27.01.2020 - 09:00

Honda e: Ist das genug im Jahr 2020?

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Mit dem e bringt Honda in diesem Jahr einen schicken und hochwertigen Elektro-Kleinwagen auf den Markt. Doch für seinen Preis bietet der kleine Japaner erstaunlich wenig Reichweite. Ob das Konzept aufgehen kann, zeigt eine erste Testfahrt.

* * *

Die Überraschung war groß, als Honda auf der IAA 2017 mit dem Urban EV die Studie eines pfiffigen, kleinen E-Autos vorstellte. Retro-Design, schick, zeitlos, moderne Technik. Viel ist seitdem geschrieben worden, über die Umbenennung in Honda e, seriennahe Prototypen, das Batterie-Konzept mit kleiner Reichweite, die hohen Preise.

Nur war bisher noch nicht klar, wie das Konzept in der Serie aufgeht – abgesehen von einer kurzen Testfahrt auf einem kleinen abgesperrten Gelände im vergangenen Sommer hat Honda noch keine Journalisten ans Steuer des Honda e gelassen. Bei der Fahrt auf dem Testgelände ließen sich zwar erste Eindrücke zum Fahrverhalten feststellen, aber keine belastbaren Aussagen über wichtige Faktoren wie die Reichweite, das Infotainment oder das besondere Außenspiegel-Kamera-Konzept treffen.

Jetzt, wenige Wochen vor dem geplanten Start der Serienproduktion im Februar, hatte electrive.net die Möglichkeit, eines der letzten Vorserienfahrzeuge rund um Valencia zu fahren. Zur Verfügung stand der Honda e Advance, also das etwas stärkere Modell (113 statt 100 kW) mit besserer Ausstattung. Die Kamera-Außenspiegel gehören übrigens schon beim 100-kW-Modell zum Serienumfang.

Die Unterschiede zu dem seriennahen Prototypen, den Honda im März 2019 auf dem Genfer Autosalon ausgestellt hatte, sind minimal. Die wohl wichtigste Änderung: Über die insgesamt fünf Bildschirme im Cockpit laufen jetzt keine animierten Grafiken mehr, sie funktionieren – inklusive eines KI-basierten Sprachassistenten, der auf „Ok, Honda“ reagiert. Die Aufteilung der Display-Armada ist recht simpel: Ganz außen befinden sich die jeweils sechs Zoll großen Monitore für die Darstellung der Außenspiegel, hinter dem Lenkrad ist ein 8,8 Zoll großes TFT-Display mit den Infos für den Fahrer – Tacho, Bordcomputer, die wichtigsten Anzeigen zum Antrieb oder Infotainment. Das eigentliche Infotainment findet auf zwei je 12,3 Zoll großen Touchscreens statt.

Display-Armada mit guter Funktion

Fünf Displays, zwei davon mit bewegenden Kamerabildern – oder gar drei, denn der Innenspiegel lässt sich entweder als solcher nutzen, oder auch als Bildschirm für eine Rückfahrkamera (falls wegen Gepäck oder Passagieren der Blick durch den Spiegel versperrt sein sollte. Aber auf der rund 200 Kilometer langen Testfahrt hat keines der Displays gestört. Gerade die Außenspiegel-Displays überraschen positiv: Sie sind besser positioniert als im Audi e-tron, liefern auch bei tief stehender Sonne ein klares und kontrastreiches Bild.

Die Informationen auf den anderen Displays sind gut ablesbar, die Bedienung intuitiv. Praktisch ist, dass sich die Inhalte der beiden Infotainment-Displays mit einem Tastendruck tauschen lassen. So kann etwa der Beifahrer auf seinem Bildschirm ein neues Navi-Ziel eingeben und danach die Karte wieder auf das mittlere Display übertragen. Und wenn der Beifahrer neue Musik auswählt, kann der Fahrer immer noch auf dem anderen Display die Zielführung sehen.

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Nettes Detail: Honda hat neben zwei USB-Ports und einer 230-Volt-Steckdose auch einen HDMI-Port verbaut. Daran kann eine kleine Spielekonsole oder etwa ein Google Chromecast angeschlossen werden, um Streaming-Inhalte vom Smartphone oder Tablet auf dem Fahrzeug-Display wiederzugeben – nur im Stand, versteht sich. So kann die Ladepause angenehm überbrückt werden.

Kommen wir zu den Kernelementen des elektrischen Fahrens: Die Ladezeit an einer DC-Säule gibt Honda mit rund 30 Minuten an. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Ladesäule 50 kW oder die theoretisch mit dem Honda e möglichen 100 kW bietet: Da bei der höheren Ladeleistung die Stromstärke zum Schutz der Batteriezellen schon sehr schnell wieder reduziert werden muss, ist der Ladevorgang von 0 auf 80 Prozent laut Honda nur eine Minute schneller als an einem 50-kW-Lader, die der Honda e sehr konstant abrufen kann. Der Hersteller veröffentlicht aktuell noch keine genauen Ladekurven. Wie in Gesprächen am Rande der Fahrvorstellung zu hören war, dürfte aber auch an einer entsprechend starken Ladesäule die durchschnittliche Ladeleistung je nach Temperatur und SoC zwischen 50 und 60 kW liegen.

Nicht mehr als 172 Kilometer Reichweite angezeigt

An einer AC-Säule liegt die maximale Ladeleistung bei 7,4 kW, was eine Ladezeit von 4,1 Stunden (auf 100 Prozent) ergibt. Greift die Schieflastverordnung und können nur 20 statt 32 Ampere genutzt werden, steigt die Ladezeit auf über 6,5 Stunden. An einer Haushaltssteckdose dauert der Ladevorgang ganze 18,8 Stunden.

Die Ladezeiten sind wichtig, denn bei gerade einmal 222 Kilometern WLTP-Reichweite wird der Honda e regelmäßig nachladen müssen. Bei unserer Testfahrt stieg die Reichweitenanzeige nicht über 172 Kilometer bei rund zehn Grad Außentemperatur und abgeschalteter Klimatisierung. Mit Klimaanlage (21,5 Grad auf die niedrigste Lüfterstufe eingestellt) sank die Anzeige schon auf 146 Kilometer – bei 98 Prozent SoC.

Bei zurückhaltender Fahrweise ließ sich der Honda e mit rund 16 kWh/100km bewegen. Wer aber auf seiner täglichen Pendelstrecke einen hohen Autobahnanteil hat und viel im Bereich 120-130 km/h fährt, kann auch schnell Verbrauchswerte von 22 kWh/100km oder mehr erreichen. Oder aber, man nutzt die 315 Newtonmeter des von Honda selbst entwickelten E-Motors ab und zu aus – mit dem kurzen Radstand und Heckmotor macht der Kleinwagen in Kurven durchaus Spaß. Zusammen mit etwas Heizung oder dem Klimakompressor im Sommer bleiben dann nur noch grob 120 Kilometer Reichweite übrig – in einem Elektroauto des Jahrgangs 2020.

Mehr als ein teurer Zweitwagen?

Honda gibt an, sich ganz bewusst für dieses Batteriekonzept entschieden zu haben. „Für die Reichweite haben wir viele Untersuchungen durchgeführt“, sagt Takahiro Shinya, Assistant Large Project Leader Honda e. „Die tägliche Fahrstrecke liegt bei 40 Kilometern, deshalb reicht für ein Stadtauto aus unserer Sicht diese Batteriegröße. Statt mehr Zellen war uns die Schnellladefähigkeit deutlich wichtiger.“ Das Gewicht der Batterie will Shinya selbst auf Nachfrage nicht nennen.

Die Frage, ob Honda damit für das Jahr 2020 das richtige Konzept gewählt hat, wird spätestens der Markt zeigen. Die Reichweite ist beschränkt, als Pendel-, Stadt- oder Zweitwagen aber vollkommen ausreichend – wenn man über eine zuverlässige Lademöglichkeit verfügt. Für Laternenparker arbeitet Honda mit Ubitricity zusammen, außer in Berlin und in Dortmund (angekündigt) gibt es aber noch keine solchen Ladepunkte in Deutschland. Im Frühjahr sollen die ersten Exemplare bei den deutschen Händlern ausgestellt werden, im Sommer die Auslieferungen starten. Dann wird sich ein genaueres Stimmungsbild abzeichnen, registrierte Interessenten haben noch lange keinen Kaufvertrag unterschrieben.

Neben der Reichweite ist der Preis einer der am meisten diskutierten Punkte bei dem kleinen Stromer. Für die 100-kW-Variante ruft Honda in Deutschland 33.850 Euro auf, für die Advance-Ausstattung mit 113 kW und mehr Features 36.850 Euro. Der Deutschland-Importeur hat zwar angekündigt, sich an dem erhöhten Umweltbonus beteiligen zu wollen, sobald er in Kraft tritt. Die 6.000-Euro-Prämie erhalten aber auch die Konkurrenzmodelle wie der Peugeot e-208, Opel Corsa-e oder Mini Cooper SE. Und die sind im Grundpreis allesamt günstiger und bieten mehr Reichweite.

Peugeot, Opel und selbst Mini bieten mehr Reichweite für weniger Geld

Umkehrt lässt sich aber auch argumentieren, dass man bei den genannten Modellen nicht einmal gegen Aufpreis solche Features im Innenraum bekommt wie beim Honda e. Sie bieten stattdessen einen leicht veränderten Innenraum der bekannten Verbrenner-Varianten, das ist mit dem Lounge-artigen Gefühl der Honda-Displays in Kombination mit dem offenporigen Holz im Armaturenträger nicht zu vergleichen. Auch an anderer Stelle spielt der Honda seine Stärke als reines BEV aus. Da an der Vorderachse kein großer Verbrenner oder Antriebswellen sitzen, können die Vorderräder bis zu 50 Grad eingeschlagen werden. Ähnlich wie beim BMW i3 werden so im Vergleich zu Conversion-Modellen erstaunliche Wendekreise möglich.

Trotz solcher Features das große Aber: Der Kunde muss wählen –  und bei dem stand bisher viel Reichweite hoch im Kurs.

Das sind alles Punkte, die auch Honda auf dem Zettel hat, dennoch wurde der e bewusst so entworfen. „Wir wollen mit dem Honda e eine Vision des Autos von 2030 zeigen, umgesetzt mit den heute verfügbaren Technologien“, sagt Ko Yamamoto, Technical Consultant bei Honda. „Features wie die Außenspiegel oder der Innenraum sollen 2030 auf den Massenmarkt Standard sein.“ Heißt im Umkehrschluss: Der Honda e des Jahrgangs 2020 ist nicht für den Massenmarkt gedacht. Was vieles erklärt.

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15 Kommentare zu “Honda e: Ist das genug im Jahr 2020?

  1. HAF

    Unabhängig von technischen Daten, Preis-Leistungsverhältnis etc. – wer hat sich bitte die Position der Ladedose ausgedacht? Nasenlader haben Vor- und Nachteile, aber den Stecker von oben in die Motorhaube stecken? Was passiert, wenn man nachts im Freien laden muss und es erst regnet und dann friert? Oder in kalten Regionen schneit das Ding voll.
    Auch das Kabel sieht immer sehr unglücklich abgeknickt aus und eine Berührung der Stoßstange beim Einstecken und Abziehen halte ich für nicht ausgeschlossen – beim täglichen Laden können da schnell unschöne Scheuerstellen (hat nichts mit dem Verkehrsminister zu tun ;o) entstehen.
    In meine Augen keine glückliche Lösung (für den Preis).

    • EdgarW

      Ich sehe im Zubehörhandel schon Ladeport-Mützen aufpoppen …

  2. Till

    Zitat: „Statt mehr Zellen war uns die Schnellladefähigkeit deutlich wichtiger.“
    Also mit bis zu 100kW Ladelesitung und Ladezeiten von rund 30min wäre es vielleicht ein annehmbarer Kompromiss.
    Auf YT gibt es ein Video eines Honda e am IONITY Schnelllader. Die Ladekurve und Performance sieht hier leider alles andere als rosig aus. Bleibt zu hoffen das dies so nicht in Serie geht….
    https://www.youtube.com/watch?v=QAxs9e7RjAU ( Ab Minute 9:00 Ladeleistung)

    • EdgarW

      auch in Japan ist’s vielerorts im Winter unter 0°C, was denken sich die Entwickler bloß? Das selbe hirnlose Spiel, wie beim Ioniq Facelift, Kona 39, e-Niro Facelift. Und auch in Korea kann es kalt werden. Oh my. Und selbst wenn nicht, die testen die Teile doch (hoffentlich!) auch am Polarkreis. In Japan und Südkorea scheint man sich nur auf das energiehungrige (auf australischem Kohlestrom basierte) H2-Konzept zu konzentrieren, wirklich armselig.

      Dabei ist das Auto an sich eine wirklich feine Kiste, wenn man Wert auf das Infotainment etc legt. Vielleicht ja ab der nächsten Akku-Generation …

  3. Gelsenkirchner Barock

    Der Honda e wäre für mich DAS E-Auto meiner Wahl, wenn sie eine größere Batterie anbieten würden zu einem ähnlichen Preis wie der Wettbewerb.

    Als Erstwagen kann ich den Kauf nicht rechtfertigen – da müsste ich eher zum e208, Corsa oder ID3 greifen. Leider, denn ich finde das Auto echt schick.

  4. A124

    Ein Stadtauto mit geringster Reichweite, der viel geladen werden muss und über 35k€. Bei den Stadtmenschen hat in 2020 kaum jemand eine Lademöglichkeit zu Hause. Wie kann man nur solche Fehlentscheidungen bauen?

    • Niko

      Tolles Auto für Individualisten die zu Hause laden können.
      Welcher Urbane Single braucht Bitteschön Reichweite?
      Für Langstrecke nimmt der doch schon lange nicht mehr das Auto sondern der Flieger oder den ICE

  5. Jürgen Kohl

    Es ist mir unverständlich, wie man derart am Kunden vorbei planen kann. Ich selbst habe drei Jahre einen Leaf gefahren und würde mir nie ein E-Auto kaufen, das nicht mindestens 200 km Reichweite hat. So wird sich der Wagen nicht verkaufen, nicht zu diesem Preis.

  6. Autojoe

    Da geht dir der Saft schnell aus und aus den angeführten Reichweiten wird beiTemperaturen um null Grad und womöglich auch Autobahnfahrten schnell halbiert und man ist dort wo der Nissan Leaf der ersten Generation oftmals Schweißausbrüche verursachte.

  7. Model 3

    Wir fahren eine Zoe aus 2016 mit 22kWh Akku und einer Reichweite von gut 100 km jetzt im Winter. Das geht alles gut um damit in die Stadt zu fahren, Einzukaufen, zum Sport etc. Trotzdem: Der nächste Zweitwagen hat mind. 200 km Reichweite. Ist einfach entspannter mit dem Ladecircus -:))
    Ach ja, Go Tesla!

    • ZOE R110 fahrer

      Tesla M3 für 65k euro? kann/möchte ich nicht für ein auto ausgeben …
      ich fahre eine ZOE R110 ZE40 mit locker 200km reichweite jetzt im winterbetrieb mit standheizung (10min.) vor dem losfahren und fast ständig eingeschalteter sitzheizung und vollem heizbetrieb während der fahrt zwecks gemütlichkeit 😉

      p.s. als früherer hondafahrer bin ich bestürzt über dieses imho hässliche entlein mit nicht zeitgemässem akku + preis! (wo bleibt die japanische eleganz von z.b. anno 1990 ?)

  8. Gerd

    Ich kann mich nur anschließen: Das Auto machte auf den ersten Eindruck (IAA) einen tollen Eindruck und war wirklich schon im Beuteschema. Als Zweitwagen was die Größe angeht, als Erstwagen in Sachen geplanter Laufleistung.
    Aber die Kombination aus relativ hohem Preis, kleiner Batterie und hohem Verbrauch schießen den Honda e bei mir aus dem Rennen.
    Gerade im Vergleich der Leasingkosten (Honda 10.000€ + 36*299€) zum e-Up (0€+36*139€) sind die eigentlich tollen Gimmicks am Honda völlig überzogen bepreist.
    Sehr, sehr schade!

  9. Detlev Haas

    Hallo

    Da braucht man keinen Tesla sondern nur eine ZOE
    mit 40kWh Batterie und wenn das auch nicht reicht
    die ZOE mit 50 kWh Batterie. Reichweite bis zu 400km

  10. J

    OMG. Über Optik kann man streiten, aber Preis/Leistung bei den neuen e-Autos in 2020 (!) ist doch schier unterirdisch. Da kann ich jeden verstehen, der weiterhin seinen Verbrenner für 10-20T€ weniger kauft.

    Wir brauchen mehr erfolgreiche reine e-Player wie Tesla am Markt, die mit Hirn konstruieren und nicht ihren Verbrenner-Rückbau finanzieren müssen.

    Just my 2ct

  11. strauss

    Detlev, bin auch Deiner Meinung der Schreiber (Model 3) hat einfach Geld zum Hinauswerfen.Mache mit dem Zoe
    41 KWh schon 400 KM REichweite im Sommer.Dann müsste der R 135 quasi 500 Km weit gehen. Renault bescheisst nicht, die untertreiben.

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Gefunden bei electrive.net
https://www.electrive.net/2020/01/27/honda-e-ist-das-genug-im-jahr-2020/
27.01.2020 09:11