16.05.2017

Keine Million Elektroautos

Warum Merkels Abkehr vom Millionen-Ziel der Elektromobilität am Ende helfen kann

Weg ist sie, die Million. „So, wie es im Moment aussieht, werden wir dieses Ziel nicht erreichen.“ Mit diesem Satz hat Angela Merkel das Ziel von einer Million Elektroautos bis 2020 endgültig zu Grabe getragen. Was die Grünen nun zur „Bankrotterklärung“ stilisieren, ist am Ende nur – die simple Wahrheit. Ein Kommentar von Peter Schwierz.

Ich muss gestehen: Als ich die Aussage der Bundeskanzlerin las, geäußert auf einem Kongress der Unionsfraktion in Berlin, hielt sich meine Aufregung in Grenzen. War doch allen Fachleuten schon seit Jahren klar, dass es mit der Million bis 2020 nichts mehr wird. Artikel, die mit der einschlägigen Wortgruppe begannen, bis 2020 wolle die Bundesregierung eine Million Elektroautos auf die Straße bringen, habe ich in den vergangenen Monaten nach diesem ersten Satz kopfschüttelnd abgebrochen. Und davon gab es viele, das können Sie mir glauben.

Wenn nun Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer die Aufgabe des Ziels als „klima- und industriepolitische Bankrotterklärung“ bezeichnet, dann hat er zwar Recht, betreibt aber nur Wahlkampf. Oder was unterscheidet die Merkel-Äußerung von der (inzwischen abgestraften) grünen NRW-Ministerin Sylvia Löhrmann, die vor einem Wahlkampfauftritt von ihrem Dienst-Verbrenner ins Wahlkampf-Hybridauto umgestiegen ist?

Tatsächlich ist es an der Zeit, sich ehrlich zu machen in Deutschland. Ja, wir bauen die besten Verbrenner der Welt. Ja, wir lieben es, damit ohne Tempolimit über unsere Autobahnen zu ballern. Nein, die dreckige Luft in den Städten bringt uns nicht auf die Palme. Solange unser Diesel-SUV vor der Tür parken darf und uns komfortabel und günstig in einem Rutsch von Flensburg nach Freiburg schaukelt, haben wir keinen Sinn für Alternativen. Vermutlich gehören Sie zu den 15.000 Abonnenten von electrive.net, die jetzt aufgebracht widersprechen wollen. Aber Ihnen muss klar sein: Sie sind die Ausnahme!

Bequemlichkeit statt Verkehrswende

Zwischen Modellregionen und Schaufenstern war die Elektromobilität in den vergangenen Jahren vor allem Flickschusterei. Hier ein elektrisches CarSharing, dort ein paar Ladesäulen – mehr war selten. Der Umweltbonus war nur PR-Aktion, das Ladeinfrastuktur-Programm spät dran, die Ausländer-Maut (in einem freien Europa) des Verkehrsministers liebstes Ding. Von der Energiewende im Straßenverkehr ist die Bundesrepublik heute so weit entfernt wie die Zugspitze von der Nordseeküste. Das liegt vor allem an drei Dingen: dem mangelhaften Angebot der Hersteller, den schlechten Rahmenbedingungen für alternative Antriebe und dem Unwillen der Politik, an beidem wirklich etwas zu ändern. Es hat seine Gründe, dass der BMW i3 im Jahr 2017 noch immer das erste und einzige Purpose Design-Elektroauto aus Deutschland ist und ansonsten wie beim e-Golf die Kompromisse dominieren. Wirtschaft und Gesellschaft haben es sich bequem eingerichtet. Deutsche Verbrenner verkaufen sich weltweit wie geschnitten Brot, sie mehren dadurch hierzulande den Wohlstand. Wer daran ernsthaft etwas ändern wollte, stand schnell als grüner Bevormunder oder Arbeitsplatz-Gefährder am Pranger. In diese Falle sind die Grünen oft getappt.

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Und nun? Wie geht es weiter, nachdem Angela Merkel die Million höchstamtlich annulliert hat? Ganz einfach: Jetzt wird sich die beste Technologie durchsetzen. Dass der Diesel das nicht ist, wissen wir jetzt. Er wird sich in Europa noch ein paar Jahre halten und dann zumindest im Auto langsam aber sicher den Rückzug antreten. Die Autohersteller werden zwar viel unternehmen, um das zu verhindern, doch mehr als eine Nische ist der Diesel nach dem Aus in den USA nicht. Auch der Plug-in-Hybrid, als das Beste aus zwei Welten verkauft, hat nur auf Sicht eine Daseinsberechtigung. Was langfristig bleibt, sind Batterie-elektrische Fahrzeuge, Wasserstoff-Autos mit Brennstoffzelle an Bord – oder Verbrenner, betankt mit synthetischen Kraftstoffen. Von diesen drei Lösungen werden sich zwei durchsetzen – die günstigste und die komfortabelste.

Wettbewerb erfordert Chancengleichheit

Das heißt: Der Wettbewerb um die Mobilität der Zukunft ist eröffnet. Statt Planwirtschaft ist Innovationsgeist gefragt. Und die Zeichen deuten darauf hin, dass hier Batterie und Brennstoffzelle das Rennen machen werden, auch wenn so mancher Automobiler vom synthetischen Kraftstoff träumt, um den Verbrennungsmotor zu retten. Was man sich von der nächsten Bundesregierung nur wünschen kann, ist Chancengleichheit in diesem Wettstreit – auch im Interesse der etablierten Autohersteller, die sonst zu lange in die falsche Technologie investieren, während Newcomer wie StreetScooter und Tesla ohne Ballast auf neue Lösungen setzen. Der Steuer-Vorteil für Diesel an der Tankstelle muss deshalb schleunigst weg. Denn heute kosten 100 Kilometer im Elektroauto mit Strom von der öffentlichen Ladesäule oft mehr als 100 Kilometer mit dem Diesel.

Es gab einmal eine rot-grüne Bundesregierung, die in schlechten Zeiten den Mut hatte, mit der Agenda 2010 die Weichen für gute Zeiten zu stellen. Beim Verkehr sollten nun in guten Zeiten die richtigen Signale für saubere gesetzt werden. Dazu braucht es kein staatliches Millionen-Ziel. Es gibt in Deutschland, Europa und der Welt genug kreative Köpfe und findige Ingenieure, die den Wettstreit um die Mobilität der Zukunft nicht fürchten. Ob die besten Lösungen dann aus Kalifornien, Deutschland oder China kommen, wird genau dieser Wettbewerb entscheiden – wenn er fair ausgetragen werden kann.

Weiterführende Links:

>> Merkel kassiert das Ziel von einer Million E-Autos bis 2020
>> Merkel verabschiedet sich vom Elektroauto-Ziel
>> Stecker gezogen. Ein Versagen der Regierung? Die Analyse.
>> Grüne werfen Bundesregierung bei Elektromobilität Scheitern vor




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4 Kommentare zu “Keine Million Elektroautos

  1. Ich habe mich neulich über die Ladeinfrastruktur auf der Strecke Berlin-München informiert. Ich war erfreut zu sehen, dass sich in den letzten 2 Jahren etwas getan hat. Mit SLAM sind ein paar Autohöfe mit 5 CCS Ladesäulen ausgerüstet worsen, so dass man sich (im Moment, denn die Million ist noch nicht da) keine Sorgen machen muss keine freie Ladesäule zu ergattern. Mir wurde ganz anders, als ich den Preis bei Allego gesehen habe. 69 Cent/kWh! Ich finde, dass das den Tatbestand des Wuchers erfüllt. Strom ist für den Privatmann unter 30 Cent/kWh zu haben und Industriestrom dürfte noch deutlich günstiger sein. Bei Richtgeschwindigkeit fallen sicher ca. 25 kWh/100km an, was 17,25€ wären. Das ist doppelt so teuer wie bei einem Diesel! Da muss Wettbewerb her, der bleibt aber aus, wenn nicht mehr Elektroautos kommen – und die werden nicht kommen wenn sowohl Anschaffung als auch Betrieb teurer sind. Bleibt zu hoffen, dass mit den 350kW Ladesäulen der Automobilhersteller ein vernünftiges Preisniveau einkehrt. Ansonsten bleibt einem nur Tesla übrig. Das wäre traurig…

  2. China ist Leitmarkt und wird das Millionenziel 2017/2018 schaffen. Nebenbei werden sie dadurch auch Leitanbieter werden und Tesla und BMW von den Stückzahlen her verdrängen. Ob Deutschland diesen Vorspung noch einholen kann ist sehr fraglich.
    Zudem werden neue Mobilitätsanbieter(-plattformen (Uber, …) mit autonomen E-Fahrzeugen die OEM’s zu Zulieferern mit geringeren Margen als heute degradieren. Der Mobilitätskunde von morgen bucht sich seine Dienstleistung über den günstigsten oder komfortabelsten Anbieter und OEM’s sind dann austauschbare Zulieferer.
    Chancengleichheit für die besten Antriebe wird dann nicht reichen. Die Politik hat den Markt auf diesen Wandel nicht ansatzweise vorbereitet und trägt eine Mitschuld, wenn die deutschen OEM’s in eine (Liefer-)krise mangels Batterien kommen. Dann ging der Lobbyismus pro Verbrenner nach hinten los.

  3. Das Millionenziel für 2020 wurde ausgerufen, damit Deutschland Leitanbieter und Leitmarkt für BEV werden soll und der Automobilstandort Deutschland auch über 2020 hinaus Jobmaschine und Steuergarant bleibt. Durch Lobbyarbeit der Automobilindustrie hat die Politik die Rahmenbedingungen aufgeweicht und ist vom Millionenziel abgerückt (Beibehaltung der Dieselsubvention, keine Anreize für Batteriezellfertigung in Deutschland, blaue Plakette verschoben, RDE-Tests aufgeschoben, Dieselgate zugelassen, falsche CO2-Angaben führen Jahr für Jahr zu Steuermindereinnahmen getäuschter Autokäufer!, …).

    Eine neue Technologie lässt sich aufschieben aber nicht verhindern. Nun sind Tesla und chinesische Anbieter in der Lage bis 2020 BEV in nennenswerter Stückzahl (Millionen…) zu produzieren und in die Märkte zu schicken. Wenn die deutschen OEMs nicht in Kürze Zugriff auf Produktionskapazitäten für Batterien bekommen (Zulieferer oder eigene Zellfertigung) werden sie die entwickelten BEVs mangels verfügbarer Batterien nicht produzieren können. Dann trifft diese Disruption die OEMs wie Nokia, Agfa, Grundig, … in anderen Branchen. Mit verheerenden Folgen für den dann ehemaligen Automobilleitmarkt/-anbieter Deutschland. Noch ist Zeit und Geld da die Verbrenner-Entwicklung einzustellen und in den Aufbau von deutschen Gigafactories zu stecken. Wer das heute nicht tut, handelt grob fahrlässig. In fünf bis zehn Jahren werden Verbrenner unverkäuflich sein und von 25 % verkauften Batteriefahrzeugen 2025 allein werden die OEMs nicht leben können, wenn die Produktion von 75 % Verbrennern auf der Halde steht. Die Mini-Rezession von 2008/2009 war ein kleiner Vorgeschmack, wie der Staat einspringen muss, wenn sich Pkws nicht verkaufen.

  4. Traum vom synthetischen Kraftstoff. Schön ausgedrückt! Wasserstoff bleibt aber zumindest mittelfristig auch nur ein Traum. Dafür sehe ich im wesentlichen drei Gründe: 1.) Der Preis der Brennstoffzelle ist noch viel zu hoch und wird im Sinkflug wohl kaum mit den Batterien mithalten können. 2.) Wirkungsgrad Well-to-wheel: miserabel. Ein BEV fährt mit der selben PV-Fläche ca. viermal so weit wie ein H2-Auto. 3.) Erzeugung des Wasserstoffs: absehbar größtenteils aus Erdgas – da billiger (siehe Punkt 2). Da kann man dann gleich mit Erdgas fahren.