Volkswagens Logistikexperten glauben an den Batterie-Lkw
Die VW Konzernlogistik, das sind 800 mehrheitlich in Wolfsburg tätige Mitarbeiter, die den Warenfluss rund um die Werke aller Marken der Volkswagen-Gruppe am Laufen halten. Sie verantworten europaweit sämtliche Landverkehre (also Straße und Schiene) im Sammelgut sowie interkontinental auch Übersee-Transporte mit Schiff und in seltenen Fällen per Flugzeug. Die Gesellschaft spielt damit eine gewichtige Rolle im Supply-Chain-Management der Volkswagen-Gruppe, nur die Landverkehre auf anderen Kontinenten werden in separaten Abteilungen gemanagt.
Um es zu verdeutlichen: Die Wolfsburger Logistikexperten stellen die Weichen, dass täglich im Schnitt 200 Millionen Teile und rund 43.000 Fahrzeuge per Schiff, Bahn und Lkw bewegt werden. Simon Motter ist seit 2021 Leiter der Konzernlogistik und somit oberster Hüter dieses Tag wie Nacht pulsierenden Netzes. Corona, Ukraine-Krieg, Halbleiter-Engpass – er hat schon einige Lieferketten-Krisen erlebt. Im Reagieren ist seine Organisation erprobt, im Agieren aber auch: Motter und sein Team halten das Logistiknetz strategisch, taktisch und operativ immer beweglich.
Die Versorgungssicherheit steht dabei über allem, aber wichtiger werden parallel die Themen Effizienz und Nachhaltigkeit. Und wer über Nachhaltigkeit spricht, kommt in puncto Straßengüterverkehr am Elektro-Lkw kaum mehr vorbei. Simon Motter gehört zu deren Fürsprechern. Wir treffen ihn auf dem E-Experience Event in München – einer von MAN und der VW Konzernlogistik gemeinsam ausgerichteten B2B-Veranstaltung im MAN Truck Forum nördlich der Münchner Innenstadt. Wer hier eingeladen ist, gehört zu den vom Volkswagen-Konzern vor allem für die Materialtransporte eingesetzten Lkw-Speditionen oder ist Kunde von MAN. Die Gäste aus der Lkw-Branche dürfen ans Steuer von MANs eTruck, bekommen eine Ausstellung und Expertenvorträge geboten. Vor allem haben sie Zeit zum Austausch miteinander.
Wie kann die VW-Konzernlogistik mehr E-Lkw erwirken?
„Der gegenseitige Erfahrungsaustausch der Unternehmer untereinander und auf Augenhöhe – das ist in der Regel viel überzeugender, als wenn wir nur theoretisch von den Vorteilen von E-Lkw reden“, ist sich Simon Motter sicher. Sein Unternehmen gehört zu den Verladern, besitzt insofern selbst keine Lkw. Die VW Konzernlogistik vergibt vielmehr Aufträge an Speditionen, die ihre Trucks einsetzen und so auch über deren Marken und Antriebe bestimmen. Wie können Motter und seine Leute also den Einsatz von mehr E-Lkw erwirken? „Wir sind dem Pariser Klimaabkommen verpflichtet, also müssen wir CO2 reduzieren“, leitet Volkswagens oberster Logistik-Lenker ein. „Wir kommunizieren das an unsere Partner und Lieferanten, darunter viele kleine und mittlere Unternehmen.“ Events wie dieses in München sollen ein weiteres Puzzle-Teil bilden, um Spediteuren bewusst zu machen, dass die Integration von E-Lkw dazu beitragen kann, mittelfristig wirtschaftlichere Angebote als die Konkurrenz abgeben zu können.
Natürlich könnte die VW Konzernlogistik auch einfach E-Lkw bei der Auftragsvergabe zur Bedingung machen – theoretisch jedenfalls. „Viel wichtiger ist uns, dass wir unsere Spediteure überzeugen“, betont Motter. Das Business ändere sich und wer das verstehe, werde einen Schritt voraus sein. Es geht aus Sicht des Managers derzeit darum, das Thema E-Lkw von den Pionierbetrieben in die Breite zu bekommen. Denn dass sich Strom-Trucks rechnen können und verlässlich sind, haben einzelne Unternehmer in der Branche schon gezeigt. Allerdings ist nicht jeder so investitionsfreudig wie die kleine Gruppe der Early Adopters. Und das liegt laut Motter nicht zuletzt an Rahmenbedingungen wie dem in Deutschland vergleichsweise hohen Strompreis.
„Der Schlüssel zur Antriebswende ist ein guter Preis für den von Logistikern genutzten Strommix: Ich muss wissen: Wann kann ich wo zu welchen Preisen laden.“ Er erwarte, dass E-Lkw den Wettbewerb in der Branche neu entfachen, sagt Motter. „Aktuell unterbreiten Speditionen mit technisch fast identischen Lkw sehr ähnliche Angebote. Bald können aber Unternehmer, die sich mit der neuen Technologie und dem neuen Ökosystem beschäftigen, bessere Angebote machen.“ Die Logistik erhalte neue Mechanismen, Logiken, Verhandlungsmöglichkeiten – „und wer das versteht, wird zu den Gewinnern von Morgen gehören.“
Mittlere Transportdistanzen sind in den Augen der Wolfsburger Logistikplaner der ideale Anwendungsfall für Batterie-Lkw. Im Regionalverkehr sind sie bereits heute weitgehend alltagstauglich und konkurrenzfähig. Viele Distanzen in der weit verzweigten Werkslogistik mit stets wiederkehrenden Routen können Strom-Lkw schon bewältigen. Auf die Frage, wie viel Prozent der Relationen, die zurzeit mit Diesel-Lkw laufen, heute schon auf E-Trucks umgestellt werden könnten, sind die Konzernlogistiker nach kurzer Recherche überzeugt: „Ein erheblicher Anteil“. Und: „Perspektivisch wird der Anteil der wirtschaftlich darstellbaren Strecken weiter steigen.“
E-Lkw sind ein großer Hebel
Kein Zweifel, das Potenzial ist enorm: Bei den beauftragen Dienstleistern der VW-Logistik ist allein im europäischen Materiallogistik-Transportnetz eine mittlere vierstellige Zahl an Lkw im Einsatz. Eine genaue Erfassung der bereits im Netz pendelnden E-Lkw ist schwierig, aber da sich die Elektro-Trucks erst im Hochlauf befinden („vor allem die für die Automobilindustrie notwendigen sogenannten Low-Liner“), ist ihre Zahl nach Schätzungen des Unternehmens „naturgemäß noch überschaubar“.
Doch das Bewusstsein unter den Dienstleistern wächst. Nicht nur dank Events wie in München, sondern auch dank Initiativen wie „goTOzero Impact Logistics“, dem Logistik-Nachhaltigkeitsprogramm der Volkswagen Group. Im Zuge dieser Initiative setzt beispielsweise die Firma Duvenbeck seit einem Dreivierteljahr als Lowliner konfigurierte E-Sattelzugmaschinen von MAN in der VW-Werkslogistik ein. Das Programm ist zwar grundsätzlich breit gefasst („Wir wollen für alle Transportlösungen die Umweltauswirkungen stetig minimieren“), doch Elektro-Lkw gelten im Management als einer der größten Hebel.
„Gerade im Landverkehr sind die CO2e-Emissionen von Diesel-Lkw im Verhältnis zur Transportleistung besonders hoch“, vergegenwärtigt Simon Motter. Heißt: Obwohl der Straßentransport bei der VW Konzernlogistik weniger als 50 Prozent der Transportleistung ausmacht, verursacht er mehr als die Hälfte der CO2e-Emissionen. „Deshalb sehen wir Elektro-Lkw als die geeignetste Technologie für eine klimafreundlichere Nutzfahrzeugflotte.“ Daraus folgt die Prämisse des Unternehmens, dass überall dort, wo möglichst grüner Strom und Infrastruktur vorhanden sind, „der Einsatz Batterie-elektrisch betriebener statt fossil angetriebener Lkw gefördert wird“. Davon unberührt bleibt das übergeordnete Ziel, künftig noch mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu bekommen. Züge sind per se CO2-arm und bieten in den Augen der Logistikstrategen noch deutliches Steigerungspotenzial. Aber auch hier macht die Infrastruktur Bauchschmerzen, weniger ihre Abwesenheit, als ihr Zustand. Eine andere Baustelle sozusagen.
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