Renault Trucks erhöht beim E-Tech T 780 auf 660 Kilometer
Die Konzernschwestern Renault Trucks und Volvo Trucks biegen mit ihren E-Lkw der neuen Generation auf die Zielgeraden ein. Beide bringen dieses Jahr neue Fernstrecken-Trucks heraus und bieten umfangreich überarbeitete Modelle für den regionalen und überregionalen Verteilerverkehr. Konzernmutter Volvo Group hat dafür ein Baukastenprinzip entwickelt, bei dem sich beide Marken bedienen. Die Antriebe der Schwesternmodelle sind deshalb fast identisch, trotzdem unterschieden sich zuletzt die Leistungsdaten beider enorm. Oder die Kommunikation zu ebendiesen. Oder beides.
Der Reihe nach: Franzosen und Schweden kündigten schon vor Langem einen neuen Fernstrecken-Lkw mit bis zu 600 Kilometern Reichweite an. Renault Trucks enthüllte seinen E-Tech T 780 dann überraschend vor der sonst vorangehenden Schwester im November 2025 auf der Heimmesse Solutrans in Lyon. Die Botschaft: Hier ist das Flaggschiff mit bis 600 Kilometern Reichweite. Garant dafür: eine 780 kWh große NCA-Batterie mit nutzbarem 623-kWh-Energiegehalt (80% netto vom brutto). Volvo Trucks tüftelte hingegen weiter und machte in diesem Frühjahr einen erstaunlichen Move: Aus den stets kommunizierten „bis zu 600 Kilometern“ des Volvo-Flaggschiffs FH Aero Electric wurden in der Ankündigung zur Modell-Weltpremiere auf einmal „bis zu 700 Kilometer“ – bei einer auf den ersten Blick identischen Batterie-Konfiguration. Anfang Juni dann die Erklärung: Die Schweden geben bei den Batterien massive 725 kWh Netto-Kapazität frei – also grob 100 kWh mehr als zunächst vorgesehen. Hier alle Details dazu.
Renault Truck gibt bis zu 95 % der Kapazität frei
Renault Trucks blieb dagegen in seiner offiziellen Kommunikation – sprich auf sämtlichen Hersteller-Webseiten – bei seinen in Lyon vorgelegten Werten. Bis jetzt: In einer uns frisch zugegangenen Mitteilung teilen die Franzosen mit, dass der neue Reichweiten-Wert für den E-Tech T 780 nun offiziell nicht mehr bei bis zu 600, sondern bei bis zu 660 Kilometer liegt. Begründung: „Renault Trucks hat den zulässigen Ladezustand der Batterien erweitert, sodass bis zu 95 % ihrer Energiekapazität genutzt werden können. Dadurch wird die tatsächlich für den Antrieb verfügbare verbaute Energie erhöht und die maximale Reichweite des Renault Trucks E-Tech T mit einer einzigen Ladung auf 660 km gesteigert“.
Rechnen wir nach: 95 Prozent freigegebene Kapazität bei einem 780-kWh-Akku entspricht 741 kWh netto. Nochmals mehr als bei Volvo Trucks (dort sind es rund 93% freigegebene Kapazität) und dennoch wird Renault Trucks‘ Reichweite um 40 Kilometern geringer angegeben als bei Volvo Trucks. Auf Nachfrage von electrive teilt der französische Hersteller mit, dass dies mit „der Aerodynamik der Fahrerkabine“ zusammenhänge. Bei einem genauen Blick auf die Bilder beider Fahrzeuge unterscheiden sich die sonst weitgehend identischen Sattelzugmaschinen in der Tat beim Kabinendesign. Volvo Trucks verlängert die Kabinenseiten und das -dach des FH Aero Electric mit speziellen Spoilern, Renault Trucks bei seinem E-Tech T 780 augenscheinlich nicht.





Damit ist klar: Bei der Netto-Kapazität gehen beide Schwestermarken in die Vollen, bei der Aerodynamik bleiben aber Unterschiede. Renault Trucks gibt zudem noch einige weitere Detailänderungen zum bisherigen Datenblatt bekannt. So bleibt es zwar bei den Ladeleistungen des E-Tech T 780 von 350 kW CCS und 720 kW MCS, aber die Ladezeiten verlängern sich durch das nun größere Netto-Ladefenster der Batterien „um etwa 10 Prozent“, so Renault Trucks auf electrive-Nachfrage. Bisher gab das Unternehmen beim MCS-Laden eine Ladedauer von 40 Minuten (20 bis 80 Prozent SoC) und für das CCS-Laden von einer Stunde und zehn Minuten an. Neu sind also grob 44 Minuten und knapp 1:20 Stunden.
Der dritte Punkt, der sich vom Datenblatt der Weltpremiere unterscheidet, ist schließlich die Batteriegarantie: Sprach Renault Trucks zunächst von einer Garantie für bis zu acht Jahre oder eine Million Kilometer, gewährt der Hersteller nun analog zu Volvo Trucks eine Garantie von 6 Jahren oder 720.000 Kilometer, bietet jedoch ein optionales, aufpreispflichtiges „Serenity Pack“, das die Garantie auf bis zu 10 Jahre oder 1 Million Kilometer hebt. Wichtig: Dafür dürfen Halter bestimmte Energieniveaus nicht überschreiten: Die Garantie des „Serenity Pack“ gilt – so erfahren wir es von Renault Trucks – „innerhalb einer Begrenzung der insgesamt gelieferten Energie von 1.600 MWh für den E-Tech T 780 sowie 1.200 MWh für den E-Tech T 585 und den E-Tech T 540“.
Auch Ableger E-Tech T 585 kommt nun weiter
Apropos: Die bisher beschriebenen Änderungen gelten für den E-Tech T 780, aber auch der mit etwas kleinerer Batterie (und ergo mehr Nutzlast) aufwartende Ableger E-Tech T 585 wird analog angepasst und kommt nun offiziell 500 Kilometer weit (zuvor: 460 km). Der nun in zweiter Generation erhältliche E-Tech T 540 bleibt dagegen bei den schon in Lyon angegebenen 450 Kilometern.
Grundsätzlich haben die gänzlich neuen E-Lkw 780 und 585 bei Renault Trucks eine neue E-Achse an Bord und sind aus Nutzlast-Gründen einzig als 6×2 mit lenkbarer Nachlaufachse zu haben. Dagegen sind die schon vorher erhältlichen, aber nun überarbeiteten Baureihen weiterhin mit einer Kardanwelle unterwegs. Sie beherbergen aber einen verbesserten Zentralantrieb und sind in verschiedenen Achsformeln erhältlich, darunter das klassische 4×2, aber auch 6×2, 6×4 und weitere. Die Antriebs- und Nutzlast-Unterschiede zwischen den Modellen haben wir bei der Weltpremiere der Volvo-Schwestermodelle kürzlich herausgearbeitet.
Klar ist: Für eine nickel-basierte Zellchemie prescht die Volvo Group mit ihren Töchtern nun mit freigegebenen Batteriekapazitäten über 90 Prozent weit nach vorne. Mit über 700 kWh netto katapultieren sich Volvo Trucks und Renault Trucks beim verfügbaren Energiegehalt an Bord eines E-Lkw an die Weltspitze. Zum Vergleich: Mercedes-Benz Trucks kommt bei den LFP-Akkus im eActros 600 auf 600 kWh netto, MAN rangiert bei 560 kWh netto. Selbst Sany, der sich als chinesischer Vertreter damit brüstet, 98 Prozent seiner installierten LFP-Batteriekapazität nutzbar zu machen, kommt „nur“ auf 623 kWh netto.
Marken verweisen auf ihr gesammeltes Knowhow
Schweden und Franzosen halten diese Strategie nicht für besonders risikoreich und argumentieren dabei fast identisch: Volvo Trucks verwies Anfang des Monats auf seine lange Erfahrungen mit der Zellchemie: „Wir haben viel und kontinuierlich getestet“, sagte uns Niklas Andersson, Electric Solutions Director bei Volvo Trucks, bei der Weltpremiere in Göteborg. „Und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir ohne Risiko mehr Kapazität freigeben können. Es geht.“ Auch weitere Verbesserungen tragen laut dem Manager zu der größeren Reichweite bei: etwa ein neues Batterie-Monitoring und Softwareoptimierungen. „Wir haben eine viel bessere Kontrolle über die Zellen“, so Andersson.
Renault Trucks betont analog, dass die Optimierung auf den Erkenntnissen aus dem Einsatz von mehr als 3.500 elektrischen Renault Trucks-Lkw basiere. „Diese haben unter realen Bedingungen insgesamt mehr als 130 Millionen Kilometer zurückgelegt.“





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