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Bild: H. Salentinig

Winter-Wagnis: Österreicher schaffen es im E-Sattelzug zum Nordkapp und zurück

Minus 41 Grad, vereiste Steigungen, dünn gesäte Ladestationen – und mittendrin ein elektrischer 40-Tonner mit Anhänger. Was für viele nach einer Grenzerfahrung klingt, war für Herbert und Silvia Salentinig aus Österreich eine fein säuberlich kalkulierte Reise. Bei der eNordkappChallenge 2025 fuhren sie mit einem serienmäßigen Mercedes-Benz eActros 600 bis an den nördlichsten Punkt Europas. Und demonstrieren damit: Elektromobilität funktioniert auch unter Extrembedingungen. Wir haben die beiden auf der Rückfahrt erreicht.

Während viele Menschen am Heiligabend zu Hause feiern, Geschenke auspacken oder den Tisch decken, rollen Herbert und Silvia Salentinig im österreichischen Salzburg los. Vor ihnen liegen mehrere tausend Kilometer, Schnee, Eis und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Ihre erste Etappe: mit ihrem E-Sattelzug rechtzeitig zur Startlinie der eNordkappChallenge 2025 in Oldenburg kommen. Die Veranstaltung hat sich als jährlich wiederkehrendes Spektakel für hartgesottene E-Mobilisten einen Namen gemacht. Von Oldenburg aus wird es neun Tage lang und rund 3.500 Kilometer Richtung Norden und gehen: zunächst durch Dänemark bis nach Schweden, dann weiter durch das Herzen Lapplands, bis hin zum nördlichsten Punkt Europas.

Schon dieser Auftakt macht klar: Für die beiden ist die Teilnahme mehr als ein technischer Test. Es ist eine persönliche Reise. Eine gemeinsame Entscheidung. Und ein Projekt, das sie bewusst als Ehepaar angehen. Die Idee entstand dabei nicht spontan. Herbert Salentinig ist Geschäftsführer der Logistikfirma Vega International Car-Transport & Logistic-Trading und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Elektromobilität im Schwerlastverkehr. Das Unternehmen betreibt bereits eine wachsende Elektro-Lkw-Flotte, hat eigene Ladeinfrastruktur aufgebaut und versteht sich als Pionier in diesem Bereich.

Als die eNordkappChallenge ins Spiel kam, war für ihn schnell klar: Das ist mehr als ein PR-Event. „Unser Eigentümer hat uns darauf aufmerksam gemacht und gesagt: Das wäre etwas für euch“, erzählt Salentinig. Gemeint waren bewusst nicht nur er – sondern auch seine Frau Silvia. Für sie bedeutete das eine besondere Entscheidung: Sie machte eigens für dieses Projekt den Lkw-Führerschein. Mit 66 Jahren. „Ich wollte das nicht nur begleiten, sondern wirklich selbst fahren“, sagt Silvia Salentinig. Ihr Mann ergänzt: „Ich bin jemand, der Dinge selbst ausprobieren muss. Nur dann kann ich glaubwürdig darüber sprechen.“ Dass sie die Challenge gemeinsam bestreiten, war für beide selbstverständlich. „Wir sind im Leben ein Team – warum nicht auch hier?“

Start am Heiligabend – weil Planung alles ist

Der offizielle Start der eNordkappChallenge erfolgte Ende Dezember in Oldenburg. Um pünktlich dort zu sein, fuhren Herbert und Silvia Salentinig also wie erwähnt am 24. Dezember los. „Heiligabend, am Nachmittag“, sagt Salentinig nüchtern. Keine Inszenierung, keine große Geste – sondern pragmatische Planung. Diese frühe Abfahrt war sinnbildlich für die gesamte Fahrt. Denn wer mit einem E-Lkw im Winter Richtung Nordkapp unterwegs ist, kann sich keine spontanen Entscheidungen leisten. Ladepunkte, Reichweiten, Zeitfenster – alles muss durchdacht sein. Und trotzdem ereignet sich noch genug Unvorhergesehenes.

Unterwegs waren die beiden nicht nur Fahrer, sondern auch Navigatoren, Techniker, Problemlöser. „Die nächste Etappe wurde abends intensiv geplant“, sagt Silvia Salentinig. „Das ist etwas ganz anderes, als mit dem Pkw unterwegs zu sein.“ Die Strecke über den Inlandsvägen in Schweden und weiter Richtung Finnland verlangte dem Team alles ab. Eisige Fahrbahnen, Dunkelheit, kurze Tage und Temperaturen bis minus 41 Grad. Der eActros 600 fuhr dabei nicht leer, sondern mit Auflieger und realistischem Gesamtgewicht von rund 32,5 Tonnen.

Ein Auflieger der umpraktischen Sorte

Auch der Auflieger war bewusst nicht ideal gewählt. „Ich habe den unpraktischsten Trailer mitgenommen, den wir haben“, erklärt Salentinig. Ein zwillingsbereifter Fahrzeugtransporter mit hohem Eigengewicht und ungünstigem Rollverhalten im Schnee. „Wenn, dann richtig.“ Wie Salenting erklärt, sind nicht nur die kleinen Räder ein Problem. Aufgrund der Zwillingsbereifung bildet der Schnee einen Keil zwischen den Rädern – und bremst das Fahrzeug. 

Der Energieverbrauch schwankte stark. „Im besten Fall lagen wir bei etwa 145 kWh pro 100 Kilometer“, sagt Herbert Salentinig. „In den extrem kalten Phasen ging es hoch bis rund 269 kWh.“ Besonders anfällig waren dabei nicht die Hochvoltbatterien, sondern die 12-Volt-Systeme. „Displays, Steuergeräte, Starterbatterien – da hatten alle Fahrzeuge Schwierigkeiten“, erklärt Salentinig. Ein bekanntes Thema, das auch Hersteller bei Kältetests begleitet. Für beide war das kein Schock, sondern Teil der Erfahrung. „Das passiert allen Fahrzeugen, egal welcher Hersteller.“

Laden als größte Hürde

Die größte Herausforderung der gesamten Fahrt war jedoch nicht das Fahren, sondern das Laden. Während das Ladenetz in Süd- und Mittelschweden vergleichsweise gut ausgebaut ist, wird die Infrastruktur weiter nördlich deutlich dünner. Und für einen E-Lkw sind viele Ladepunkte schlicht ungeeignet. „Mit 150 kW können wir laden, aber dann stehen wir zwei Stunden“, sagt Salentinig. Ziel war es daher, Ladeleistungen von mindestens 175 kW zu erreichen. Doch selbst wenn diese verfügbar waren, fehlte oft der Platz. „Viele Säulen sind nur für Pkw ausgelegt. Wir mussten manchmal absatteln und improvisieren.“

Hinzu kamen blockierte Ladepunkte und eingeschränkte Bezahlmöglichkeiten. „Oft kannst du nur mit einer fixen Kreditkarte zahlen, mit einem Limit, das für einen Lkw nicht reicht“, berichtet Salentinig. Teilweise musste der Ladevorgang mehrfach neu gestartet werden. Besonders kritisch wurde es nördlich des Polarkreises. „Einmal sind wir mit zwölf Prozent angekommen und wussten nicht, ob die Station funktionieren wird“, schildert Silvia Salentinig. Improvisation gehörte zum Alltag. Eingefrorene Stecker, nicht reagierende Displays, Ladesäulen, die erst nach mehreren Versuchen funktionierten. „Die Kollegen haben tatsächlich einen Föhn benutzt, um die Technik wieder zum Laufen zu bringen“, erzählt sie.

Was lässt sich für den Alltag ableiten?

Die eNordkappChallenge findet jedes Jahr um den Jahreswechsel herum statt und gilt als eine der anspruchsvollsten E-Mobilitätsfahrten Europas. Die rund 3.500 Kilometer lange Strecke bis nach Nordnorwegen verlief in diesem Jahr unter anderem durch den schwedischen Inlandsvägen (E45), eine Region mit großen Distanzen, wenig Infrastruktur und extremen Wetterbedingungen. Im Winter fallen die Temperaturen dort regelmäßig unter minus 20 Grad, Eis und Schnee bestimmen den Alltag. Nördlich des Polarkreises verschwindet das Tageslicht nahezu vollständig. Für Elektrofahrzeuge bedeutet das einen höheren Energiebedarf, eingeschränkte Ladeleistung und kaum Reserven bei der Routenplanung.

Tatsächlich ist das Team Vega nicht das erste, das die Challenge mit einem E-Lkw meisterte. 2023 nahm etwa die Schweizer Thomann Nutzfahrzeuge AG mit einem Renault D Wide E-Tech an dem Event teil. Allerdings ohne Auflieger. Es gibt aber natürlich Parallelen: Auch damals schon war das Laden des XXL-Stromers eines der größten Abenteuer auf der Strecke.

Trotz aller technischen Herausforderungen bleibt bei Herbert und Silvia Salentinig vor allem eines hängen: die gemeinsame Zeit. Stundenlang in der Kabine, Gespräche, Stille, Konzentration. „Man ist sehr aufeinander angewiesen“, sagt Herbert Salentinig. „Gerade unter solchen Bedingungen.“ Auch der Komfort ließ rapide nach. Die Kabinenheizung kämpfte mit der Kälte, Jacken blieben an. „Es war nicht immer gemütlich“, sagt Salentinig offen. „Aber wir wussten, warum wir das machen.“

Die zentrale Frage lautet: Was lässt sich aus dieser Extremfahrt für den Alltag ableiten? Für Herbert Salentinig ist die Antwort klar: sehr viel. „Ich nehme mit: Es funktioniert“, sagt er. Für feste Routen sei elektrischer Schwerverkehr heute bereits praxistauglich. „Es ist eine Rechenaufgabe. Wenn du planst, funktioniert es zu 120 Prozent.“

Salentinigs Arbeitgeber Vega betreibt aktuell rund 30 elektrische Lkw von Volvo, MAN und Mercedes, weitere sind bestellt. Parallel baut das Unternehmen systematisch eigene Ladeinfrastruktur auf – an allen Standorten. „Dann kann mir kein Fahrer mehr sagen: Das geht nicht.“ Offen bleibt die Wirtschaftlichkeit. „Es muss bezahlt werden“, betont Salentinig. Förderungen allein seien keine Lösung. „Die großen Kunden müssen bereit sein, den Preis mitzutragen. Sonst übergeben wir der nächsten Generation ein Chaos.“

Am Ende haben Herbert und Silvia Salenting das Nordkapp erreicht  – dieses Jahr das einzige Team mit einem vollelektrischen Sattelzug. Kein Jubel, keine Inszenierung. Eher Erleichterung. Und Stolz. „Wir haben gezeigt, dass es geht“, sagt Salentinig. „Nicht theoretisch, sondern praktisch.“ Die Rückfahrt mussten die beiden, wie alle Teilnehmer, selbst organisieren. Mitte Januar werden sie wieder zu Hause erwartet. Die Frage, ob sie es wieder tun würden, beantworten beide mit einem Lächeln. „Im Sommer“, sagt Herbert Salentinig. „Wenn es warm ist.“

3 Kommentare

zu „Winter-Wagnis: Österreicher schaffen es im E-Sattelzug zum Nordkapp und zurück“
Nicole H.
15.01.2026 um 11:47
Schöner Bericht, Danke fürs Mitnehmen ✨❄️⚡
Steve K.
15.01.2026 um 13:20
Das zeigt doch, was alles schon möglich ist. Tolle Aktion. Die Weltreise 80 Ladestation mit dem Elektrotrucker (Tobias Wagner) wird sicher auch sehr spannend.
Matthias
15.01.2026 um 13:56
"40-Tonner mit Anhänger" der "Auflieger" heißt, schließlich liegt er auf der Sattelzugmaschine auf und wurde nicht einfach angehängt.

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