06.06.2019 - 23:44

Ladeinfrastruktur: Volkswagen fordert Novelle des WEG

Interview mit Thomas Ulbrich, Vorstand für Elektromobilität der Marke Volkswagen

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Auf dem Weg zum Marktstart seiner Elektro-Baureihe ID hat Volkswagen die Ladeinfrastruktur als Problemfeld erkannt – und mahnt nun die Politik zum schnellen Handeln. Im Interview mit electrive.net fordert eMobility-Vorstand Thomas Ulbrich etwa eine Novelle des Wohnungseigentumsgesetzes und eine Anpassung der Gebäudeeffizienzrichtlinie. Wolfsburg zeigt klare Kante.

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Im Rahmen einer Veranstaltung in Berlin hat Volkswagen heute verkündet, bis 2025 in Europa 36.000 Ladepunkte zu errichten, 11.000 davon durch die Marke VW selbst. Mit der Tochter Elli und dem Ladeservice We Charge will der Autohersteller aus Wolfsburg die Ladeinfrastruktur zudem auch geschäftlich erschließen.

Doch Volkswagen hadert mit den politischen Rahmenbedingungen und verschleppten Gesetzesanpassungen. Darüber hat electrive.net-Chefredakteur Peter Schwierz am Rande des Events mit Thomas Ulbrich, Vorstand für Elektromobilität der Marke Volkswagen, gesprochen. Ulbrich forderte dabei nicht nur neue Transformations- und Qualifizierungsprogramme, sondern auch eine zügige Überarbeitung des Wohnungseigentumsgesetzes, damit Ladestationen in Mehrfamilienhäusern nicht mehr durch Miteigentümer blockiert werden können. Außerdem wünscht sich Thomas Ulbrich einen schnelleren Ausbau der Windenergie, um der Elektromobilität auf CO2-Seite einen wirksamen Hebel zu verschaffen. Hier ist das vollständige Gespräch:

Herr Ulbrich, Sie fordern von der Politik eine schnellere Weichenstellung pro Elektromobilität. Hat die aktuelle Bundesregierung die Notwendigkeit der schnellen Elektrifizierung des Straßenverkehrs bereits verinnerlicht? Und waren all die Arbeitsgruppen der NPE letztlich für die Katz?

In den letzten Jahren – angefangen mit der NPE und jetzt mit der Umstellung auf die NPM (Nationale Plattform Zukunft der Mobilität, Anmerk. d. Red.) – wurde bereits ein Weg durchlaufen, der vielen Beteiligten einen echten Erkenntniszuwachs gebracht hat. Der mittlerweile auch dazu führt, dass die Politik erkennt, wo die Notwendigkeiten nun liegen. Einen echten Umsetzungsgrad – jenseits der reinen Erkenntnis – werden wir jedoch erst messen können, wenn in den nächsten Monaten notwendige Gesetzesentscheidungen auch wirklich gefällt werden.

Sie fordern einen „Masterplan Elektromobilität“. Was genau soll dieser umfassen?

Die Forderung nach einem Masterplan Elektromobilität beinhaltet, gemeinsam mit der Politik nun alle notwendigen Schritte zu tun, um den Technologiesprung hin zu umweltfreundlicher Elektromobilität zu schaffen. Das wird uns alle in den nächsten Jahren fordern. Da gibt es relativ einfache und offensichtliche Themen, aber auch sehr Grundsätzliches.

Was meinen Sie konkret?

Nehmen wir zum einen das akute Thema ausreichender Ladeinfrastruktur in der anstehenden Hochlauflaufphase der Technologie, welches für mich sicherlich eines der Top-Handlungsfelder ist. Dazu gehört aber ebenso der notwendige Transformationsprozess innerhalb der gesamten deutschen Automobilindustrie – inklusive der Zulieferindustrie. Wir alle wissen, dass es bei der anstehenden Umstellung auf Elektro-Fahrzeuge zu einem Verlust an Wertschöpfung kommen wird. Da müssen passgenaue Transformationsprogramme her, wir müssen die Mitarbeiter auf dem Weg mitnehmen und ausreichend qualifizieren. Nur so werden wir als Industrienation unsere Stellung im Weltmarkt halten können. Dabei geht es uns bei Volkswagen stets auch um die Zukunftsperspektive bei der Beschäftigung.

Kommen wir auf die Ladeinfrastruktur zurück: Das Wohnungseigentumsgesetz (WEG) ist noch immer nicht reformiert. Eine Wallbox in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses zu installieren, gleicht einem Himmelfahrtskommando. Ist das WEG das dickste Brett, das nun am schnellsten gebohrt werden sollte?

Ich denke, dass das Wohnungseigentumsgesetz in der jetzigen Form ein schon fast morsches Brett ist, welches dringend reformiert werden sollte. Zu Ihrem Beispiel: Auf der einen Seite können Sie sich als Wohneigentümer problemlos Telefon- oder Wasseranschlüsse oder Ähnliches installieren. Aber wenn sie sich für Ihre Eigentumswohnung eine einfache Wallbox installieren wollen, dann gibt es die Notwendigkeit, dass alle Eigentumsparteien dem Vorhaben zustimmen müssen. Wenn also nur einer Ihrer acht Miteigentümer dagegen ist, dieses Loch in die Wand zu bohren – keine Chance für die Wallbox, keine Chance für die neue Technologie… Deswegen halte ich das geltende WEG für deutlich reformbedürftig.

Wo ist der Gesetzgeber noch gefordert?

Da wäre neben dem WEG auch die Gebäudeeffizienzrichtlinie. Elektromobilität macht nur mit Strom aus regenerativen Energiequellen wirklich Sinn. Wir brauchen also in Deutschland eine echte Energiewende – hin zu grünem Strom. Nur, wenn ich die E-Fahrzeuge der Zukunft mit grünem Strom lade, schöpfe ich den unschlagbaren CO2-Vorteil dieser Technologie wirklich aus.

Der Windenergie-Ausbau an Land ist in Deutschland regelrecht eingebrochen. Kann ich davon ausgehen, dass Volkswagen von der Politik fordet, die entstandene Lücke schnellstens zu schließen?

Ja, aber fordern allein reicht nicht. Ich überzeuge lieber zusätzlich mit den richtigen Argumenten.

Heute wurde von Ihren Kollegen auch kritisiert, dass es ein Kompetenz-Gerangel zwischen den Bundesministerien im Hinblick auf die Elektromobilität gibt. Brauchen wir eine GGEMO 2.0?

Unser politisches System ist sicher kein einfaches, aber dennoch ein sehr gutes. Die beteiligten Ministerien wissen aus meiner Sicht, welche Hebel es nun braucht und welche Entscheidungsbedarfe akut bestehen. Und ich hoffe und verlasse mich darauf, dass das in den nächsten zwei bis drei Monaten kommt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Sie haben recht. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, muss man schlicht und ergreifend die Frage stellen, woran es noch liegt. Gucken wir mal in unsere Nachbarländer: Da gibt es sehr schlagkräftige und fokussierte Gremien – oder von der Politik hochkarätig eingesetzte Einzelverantwortliche – die sich mit der erfolgreichen Umsetzung aller nötigen Rahmenbedingungen befassen. Wahrscheinlich brauchen wir dann tatsächlich so etwas.

Normalerweise werden Wünsche der Automobilhersteller von der deutschen Politik schnell umgesetzt. Spricht die Autobranche bei der Elektromobilität inzwischen wieder mit einer Stimme?

Sie meinen die Diskussion rund um die Frage der so genannten Technologieoffenheit?

In der Tat.

Wir haben am Ende schon vom Gleichen gesprochen, vielleicht nur in einer anderen Tonalität. In den letzten Wochen wurde deutlich, dass sich die Automobilindustrie im Grundsatz einig ist über den künftigen Weg. Und der VDA hat sich ebenso deutlich positioniert mit seinem Forderungspapier zum Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur. Wir unterstützen diesen Katalog!

Herr Ulbrich, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

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