
Interview: Wie Ford Trucks seinen elektrischen Debüt-Lkw positioniert
Der F-Line E wird beim Joint Venture Ford Otosan in der Türkei gefertigt und soll bald „in allen wichtigen Märkten in Europa“ am Start sein. Seine Weltpremiere erlebte der E-Truck im November auf der Solutrans in Lyon. Auch electrive war vor Ort, so können Sie alle bekannten technischen Daten zu dem Neumodell hier nachlesen. Kurz gefasst wird der F-Line E mit 6×2- oder 4×2-Achsformel erhältlich sein, einen E-Antrieb von ZF beherbergen, mit zwei Batterieoptionen aufwarten und entsprechend auf bis zu 250 bzw. 300 Kilometer Reichweite kommen.
Für Burak Hoşgören, den Verantwortlichen für die Internationalen Märkte bei Ford Trucks, ist der F-Line E ein richtungsweisendes Modell. Ford Trucks ist schließlich der einzige große Hersteller in Europa, der bis dato noch keinen Elektro-Lkw im Portfolio hat. Mit dem F-Line E wollen die Türken nun auf diesem Gebiet aufholen. Mit electrive hat der Manager über Ford Trucks‘ Wettbewerbsfähigkeit, die Integration von E-Lkw in die eigene Produktion und den aufwändigen Aufbau eines Komplettangebots rund um den F-Line E gesprochen. Verraten hat er dabei unter anderem, dass demnächst eine umfassende Kooperation mit einem großen Ladespezialisten spruchreif wird.
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Herr Hoşgören, Ford Trucks steigt in Europa später als viele Mitbewerber in den Markt für Elektro-Lkw ein. Welche Überlegungen haben den Zeitpunkt für die Markteinführung Ihres ersten Elektromodells beeinflusst?
Unser Timing spiegelt einen bewusst gewählten “production-ready”-Ansatz wider: Wir wollten mit einem Fahrzeug und einem Kundenangebot starten, das den realen Einsatz, Planbarkeit und niedrige Gesamtbetriebskosten ermöglicht. Neben den Leistungs- und Effizienzzielen des Fahrzeugs, wie z. B. Schnellladefähigkeit, robustes Energiemanagement und eine praxisnahe Reichweite, haben wir uns darauf konzentriert, die für Elektro-Lkw notwendige Komplettlösung zu entwickeln, einschließlich der Unterstützung bei der Ladeplanung, partnergestützte Depotlösungen und digitale Flottenservices.
Und wie lässt sich der Launch strategisch einordnen?
Wir sehen diese Markteinführung als Teil eines umfassenderen, langfristigen Dekarbonisierungspfads – und zwar im Rahmen unseres “Zero Emission Freight Transportation”-Versprechens. Die Produkteinführung ist damit auf unser Ziel ausgerichtet, bis 2040 auf fossilfreie Verkäufe umzusteigen und bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen.
Der F-Line E kommt dieses Jahr in Westeuropa auf den Markt. Welche Länder haben für Sie Priorität? Und wie bereiten Sie Ihren Handel auf den Verkauf des ersten E-Lkw-Modells im Portfolio vor?
Ford Trucks plant die Markteinführung des F-Line E in Deutschland und in ganz Westeuropa, weil dort die Nachfrage nach emissionsfreien Transportlösungen steigt. Zum einen wegen der regulatorischen Anforderungen, zum anderen aufgrund von Dekarbonisierungszielen der Kunden selbst. Wir wollen Regionen priorisieren, in denen die Nutzung von Elektro-Nutzfahrzeugen weit fortgeschritten ist und deren Betriebsbedingungen einen effizienten Einsatz von E-Lkw ermöglichen. Parallel dazu bereitet Ford Trucks sein Händlernetz darauf vor, den Verkauf und Kundendienst von Elektrofahrzeugen zu unterstützen, indem Serviceprozesse und technische Kapazitäten für Hochvolt-Fahrzeuge angepasst werden. Auch die Händler selbst werden befähigt, Kunden beim Übergang zur Elektromobilität zu begleiten.
Auf welche konkreten Anwendungsfälle zielt Ford Trucks denn mit dem F-Line E ab?
Der F-Line E wurde primär für den regionalen Vertrieb, die städtische Logistik und kommunale Einsätze konzipiert. Er eignet sich für Einsätze mit planbaren Routen, häufigen Stopps und der Rückkehr zum Ausgangsstandort, wie z. B. Stadtlieferungen oder die Müllabfuhr. Das Fahrzeug ist zudem in der Lage, Aufbauten durch seine elektrische Architektur und die e-PTO-Funktion emissionsfrei zu betreiben. Diese Anwendungsfälle entsprechen der steigenden Nachfrage nach geräuscharmen, emissionsfreien Fahrzeugen im urbanen Raum.
Wie wollen Sie dabei den F-Line E von der Konkurrenz abheben? Können Sie beispielsweise schon etwas zum künftigen Preis sagen?
Der F-Line E zeichnet sich durch eine Kombination aus emissionsfreiem Betrieb, Effizienz und vielseitigen Einsatzmöglichkeiten aus. Er bietet einen elektrischen Antriebsstrang, der für die Anforderungen des täglichen gewerblichen Einsatzes entwickelt wurde und durch Funktionen wie regenerative Bremsung, Thermomanagement und Schnellladefähigkeit unterstützt wird. Das Fahrzeug positionieren wir als praktische Lösung für Kunden, die auf Elektromobilität umsteigen – und nicht als Nischenprodukt. Was den Preis angeht, hat Ford Trucks zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Details für den F-Line E veröffentlicht; die Preise werden kurz vor der Markteinführung in Abhängigkeit von den Marktbedingungen und Kundenanforderungen bekannt gegeben.
Ford Otosan spielte eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des F-Line E. Können Sie beschreiben, inwiefern? Und werden Sie für den F-Line E in großem Umfang in die Linienproduktion eingreifen müssen?
Ja, Ford Otosan spielte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung und Konstruktion des F-Line E – im Zuge seiner Verantwortung für die Produktentwicklung und für die Fertigungskapazitäten von Ford Trucks. Das Fahrzeug wurde von Ford Otosan entwickelt, und zwar mit einem starken Fokus auf Dauerfestigkeitsprüfungen, Fahrzeugintegration und der Einhaltung europäischer Normen. Die Produktion des F-Line E wird bei Ford Otosan in die bestehenden Fertigungsstrukturen integriert – mit den nötigen Anpassungen für Elektrofahrzeugkomponenten und Hochvoltsysteme, wobei die etablierten Qualitäts- und Produktionsprozesse beibehalten werden.
Inwiefern wird der F-Line E Ihrer Meinung nach zur Wettbewerbsfähigkeit von Ford Trucks in Europa beitragen?
Der F-Line E stärkt die Wettbewerbsfähigkeit von Ford Trucks in Europa, indem das Modell das Produktportfolio um emissionsfreie Lkw erweitert und der wachsenden Kunden- und Regulierungsnachfrage gerecht wird. Mit einem für den realen Einsatz konzipierten Elektro-Lkw ist Ford Trucks in der Lage, Kunden bei ihren Dekarbonisierungsbemühungen zu unterstützen und gleichzeitig die Kernmerkmale der Marke wie Langlebigkeit, Effizienz und Zuverlässigkeit zu erhalten. Der F-Line E stärkt zudem die langfristige Präsenz von Ford Trucks auf dem europäischen Markt, indem er die Produktstrategie an den Nachhaltigkeitszielen der Region ausrichtet.
Wie reagieren bestehende Kunden von Ford Trucks denn auf den Trend zur Elektrifizierung?
Ford Trucks beobachtet ein wachsendes Interesse bestehender Kunden an der Elektromobilität, insbesondere für Anwendungen, bei denen die emissionsfreie Alternative betriebliche und regulatorische Vorteile bietet. Den Übergang zu Elektro-Lkw gehen wir dabei als Ökosystem-basierte Transformation an, mit Fokus auf Fahrzeugkompatibilität, Ladeinfrastruktur und betriebliche Effizienz.
Apropos Ökosystem: Haben Sie bereits Partnerschaften geknüpft, um Ihren Kunden passende Lade- und Flottenservices zu bieten oder leisten Sie solche Dienstleistungen selbst?
Wir unterstützen Kunden durch Beratung zu Ladelösungen und Fahrzeugintegration und arbeiten bei Bedarf mit Partnern zusammen, um sicherzustellen, dass die Ladeinfrastruktur mit den Fahrzeuganforderungen und dem Kundenbetrieb kompatibel ist. Eine globale Rahmenvereinbarung mit einem der führenden Hersteller von Ladeeinheiten befindet sich gerade in der Finalisierung. Diese Vereinbarung wird die Bereitstellung dedizierter Ladelösungen für den F-Line E in Deutschland sowie in allen europäischen Märkten ermöglichen, in denen entsprechende Dienste angeboten werden.
Viele Hersteller engagieren sich mittlerweile im Aufbau öffentlicher Ladenetze. Das prominenteste Beispiel ist das Joint Venture Milence. Plant Ford Trucks ebenfalls Investitionen in die öffentliche Ladeinfrastruktur?
Der aktuelle Fokus von Ford Trucks liegt darauf, Kunden durch Fahrzeugentwicklung und Ladekompatibilität bei ihren spezifischen betrieblichen Anforderungen zu unterstützen, insbesondere durch Depot-Ladelösungen. Ford Trucks hat bisher keine direkten Investitionen in die öffentliche Ladeinfrastruktur angekündigt. Jegliche zukünftigen Entwicklungen in diesem Bereich werden nach Beschluss über offizielle Kanäle kommuniziert.
Welche technologischen Entwicklungen – sei es in der Batterietechnologie, der Software oder den Fahrassistenzsystemen – werden Ihrer Meinung nach in Zukunft den größten Einfluss auf die nächste Generation von Elektro-Lkw haben?
Ford Trucks erwartet, dass kontinuierliche Fortschritte in der Batterietechnologie, im Energiemanagement und in der Softwareintegration eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Elektro-Lkw spielen werden. Verbesserungen bei der Batterieeffizienz, dem Wärmemanagement und der Ladeleistung werden die operative Flexibilität erhöhen, während digitale Systeme und Konnektivität die Fahrzeugüberwachung und die Flotteneffizienz unterstützen. Darüber hinaus werden fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme weiterhin zur Sicherheit und zum Fahrkomfort beitragen, insbesondere im Stadt- und Regionalverkehr.
Plant Ford Trucks, seine Elektrofahrzeugpalette über die F-Line E hinaus zu erweitern oder Technologien wie Wasserstoff-Brennstoffzellen für den Fernverkehr zu erforschen?
Unser Fahrplan sieht vor, bis 2040 ein vollständig emissionsfreies Portfolio zu erreichen. Während der F-Line E unser aktueller Fokus für die regionale und urbane Logistik ist, betreiben wir aktiv Forschung und Entwicklung an verschiedenen alternativen Technologien, darunter Wasserstoff-Brennstoffzellen, um die spezifischen Anforderungen des Langstrecken-Schwerlasttransports zu erfüllen. Unser Ziel ist es, die effizientesten Transportlösungen anzubieten, unabhängig von der Energiequelle.
Herr Hoşgören, haben Sie vielen Dank!





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