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Bild: Mercedes-Benz
FahrberichtAutomobil

Erste Ausfahrt im Mercedes VLE: Großraum-Luxus mit 800 Volt und offenen Fenstern

Mercedes bricht mit dem Van-Image. Der VLE tritt als elektrische Luxus-Limousine mit bis zu acht Sitzen an. Ob das Konzept aufgeht, zeigt unsere erste Testfahrt in den Bergen rund um Bilbao und den engen Gassen der Industrie- und Hafenstadt im Norden Spaniens. Dort lernen wir einige technische Raffinessen kennen – und die Hinterachslenkung sogar lieben.

Auf Knopfdruck schließen sich die hinteren Fenster, die in den seitlichen Schiebetüren voll versenkbar sind – keine Selbstverständlichkeit. Kurz darauf fahren die Abdunklungsrollos herunter und ein riesiger 31,3-Zoll-Bildschirm gleitet aus dem Dachhimmel. Wir beginnen unsere Testfahrt heute als Passagier im Fond. Denn genau dafür hat Mercedes-Benz den neuen VLE gebaut. Die Marke bricht radikal mit dem traditionellen Transporter-Image und positioniert das 5,30 Meter lange Fahrzeug konsequent als elektrische Luxus-Limousine für den Personentransport. Eine gewerbliche Version für Handwerker oder Lieferdienste wird es nicht geben. Besonders stolz sind die Ingenieure rund um Chefentwickler Benjamin Kaehler auf die elektrisch versenkbaren Fenster in der zweiten Reihe. Man habe auf die Kunden gehört – dieses Feature biete bisher kein anderer Van.

Antrieb und Batterie: Zwei Leistungsstufen und großer Akku

Zum Marktstart liefert Mercedes den VLE 300 mit Frontantrieb aus. Der Elektromotor an der Vorderachse leistet 203 kW (276 PS) und stellt ein Drehmoment von 378 Newtonmetern zur Verfügung. Später folgt die stärkere Modellvariante VLE 400 4Matic mit zwei Elektromotoren, einer Systemleistung von 310 kW (421 PS) und Allradantrieb. Beide Antriebsvarianten nutzen eine Lithium-Ionen-Batterie mit 115 kWh nutzbarem Energieinhalt. Die Zellen von CATL verwenden eine Chemie aus Nickel, Mangan und Kobalt. Für den Einstieg soll 2027 zudem eine Variante mit LFP-Zellchemie folgen, die 80 kWh fasst.

Fahreindrücke des ersten Praxistests

Vorn hinters Lenkrad gewechselt, fällt sofort auf: Trotz seiner gewaltigen Ausmaße von 5,30 Metern Länge, zwei Metern Breite und 1,94 Metern Höhe lässt sich der VLE für Pkw-Fahrer erstaunlich leicht durch den Verkehr manövrieren. Dazu trägt die Konstruktion des Vorderwagens bei. Die Ingenieure platzierten die Vorderachse weit genug vor dem Fahrersitz, wodurch das Lenkgefühl einem Mittelklasse-Auto ähnelt.

Auf den kurvenreichen Küstenstraßen rund um Bilbao zeigen sich allerdings die Grenzen des Frontantriebs. Wer aus engen Kehren heraus kräftig beschleunigt, fordert die Vorderreifen bis an ihre Traktionsgrenze. Die Elektronik regelt den Schlupf spürbar ein, um den Kraftschluss zu halten. Souveräner gibt sich hier der VLE 400, dessen zweiter Motor an der Hinterachse bedarfsweise einen Allradantrieb schafft und das Systemdrehmoment auf 570 Newtonmeter anhebt. Eine intelligente Kupplung (Disconnect Unit) trennt den hinteren Motor je nach Fahrsituation unmerklich ab, um Energie zu sparen.

Wendig und intelligent unterwegs

Die Dämpfer der Luftfederung Airmatic regeln jedes Rad einzeln und gleichen Unebenheiten oder Schlaglöcher souverän aus. Die rund um Bilbao reichlich verbauten Temposchwellen hat der VLE damit ebenfalls geschluckt – und damit unsere Brems-Motivation davor merklich reduziert. An der Hinterachse sind die Dämpfer wie bei einem Rennwagen schräg liegend verbaut, um den Unterboden flach halten zu können. Das war den Ingenieuren besonders wichtig – und führt zu maximalem Komfort bei der Zuladung. Denn hier ist schlichtweg keine Kante und keine Unebenheit mehr im Weg.

Bemerkenswert ist zudem die Hinterachslenkung, die die Räder um bis zu sieben Grad einschlägt. Unter 60 km/h lenken sie entgegengesetzt zu den Vorderrädern, was den Wendekreis auf kompakte 10,9 Meter reduziert. Über 60 km/h lenken die Räder gleichsinnig, was die Stabilität bei schnellen Spurwechseln erhöht. In der Praxis fährt sich der riesige VLE damit wendig wie ein Kompaktwagen. Selbst steile Winkel aus engen Kreisverkehren rund um Bilbao waren ein Leichtes!

Die digitale Steuerung übernimmt das proprietäre Betriebssystem MB.OS in einem „wassergekühlten Supercomputer“, wie Chefentwickler Benjamin Kähler sagt. Ein ordentlicher Entwicklungssprung zeigt sich beim optionalen Parkassistenten. Im Vergleich zum aktuellen CLA – dem ersten Modell mit MB.OS – benötigt der Assistent keine Orientierungslinien mehr auf dem Untergrund. Bei unserem Versuch auf einem unbefestigten Schotterparkplatz an der Küste meisterte die Software die Aufgabe schnell und präzise: Sie erkannte eine enge Parklücke zwischen zwei Fahrzeugen und steuerte den großen VLE autark hinein – ohne diese vorher bei einer Vorbeifahrt vermessen zu müssen.

Verbrauch und Reichweite für die Langstrecke

Der VLE 300 fokussiert auf die Langstrecke. Seine maximale Reichweite mit einer Akkuladung liegt nach WLTP-Norm bei über 700 Kilometern. Den Verbrauch beziffert Mercedes-Benz auf 18,4 bis 20,7 kWh/100 km. „Das entspricht in etwa 2 Litern Diesel pro 100 km“, bemerkt Chefentwickler Benjamin Kähler bei der Präsentation im Vorfeld der Testfahrt. Zur Effizienz trägt auch die Aerodynamik bei: Ab einer Geschwindigkeit von 110 km/h oder im Sportmodus senkt sich die Karosserie automatisch um 15 Millimeter ab – was den ohnehin niedrigen Luftwiderstandsbeiwert von 0,25 weiter senkt. Bei acht Passagieren ergibt das rechnerisch einen Pro-Kopf-Verbrauch zwischen 2,3 bis 2,6 kWh je 100 Kilometer. Mit dieser Bilanz erzielt der VLE bei voller Auslastung pro Insasse eine Effizienz, die deutlich unter den Werten herkömmlicher Elektro-Kleinwagen im typischen Pendelalltag liegt.

Für unsere 60 Kilometer lange Ausfahrt auf den Landstraßen rund um Bilbao meldete der Bordcomputer am Ende einen Bilderbuch-Durchschnittsverbrauch von 18,9 Kilowattstunden. Dabei haben wir manche Berge dynamisch erklommen, Autobahnfahrten waren aber nicht dabei. Zudem waren die Wetterbedingungen mit rund 20 Grad ideal – auf Klimatisierung konnten wir verzichten. Wie sich der VLE auf deutschen Autobahnen schlägt, muss später ein ausführlicher Test zeigen.

800-Volt-Technik und akustisches Feedback

Dank der 800-Volt-Architektur verkraftet der Akku an entsprechenden Schnellladesäulen eine DC-Ladeleistung von mehr als 300 kW. So zieht der VLE nach Herstellerangaben im Idealfall in 15 Minuten genügend Strom für weitere 355 Kilometer nach WLTP-Norm nach. Oder um es mit den Worten von Benjamin Kähler zu sagen: „Deshalb sollten Sie beim Ladestopp besser nur einen Espresso statt eines Cappuccinos bestellen.“ Eine nette Besonderheit fällt uns in der Tiefgarage des Hotels beim Check der Ladebuchse auf: Eine spezifische „Ladestecker-Vertonung“ bestätigt das korrekte Verbinden und Trennen des Fahrzeugs mit der Ladesäule akustisch. AC-seitig lädt der VLE ab Werk mit 11 kW, optional sind 22 kW bestellbar. Zudem beherrscht er bidirektionales Laden. Das passende Ökosystem von Mercedes soll bald fertig sein, dann kann auch V2H genutzt werden. Die Ladeklappe ist übrigens Mercedes-typisch hinten rechts positioniert und öffnet elektrisch – gehalten von zwei Bügeln – nach unten. Ist sie geöffnet, stoppt die rechte elektrische Schiebetür entsprechend früher.

Wohnzimmer-Atmosphäre mit Stern

Der Innenraum schafft eine Flexibilität, die ausgewachsenen Kombis und SUVs deutlich überlegen ist. Kunden können im Fond aus drei neu entwickelten Einzelsitztypen und zwei Sitzbänken für bis zu acht Plätze wählen. Die mechanischen Komfortsitze nutzen das „Roll & Go“-Konzept, lassen sich im Schienensystem verschieben, leicht ausbauen und auf Rollen rückenfreundlich durch die Gegend schieben. Das Cockpit dominiert der optionale MBUX Superscreen, bei dem Instrumenten- und Zentraldisplay sowie der separate Bildschirm für den Beifahrer unter einer Glasfläche optisch verschmelzen. Das aufpreispflichtige Entertainment-Paket im Fond mit dem riesigen 31,3-Zoll-Bildschirm und Splitscreen-Funktion rundet das luxuriöse Infotainment ab. Wer alle Sitze ausbaut, schafft einen Laderaum von stolzen 4.078 Litern. So viel Gepäck hat man wohl selten.

Fazit

Der VLE 300 startet mit mindestens 82.260 Euro auf gehobenem Pkw-Preisniveau. Im kommenden Jahr soll die günstigere Einstiegsvariante mit LFP-Batterie, der VLE 250, folgen. Als Fünfsitzer soll er ab 64.804 Euro angeboten werden. Aufpassen müssen Fahrer, die lediglich einen Führerschein der Klasse B besitzen: Der VLE lässt sich sowohl mit 3,5 als auch 3,7 Tonnen zulässiger Gesamtmasse konfigurieren – für die Klasse B ist bei 3,5 Tonnen Schluss. Mercedes liefert mit der elektrischen Großraumlimousine ein Fahrzeug, das den Spagat zwischen immensem Platzangebot, digitalem Luxus und Pkw-ähnlicher Fahrdynamik ziemlich gut meistert. Ob nun im Shuttle-Betrieb von Hotels oder als geräumiger Familienvan mit großen Reiseplänen: Mit dem VLE bringt Mercedes-Benz ein gut durchdachtes E-Auto, technisch auf der Höhe der Zeit und mit maximalem Nutzwert.

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