18.08.2020 - 21:45

Ladeinfrastruktur-Aufbau: Durch intelligente Software-Auswahl Chancen nutzen und Risiken minimieren

Gastbeitrag von Hubject-CEO Christian Hahn über IT-Anforderungen beim Aufbau von Ladestationen

Der Ausbau der Elektromobilität gehört zu den wichtigsten Aufgaben der nahen Zukunft. Für Unternehmen, die in diesem Bereich neue Geschäftsfelder erschließen möchten, stellt sich allerdings eine Vielzahl von Fragen und Herausforderungen. Um hier die passende Lösung zu finden, lohnt es sich, frühzeitig Experten mit umfassendem Marktüberblick zu Rate zu ziehen.

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Elektromobilität ist eine der wichtigsten Komponenten der geplanten Energiewende hin zur vollkommenen CO2-Neutralität. Entsprechende Investitionen und Maßnahmen, bis hin zur Kaufprämie ausschließlich für Elektro- und Hybridfahrzeuge im Rahmen des aktuellen Corona-Konjunkturprogramms, setzen Impulse, die den ohnehin wachsenden Markt weiter stimulieren. Es ist also wenig überraschend, dass neue Anbieter in diesen dynamischen Markt drängen und bereits aktive Anbieter planen, sich neu aufzustellen. Neben den großen Chancen birgt dieses innovative Marktsegment allerdings auch gewisse Herausforderungen. Ein Grund hierfür liegt in einer äußerst komplexen, teilweise kleinteiligen und heterogenen Struktur des Marktes. Diese spiegelt sich unter anderem auch in der scheinbar unübersichtlichen Vielfalt an IT-Lösungen zur Ladestations- und Kundenverwaltung wider. Um hier die passende Lösung zu finden, lohnt es sich, frühzeitig Experten mit umfassendem Marktüberblick zu Rate zu ziehen.

Komplexe Strukturen und ein Mangel an Standards

Aktuell gibt es in Deutschland etwa 250 unterschiedliche Betreiber von Ladestationen. Ihnen gegenüber stehen knapp hundert Anbieter sogenannter Fahrstromverträge. Diese Unübersichtlichkeit im Markt der Fahrstrom-Bereitstellung resultiert aus der Verschmelzung der verschiedenen Ursprungsindustrien der Elektromobilität. Aufgrund zunächst geringer Batterie-Kapazitäten und langer Ladezeiten wurden Elektrofahrzeuge in ihren Anfängen überwiegend als umweltfreundliche Alternative für kurze innerstädtische Strecken betrachtet. Folgerichtig wurde die Versorgung mit Fahrstrom von regionalen Anbietern, wie Stadtwerken und ähnlichen Versorgern übernommen. Zur Ladestations- und Kundenverwaltung entwickelten diese regional orientierten Unternehmen häufig eigene IT-Lösungen. Die Folge dieser Entwicklung ist eine sehr kleinteilige und heterogene Marktstruktur und eine große Vielfalt unterschiedlicher IT-Lösungen, die sich häufig selbst in ihrer Begrifflichkeit unterscheiden und somit nicht immer einfach miteinander zu vergleichen sind.

Die technische Entwicklung verändert die Marktbedingungen

Die Idee, Elektroautos nur als „kleine Stadtflitzer“ einzusetzen, gehört aufgrund der rasanten technischen Entwicklung längst der Vergangenheit an. Gestiegene Ladekapazitäten, kürzere Ladezeiten und neue Motoren haben die Leistungsfähigkeit und Reichweiten der Elektromobile so stark erhöht, dass sie sich inzwischen auch auf langen Strecken als vollwertige Mobilitätsalternative etablieren. Diese Nutzungsveränderung wirkt sich in vielfacher Hinsicht auf den Markt aus. Die notwendige Erhöhung der Ladestationsdichte sorgt für starke Wachstumsimpulse. Schließlich gilt es sicherzustellen, dass sich E-Mobility-Nutzer überall auf eine sichere und ausreichende Energieversorgung verlassen können.

Erst eine intelligente Vernetzung sorgt für reibungslosen E-Verkehrsfluss

Neben der Ladestationsdichte ist die Vernetzung der Ladestationsbetreiber und der Anbieter von Fahrstromverträgen ein zentrales Thema des E-Mobilitätsausbaus. Schließlich möchte kein E-Mobil-Fahrer, wenn er in eine andere Region oder in ein anderes Land fährt, einen neuen Vertrag mit den dortigen Fahrstromanbietern abschließen. Und auch die gesetzlich vorgegebene Option der so genannten Ad hoc Zahlung per Kreditkarte, Girocard oder Paypal stellt eine bislang bedingt befriedigende Lösung dar. Ziel muss es vielmehr sein, mit einem einzigen Fahrstromvertrag die Leistungen aller anderen Anbieter in Anspruch nehmen zu können. Diese Vernetzung erfüllen eRoaming-Plattformen. Ähnlich wie beim Mobilfunk-Roaming werden alle Leistungen über einen einzigen Anbieter verwaltet und abgerechnet. So kann der E-Verkehr national und auch international reibungslos organisiert werden.

Die Wahl der richtigen IT-Lösung gehört zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren

Für Unternehmen, die neu in den Markt eintreten oder sich neu aufstellen möchten, empfiehlt es sich, insbesondere bei der Konzeption und Auswahl ihrer IT-Struktur äußerst sorgfältig vorzugehen. Zunächst gilt es zu entscheiden, welche Rolle man einnehmen möchte. Unterschieden wird hier zwischen Ladestationsbetreibern, die die physische Infrastruktur zur Verfügung stellen und Fahrstromanbietern, die für die Kundenverwaltungs- und Abrechnungssysteme zuständig sind. Auch sollte schon im Vorfeld geklärt werden, auf welchen Märkten man aktiv werden möchte, da es in diesem Bereich auch innerhalb Europas eine Vielzahl unterschiedlicher Vorgaben gibt. Die bisher eher uneinheitliche Verwendung einer Vielzahl von Fachbegriffen in der noch jungen Branche trägt leider auch nicht dazu bei, Unternehmen eine fundierte und systematische Analyse zu erleichtern.

Abhängig von der angestrebten Marktrolle, der langfristigen strategischen Ausrichtung und dem geplanten Geschäftsmodell sind eine Vielzahl von Anforderungen bei der Auswahl von Hard- und Software-Komponenten zu beachten. So lässt sich zum Beispiel die Frage „Make oder Buy“, das heißt, eine eigene Software-Lösung teilweise oder vollständig zu entwickeln oder angebotene Standardlösungen zu nutzen, nur durch die sorgfältige Analyse der eigenen Anforderungen zukunftssicher entscheiden. Bei umfangreichen und komplexen Projekten empfiehlt es sich, frühzeitig Experten von außen ins Boot zu holen, die wertvolle Unterstützung dabei leisten können, die eigenen Anforderungen präzise zu definieren und die passenden Software-Lösungen zu konzipieren bzw. auszuwählen.

Fazit und Handlungsleitfaden

Der schnell wachsende Markt für Elektromobilität bietet attraktive Geschäftschancen. Seine Komplexität sollte aber keinesfalls unterschätzt werden. Bei der Ladestations- und Kundenverwaltung fällt die Auswahl oder Konzeption der passenden IT-Lösung eine entscheidende Bedeutung zu. Für komplexe Anforderungen sollten frühzeitig Experten eingebunden werden. Doch auch bei kleineren Aufgaben empfiehlt es sich, alle wichtigen Aspekte zu berücksichtigen.

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Insellösungen vermeiden

Unabhängig davon, ob sich ein Unternehmen für ein Standardprodukt entscheidet oder ob eine individuelle Lösung entwickelt wird, sollte im Vorfeld geklärt sein, wie eine Integration dieser Lösung in die bestehende Software- und Lösungsarchitektur aussehen soll. Viele der heutigen Softwarelösungen zur Ladestations- oder Kundenverwaltung bestehen als ein Inselsystem, d. h. eine Integration in bestehende ERP-, CRM- oder Workforce Management-Systeme ist nicht immer gegeben. Für zukünftige Systeme sollte die Möglichkeit einer solchen Anbindung priorisiert werden.

Preismodelle für Standardlösungen sorgfältig prüfen

Wer auf eine standardisierte IT-Lösung setzt, sollte seine mittel- und langfristige Strategie im Blick behalten. Denn verschiedene Software-Anbieter unterscheiden sich auch erheblich in ihrer Pricing-Strategie. So gibt es beispielsweise Preis-Modelle, die aus dem SaaS-Bereich entlehnt sind, Preis pro Transaktion und ähnliches. Auch wenn diese Modelle auf den ersten Blick häufig besonders günstig erscheinen, sollten die gesamten Total Cost of Ownership (TCO) berücksichtigt werden. Besonders wenn für die Zukunft weitere Funktionen und Features angedacht sind, können solche Modelle zu erheblichen Folgekosten führen.

Datenaustauschprotokolle detailliert vergleichen

Der gesamte Datenaustausch im Elektromobilitätsmarkt basiert auf so genannten Datenaustauschprotokollen. Diese Datenaustauschprotokolle definieren die Kommunikation sowohl zwischen Ladesäule und Ladestationssystem als auch zwischen Ladestations- und Kundenverwaltung und dem eRoaming-System. Auch der Austausch mit weiteren Bestandteilen des Ökosystems, wie Smartphone-Apps oder Fahrzeugen wird über diese Protokolle geregelt. Aufgrund der Vielzahl von verschiedenen Protokollen, in unterschiedlichen Versionen und Implementierungen ist eine einfache Vergleichbarkeit nicht gegeben. Dennoch kann die Wahl des richtigen Protokolls erheblichen Einfluss auf die reibungslose Kommunikation aller Komponenten haben.

Zukünftige Sicherheitsvorgaben berücksichtigen

In der bisherigen Entwicklungsphase spielten Themen wie IT-Sicherung und Datensicherheit teilweise noch eine sehr untergeordnete Rolle. Dass sich das in Zukunft ändern wird, ist klar. Je mehr Kunden die E-Mobilität nutzen, je größer der Markt, desto höher werden auch die Sicherheitsanforderungen sein. Mittelfristig wird sich der Elektromobilitätsmarkt in dieser Hinsicht nicht mehr von allen anderen Bereichen unterscheiden, in denen Kundendaten verwaltet und finanzielle Transaktionen vorgenommen werden. Entsprechend sollte bei der heutigen Systemauswahl diese Rahmenbedingung eine große Rolle spielen.

Wer wachsen will, braucht Systeme, die mitwachsen

In einem dynamisch wachsenden Markt ist die Skalierbarkeit der gewählten IT-Lösungen von besonderer Bedeutung. Und dabei geht es nicht nur darum, zum Beispiel weitere Ladestationen in das eigene System einzubinden. Vielmehr muss sichergestellt werden, dass auch die Anbindung an sämtliche externen Komponenten, z.B. das eRoaming unkompliziert erledigt werden kann.

Flexibilität für die Zukunft jetzt schon sichern

Wie in vielen anderen Märkten, in denen sich das tatsächliche Produkt oder die Leistung wenig unterscheiden, ist auch im Elektromobilitätsmarkt mit Differenzierungsbestrebungen zu rechnen. Eine Differenzierung kann einerseits über die Preisgestaltung erfolgen, andererseits aber auch über Mehrwertservices und/oder neue Technologien. Neben den bereits genannten Anforderungen sollten zukünftige Technologien und Mehrwertservices bei der Frage, welches System das „richtige“ ist berücksichtigt werden.

Dabei spielen Entwicklungen, die bereits heute absehbar sind, wie z.B. die Umsetzung der ISO 15118 – dem zukünftigen Standard für sichere Kommunikation zwischen Elektrofahrzeug und Ladestationen – eine große Rolle. Auch die Integration von Ladestationen in das Stromnetz mittels „Smart Charging“ ist von großer Relevanz. Die angebotenen Software-Lösungen unterscheiden sich in diesem Punkt deutlich und bedürfen daher einer detaillierten Prüfung.

Abhängigkeit vom Software-Anbieter vermeiden

Maximale Flexibilität und Autonomie sind die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft. Für die Software-Auswahl bedeutet das, zu große Abhängigkeit von einem Anbieter unbedingt zu vermeiden. Solche Effekte können nicht nur durch Verträge entstehen, auch technische Abhängigkeiten können die Ursache sein. Besser ist es, wenn auch die eigenen IT-Fachleute oder unabhängige Dienstleister anstehende Änderungen und Anpassungen am System jederzeit vornehmen können.

eRoaming-Readiness sicherstellen

Wie eingangs beschrieben, gewinnt eRoaming in Zeiten, in denen E-Fahrzeuge für immer größere Distanzen eingesetzt werden, stetig an Bedeutung. Entsprechend sollte eine moderne Ladestations- und Kundenverwaltungssoftware die Option zur Anbindung an eRoaming-Plattformen enthalten. Hier können Zertifizierungen helfen. So hat z. B. Hubject, gemeinsam mit zahlreichen europäischen Partnern ein gemeinsames Zertifizierungsprogramm erstellt, das es Software-Herstellern ermöglicht, die eRoaming-Fähigkeit ihrer Funktionen, Features und Protokolle mit der weltweiten größten eRoaming-Plattform verlässlich zu dokumentieren.

Über den Autor

Christian Hahn hat 2005 einen akademischen Masterabschluss in Industrial Engineering erworben, mit besonderem Schwerpunkt auf Umwelt- und Energie-Technologie sowie Change Management. Seine Karriere begann bei ThyssenKrupp und der Daimler AG, gefolgt von sechs Berufsjahren bei PricewaterhouseCoopers in Berlin, wo er sich auf Unternehmensberatung für die Energieversorgungsbranche spezialisierte. Im Jahr 2012 wurde er Teil von Hubject, wo er als Head of Business Development and Administration startete. Seit Januar 2015 ist Hahn CEO der Hubject GmbH. Nach einem Wechsel innerhalb des Managementteams im Januar 2019 liegt sein Tätigkeitsschwerpunkt nun auf Strategie, Investor Relations und der globalen Unternehmensaufstellung von Hubject.

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4 Kommentare zu “Ladeinfrastruktur-Aufbau: Durch intelligente Software-Auswahl Chancen nutzen und Risiken minimieren

  1. Horst

    Bei Instagram müsste man solch einen Beitrag als “Bezahlte Partnerschaft” bzw. Werbung kennzeichnen….

    • Peter Schwierz

      Wenn dafür Geld fließen würde, wäre das hier auch der Fall. Dann würde Anzeige darüber stehen. Ist aber eben nicht der Fall, da es sich hierbei tatsächlich um einen Gastbeitrag handelt.

  2. Horst

    Ok, danke für die Transparenz – dennoch rein inhaltlich sehr tendenziös geschrieben und deshalb schade, dass hier die entsprechende inhaltliche Einordnung der Redaktion fehlt. Dass der GF einer Roaming Plattform Roaming Plattformen klasse findet, ist verständlich – aber dass Roaming Plattformen das Allheilmittel sind, entspricht einfach nicht der vollen Wahrheit.

  3. Mark

    Guter Beitrag, deshalb gleich zum nächsten ladenetz.de Stadtwerk, Vertrag abschließen und deutschlandweit bei über 200 Stadtwerken und sonstigen Partnern mit einer Karte laden.

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