Eichamt verhindert neue Ladestationen in Berlin

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In Berlin stehen bereits über zehn neue Ladesäulen sinnlos am Wegesrand, weil die Eichbehörde die Inbetriebnahme verhindert. In der Hauptstadt wird derzeit ein Eich-Exempel statuiert, das bundesweit Folgen haben könnte. Das gut gemeinte, bei Nutzern aber unbeliebte „Berliner Modell“ ist am Ende.

Nach Informationen von electrive.net sind in Berlin in den vergangenen Monaten über zehn Allego-Ladesäulen aufgestellt worden, die seither nicht ans Netz gehen dürfen. Es mehren sich Berichte irritierter Nutzer, die an den Ladestationen ihre Elektroautos laden wollen – es aber nicht können. Hintergrund ist, dass die Eichbehörden diesen Säulen die nötige Konformitätsbewertung verweigern, weil sie nicht den aktuellen Vorgaben des Eichrechts entsprechen. Das Thema beschäftigt die Branche bundesweit. Deshalb ist die Bedeutung der aktuellen Situation in Berlin groß.

Für das vor Ort zuständige Landesamt für Mess- und Eichwesen Berlin-Brandenburg ist die Sachlage klar: Die seit zwei Jahren in Berlin aufgestellten Ladestationen nach dem „Berliner Modell“ entsprechen nicht der Mess- und Eichverordnung für elektrische Einrichtungen. Bisher hatte man zwar auf eine Lösung gepocht, aber den weiteren Aufbau geduldet. Das ist nun vorbei.

Wie Uwe Paulin vom Berliner Eichamt gegenüber electrive.net bestätigt, wird eine schon länger existierende Auflage, keine neuen Stationen aufzustellen, nun durchgesetzt. „Wir hindern den Betreiber daran, weitere Ladesäulen unrechtmäßig in den Verkehr zu bringen“, sagt Paulin. Der Mann ist kein Unbekannter: Paulin leitet den Unterausschuss für Elektromobilität der Arbeitsgemeinschaft Mess- und Eichwesen (AGME), dem Gremium zur bundesweiten Abstimmung unter den Eichbehörden der Bundesländer. In Berlin probt er gewissermaßen den Eich-Aufstand. Seinen Worten zufolge werden sich die Eichbehörden anderer Bundesländer an dem Verfahren in der Hauptstadt orientieren und ab dem zweiten Halbjahr überall auf Eichrechtskonforme AC-Ladesäulen bestehen. Alles andere soll nicht mehr ans Netz gehen dürfen. In der Branche ist die Aufregung deshalb jetzt schon groß.

Totes Land: Auf dieser Fläche in der Grünberger Straße in Berlin darf aktuell niemand parken. Verbrenner nicht. Und Elektroautos auch nicht. Die Ladestation nach dem „Berliner Modell“ ist aufgrund der Eichproblematik nicht in Betrieb.

Bisher erhalten Nutzer der Berliner Ladesäulen, die bekanntlich nach einem Zeittarif abgerechnet werden, oft erst Wochen nach einem Ladevorgang eine Rechnung mit genauen Angaben. Für die Eichämter ist dieses Vorgehen inakzeptabel. Sie wollen, dass es läuft wie an der Tankstelle: Abgabemengen und Preise sollen für den Kunden sofort ersichtlich sein. Betreiber Allego bereitet deshalb schon länger eine digitale Lösung vor: Nutzer sollen künftig per App die genauen Messdaten direkt nach dem Ende ihres Ladevorgangs einsehen und bestätigen können. Damit wären die Voraussetzungen der nötigen Konformitätsbewertung erfüllt. „Das ist eine Lösung, die wir für geeignet halten“, sagt Uwe Paulin. Ironie der Geschichte: Das gefühlt analoge und auf RFID-Karten basierende Berliner Modell würde dadurch quasi zwangsdigitalisiert. Randnotiz: Die vorher (und bis heute) in Berlin existierenden Innogy-Ladesäulen haben noch eine Bauart-Zulassung nach den Vorgaben bis Ende 2014 erhalten und werden deshalb vom Eichamt bis heute als eichrechtskonform beurteilt. Diese sollten im Zuge des „Berliner Modells“ eigentlich auf dessen Vorgaben hin umgebaut oder entfernt werden – wogegen Innogy beim Verwaltungsgericht klagt.

In diesem Streit bahnt sich nun aber ein Kompromiss an. Dieser sieht vor, dass Innogy an seinen Ladesäulen das e-Ticket umsetzt und dafür ein RFID-Lesegerät nachrüstet. Auf ein Display, wie es ebenfalls gefordert wird, könne dagegen verzichtet werden. Das Berliner Modell wird also aufgeweicht. Zudem – und das dürfte Kunden von außerhalb freuen – ist der längst überfällige Anschluss der Allego-Säulen an die beiden bekannten Roaming-Netzwerke von Hubject und Smartlab in Arbeit.

Auch bei den komplizierten Berliner Tarifen, die von vielen Elektroautofahrern schon lange kritisiert werden (selbst Boykott-Aufrufe gab es schon), stehen Änderungen bevor: Dem Vernehmen nach kommt auch ein Arbeitspreis nach kWh aufgrund der geänderten Richtlinien infrage. Details sind aber noch unklar. Das um Jahre verspätete, von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt aber dennoch gern als Vorzeige-Projekt gefeierte „Berliner Modell“ wäre damit – zumindest in seiner Ursprungsversion – am Ende. Für die Elektroauto-Fahrer in Berlin ist das eine gute Nachricht. Sie hoffen schon lange auf fallende Preise und mehr Ladekomfort. Flexibilität und mehr Wettbewerb könnten das befördern. Der Elektromobilität in der Hauptstadt und der Berliner Luft kann das letztlich nur helfen.

4 Kommentare

zu „Eichamt verhindert neue Ladestationen in Berlin“
hardy
15.06.2017 um 19:33
Deutschland unternimmt alles um den Durchbruch der E-Mobilität zu verhindern. In den Niederlanden geht es besser.
Franz-Peter Kayser
16.06.2017 um 12:27
Ich hoffe sehr, dass der Optimismus des Artikels gerechtfertigt ist und be emobil tatsächlich endlich an den Nutzer denkt. Denn gerade durch die aktuell abstrus hohen Preise für Ladung mit geringer Leistung ist be emobil für die Mehrheit der privaten eAuto Fahrer gar nicht wirtschaftlich nutzbar. Hamburg zeigt hier, wie es richtig geht. Und entsprechend stellen dort auch die Carsharer auf Elektro um, während in Berlin das Elektrocarsharing nun zum großen Teil auf Benzin setzt.
Jo
17.06.2017 um 04:17
Strommarkt 2017 in Deutschland. ...gute Nacht
Schrauber601
19.06.2017 um 14:10
Allego hat neben diversen Softwareproblemen der Tripple-Charger auch noch ein Problem, selbst den Strombezug [kWh] korrekt zu ermitteln. So steht in meinem NM Ladelog eine 33min. Ladung mit 19.5kWh - real waren es aber nur 16.5kWh (DC; +16,2kWh im Akku)!

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