak ist begeistert: „Die Beschleunigung ist der Hammer. Ich liebe Elektroautos!“ Über sein Gesicht erstreckt sich ein breites Grinsen. Der i3 brettert über den Verkehrsübungsplatz in Braunschweig. Jeder Teilnehmer darf die Elektroautos von Citroën C-Zero über den E-Up von VW bis hin zum i3 von BMW auch einmal probefahren. Klarer Favorit war der BMW. Ümran Orak urteilt: „Ein Elektroauto, das als Elektroauto konzipiert und gebaut wurde, ist besser als ein Auto, in das man zwanghaft versucht, Batterie und E-Motor an die Stelle von Verbrennungsmotor und Tank zu setzen.“

Elektromobilität – ein komplexes Thema

Die Veranstaltung beflügelte die Kommunikation zwischen Nachwuchswissenschaftlern und Industrie. Genau eine solche benötigt Deutschland, um auch (wie schon bei den Verbrennungsmotoren) eine führende Position bei der Elektromobilität einzunehmen. Sowohl für die Studenten, als auch für die Referenten haben sich viele neue Wege gezeigt, die gegangen werden müssen. Doch vor allem das Zusammenspiel zwischen Staat, Industrie und Forschung sei bei diesem Thema von elementarer Bedeutung. In der DRIVE-E-Woche wurde noch einmal deutlich, wie sehr die drei Seiten voneinander abhängen. Für die Zukunft wäre es schön, wenn von politischer Seite dieser Einsicht eine höhere Beteiligung an den Folgeveranstaltungen folgen würde. Alex Holzwarth, Bachelor-Student für Maschinenbau in Ulm, fasste die gesamte Akademie treffend zusammen: „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir nicht all‘ unsere Probleme mit der Elektromobilität lösen können. Eine ausgewogene und intelligente Lösung sollte unser Ziel sein.“

Über den Autor

Valentin-TrotterValentin Trotter ist 17 Jahre alt und lebt in Heidelberg. Erste journalistische Erfahrungen hat er im Fachverlag seines Vaters gesammelt. Für ein größeres Fachmedium wie electrive.net war Trotter erstmals als Reporter unterwegs. Nächstes Jahr macht Valentin sein Abitur mit dem Profilfach Mechatronik an der Carl-Bosch-Schule Heidelberg – und will dann einen technischen Studiengang wählen. Das Team von electrive.net wünscht Valentin und allen DRIVE-E-Teilnehmern alles Gute für ihren Weg!




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