05.07.2017 - 17:32

„Elektromobilität macht unser Geschäft einfach besser.“

Interview mit Jürgen Gerdes, Konzernvorstand der Deutschen Post AG, über den StreetScooter

Mit dem StreetScooter mischt die Deutsche Post DHL in Eigenregie die Nutzfahrzeug-Industrie auf. Als einer der Treiber hinter der E-Mobilmachung wirkt Brief- und Paket-Vorstand Jürgen Gerdes. Wir haben mit ihm am Rande des StreetScooter-Flottenstarts in Berlin über seine Ambitionen gesprochen.

Mit dem StreetScooter betreiben Sie nicht nur die größte Elektro-Flotte der Republik, sondern produzieren sie auch gleich selbst. Ist die Post inzwischen ein Konkurrent der etablierten Automobilindustrie?

Ich habe erstens einen Höllenrespekt vor der deutschen Automobilindustrie. Und ich finde es etwas kurzgegriffen, es nur auf irgendeine profane Wettbewerbssituation zuzuspitzen. Wir machen uns Gedanken über die Logistik der Zukunft.

Haben Sie denn das Gefühl, dass die Nutzfahrzeug-Hersteller aufgewacht sind und Ihre Message verstanden haben?

Erstens habe ich denen keine Message gesendet und zweitens steht es mir nicht zu, das zu beurteilen. Ich sage noch mal: Ich habe einen unfassbar großen Respekt vor den deutschen Automobilherstellern und dem, was sie seit Jahrzehnten leisten. Darunter sind Firmen, die das Auto erfunden haben. Was sie an Technologien eingeführt haben über die Jahrzehnte, was sie an Arbeitsplätzen geschaffen haben und jedes Jahr wieder zur Verfügung stellen, ist einfach überragend. Die Autohersteller sind Partner von uns. Es waren unsere Partner, es werden immer Partner von uns bleiben. Ich wiederhole es: Das Zuspitzen auf eine reine Wettbewerbssituation – zwischen den sogenannten Etablierten und uns – ist mir einfach zu wenig. Hier geht es ehrlicherweise um etwas ganz anderes.

Worum geht es denn?

Es geht immer um die Art und Weise, wie wir etwas tun. Muss es denn immer mit Emissionen zu tun haben? Muss es laut sein? Muss es Schadstoffe ausstoßen? Oder lässt sich das auch anders gestalten? Wir haben zur Dimension Zeit und zur Dimension Ort eben die Dimension Nachhaltigkeit hinzugefügt. Mir persönlich ist das viel wichtiger als die Frage, ob wir anderen Unternehmen damit „Wettbewerb machen“. Selbst, wenn wir nicht in der Lage wären, Elektro-Fahrzeuge an Dritte zu verkaufen, selbst wenn wir dies nicht wollten, würden wir es trotzdem für uns tun. Denn wir glauben, dass Elektromobilität unser Geschäft einfach besser macht.

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Wann mustern Sie den letzten Diesel-Transporter aus Ihrer Paketzustellflotte aus?

Das kann ich Ihnen momentan nicht sagen. Ich kann Ihnen noch nicht mal sagen, ob es in jedem Einzelfall wirklich zu 100 Prozent gelingt, das in den nächsten Jahren zu tun. Es gibt natürlich auch Spezialanwendungen, wo man vielleicht am Ende des Tages mit einem batteriebetriebenen Fahrzeug gar nicht so richtig zu Rande kommt. Ich glaube, dass ist eine spannende Reise, auf die wir uns jetzt begeben haben. Diese umfasst sicherlich heute 80, 90 oder 95 Prozent der Flotte. Ob es wirklich den Letzten gibt, der irgendwann nicht mehr da ist, weiß ich heute nicht.

Wenn Ihnen vor 20 Jahren jemand gesagt hätte, Sie bauen bald E-Autos, was hätten Sie demjenigen geantwortet?

Interessante Idee!

Glauben Sie denn, dass Ihnen das Thema Batterie in Zukunft wirklich ausreichen wird? Kommt die Brennstoffzelle bei Ihnen möglicherweise als Alternative auch noch ins Spiel?

Wir denken natürlich auch über den reinen Batterieantrieb in der jetzigen Form und Verwendung hinaus nach. Wir haben neben unserer kleinen aber feine Produktion und der Teststrecke noch etwas, was zur Abteilung „Thinktank“ gehört. Wir beobachten die Entwicklung weltweit und wir forschen selbst ein kleines bisschen. Wir haben eine Menge Ideen.

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Können Sie überhaupt genau sagen, wie die Mobilität der Zukunft bei der Post aussieht?

Ich glaube, dass man aufgrund der digitalen Revolution, der Energierevolution, der Mobilitätsrevolution heute gar nichts mehr ausschließen kann und sollte. Wir gehören zu denen, die aus jeder Veränderung primär die Chancen rausziehen. Wir machen uns weniger Gedanken über vermeintliche Risiken. Wir wollen einfach die beste Logistik der Welt anbieten, weil wir daran glauben, dass es unsere Berufung ist, Menschen zusammen zu bringen und ihr Leben zu verbessern.

Wenn die letzte Meile der Zustellung elektrifiziert ist, wie sieht es denn davor aus? Etwa auf der Autobahn, bei den großen Lkw? Gibt es da auch schon Ideen irgendwann umzusteuern?

Wir versuchen das über die gesamte Wertschöpfungskette zu machen. Wir haben in den Sortierzentren beispielsweise eine Menge getan, was den Energieverbrauch angeht. Wir denken auch über Hauptläufe nach. (Der Hauptlauf ist ein Abschnitt der Lieferkette, bei dem viele Einzelsendungen vom Versandspediteur zu einer Sammelladung zusammengefasst werden. Anm. d. Redaktion) Wir denken natürlich über Lkw nach. Nicht alleine, aber mit Partnern zusammen. Und da gibt es ganz tolle Ideen, wie man so etwas machen kann. Das Fliegen wird in den nächsten Jahren noch schwierig. Es gibt zwar Flugzeuge, die das elektrisch können, aber die haben keine Zuladung. Aber wir hatten gerade das zehnjährige Jubiläum vom iPhone: Wer hätte vor elf Jahren gedacht, dass wir zehn Jahre später nicht mehr ohne Smartphone leben können? Ich glaube, man darf für die Zukunft nichts ausschließen. Wenn man sich wirklich dafür interessiert, dann gilt einer meiner absoluten Lieblingssätze: Können kommt von Wollen!

Letzte Frage, Herr Gerdes: Was fahren Sie als E-Visionär der Post eigentlich privat für ein Auto?

Ich habe eins, zwei Fahrzeuge, die für verschiedene Zwecke geeignet sind.

Darunter auch ein elektrisches?

Aktuell nicht, nur Elektro-Fahrräder. Aber ich bin kurz davor, ein elektrisches Auto zu kaufen. Ich kämpfe noch mit mir selbst, was das richtige ist. Ich versuche schon, mein eigenes Bewegungsprofil ein Stück weit danach auszurichten. Auf der anderen Seite ist es nicht wichtig, was ein Individuum für ein Fahrzeug fährt. Es geht darum, dass wir große Schritte tun. Wenn wir in der Lage sind, unsere Flotte zu elektrifizieren, weil es dort geht, weil es machbar ist, dann sollten wir das tun. Die Einstellung zur Elektromobilität hat eine Menge mit Machbarkeit zu tun. Wenn ich mit einem Fahrzeug von Bonn nach Berlin und zurück fahre, dann ist momentan der Elektroantrieb noch nicht die richtige Wahl. Man muss die Dinge tun, die machbar sind. Und dann mag es andere Sachen geben, die eben etwas später folgen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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Ein Kommentar zu “„Elektromobilität macht unser Geschäft einfach besser.“

  1. Lothar Jestädt

    Von Bonn nach Berlin gibt es auch ein Elektofahrzeug, nennt sich Zug.

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05.07.2017 17:00