
Erste Ausfahrt im neuen Audi Q4 e-tron: Reicht die Modellpflege gegen die eigene Verwandtschaft?
Als Audi den Q4 e-tron 2021 auf den Markt brachte, war die Aufgabe klar: Das kompakte SUV sollte die Elektromobilität in Ingolstadt in die Breite tragen. Die Rechnung ging auf. Mit über 350.000 gebauten Exemplaren ist der Q4 e-tron zusammen mit seinem coupéhaften Sportback-Ableger zum meistverkauften Stromer der Marke geworden. Doch fünf Jahre sind in der Elektromobilität eine halbe Ewigkeit, und zuletzt war dem Q4 sein Alter durchaus anzumerken – gerade im Innenraum und beim Bedienkonzept.
Genau da setzt die Modellpflege (alle Details zur Vorstellung hier) an, die seit dem Frühsommer bestellbar ist. Und anders als bei vielen Facelifts liegt der Schwerpunkt nicht bei Stoßfängern und Leuchten, sondern unter dem Blech und im Cockpit. Der Q4 e-tron bekommt eine komplett neue Bildschirmlandschaft, ein Infotainment auf Android-Automotive-Basis, einen effizienteren Heckmotor – und als erster Audi überhaupt das bidirektionale Laden. Man merkt dem Update an, dass Audi an den Punkten nachbessert, an denen die Konzern-Verwandtschaft und die Konkurrenz längst vorgelegt hatten.
Für die erste Ausfahrt ging es vom Münchner Flughafen an den Tegernsee, über 153 Kilometer mit einem gehörigen Anteil Landstraße und engen Bergstrecken. Das beantwortet zwei der drei wichtigen Fragen zum überarbeiteten Q4 e-tron: Wie viel bringt der neue, effizientere Antrieb beim realen Verbrauch? Und ist der neue Innenraum tatsächlich der erhoffte Sprung? Die dritte Frage – wie zuverlässig der elektrische Q4 nun schnelllädt – muss ich allerdings offenlassen. Auf dieser ersten Runde konnten wir nicht laden. Dazu später mehr.


Der effizientere Antrieb zahlt sich aus
Beginnen wir mit dem Verbrauch, denn hier liefert der Q4 das überzeugendste Argument der ganzen Ausfahrt. Herzstück des Updates ist der neue PSM-Hinterachsmotor der APP350-Generation aus der VW-Entwicklung, den Audi mit rund zehn Prozent höherem Wirkungsgrad angibt – erreicht über Motor, Leistungselektronik mit Siliziumkarbid-Halbleitern, Software und reibungsärmere Getriebekomponenten. In Zahlen steigt die WLTP-Reichweite je nach Variante um etwa 30 Kilometer.
Auf der Straße macht sich das im getesteten Q4 e-tron quattro bemerkbar. Über die 153 Kilometer von München an den Tegernsee zeigte der Bordcomputer am Ende einen Schnitt von 16,4 kWh/100km – bei einem Durchschnittstempo von 57 km/h. Zugegeben: Es waren nahezu ideale Bedingungen. Rund 20 bis 25 Grad Außentemperatur im Juni, die meiste Zeit ohne Klimaanlage, dazu ein Streckenprofil mit viel Landstraße und einem guten Viertel enger Bergpassagen, bei denen die Rekuperation bergab kräftig zurückholt. Der Autobahnanteil war entsprechend gering. Trotzdem: Für ein 2,24 Tonnen schweres Allrad-SUV mit sportlicher Bereifung ist das ein sehr guter Wert.
Rechnet man das auf den nutzbaren Energiegehalt von 77 kWh hoch, wären unter diesen Bedingungen grob 470 Kilometer reale Reichweite drin gewesen – nicht weit von den 531 WLTP-Kilometern entfernt, die für unseren üppig ausgestatteten Testwagen mit 20-Zoll-Rädern und S line angegeben sind. Auch die Reichweitenanzeige stützt diesen Eindruck: Beim Start standen bei 98 Prozent Ladestand 414 Kilometer im Display, bei der Ankunft mit noch 65 Prozent waren es 305 Kilometer – die Prognose ist über die effiziente Fahrt also spürbar optimistischer geworden. Wie stark der Verbrauch bei dauerhaftem Autobahntempo oder im Winter steigt, konnte ich auf dieser Runde nicht ermitteln. Ein Blick auf die WLTP-Teilwerte macht aber klar, dass hier deutlich mehr möglich ist: Für die Autobahn nennt Audi 22,7 kWh/100km. Ein reines Langstreckenauto wird auch der effizientere Q4 nicht, für den Alltag samt gelegentlicher Reise reicht es aber locker.
Das Laden bleibt die offene Frage
Damit zur dritten Frage, die ehrlicherweise unbeantwortet bleiben muss: das Schnellladen. Da auf der ersten Ausfahrt kein Ladestopp anstand, kann ich hier nur die Werksangaben nennen – und die sind für unseren quattro solide, aber keine Bestmarke. 165 kW maximale DC-Ladeleistung verspricht Audi, für den Sprung von zehn auf 80 Prozent gibt man 28 Minuten an, in zehn Minuten sollen bis zu 170 Kilometer nachgeladen sein. Die stärksten quattro-Modelle laden mit bis zu 185 kW – auch das setzt in diesem Segment keine neuen Maßstäbe.
Viel wichtiger als die reine Spitzenleistung ist ohnehin ein anderes Detail des Updates: Audi hat die Batterie-Vorkonditionierung überarbeitet. Sie lässt sich nun sowohl automatisch über das Navigationsziel als auch manuell aktivieren. Genau daran hakte es bei manchen MEB-Modellen bislang – und ob der Q4 seine Ladekurve jetzt zuverlässig und reproduzierbar hält, gerade bei kühleren Temperaturen, das lässt sich seriös erst in einem ausführlichen Test mit mehreren Ladevorgängen beurteilen. Diesen bleiben wir dem Q4 vorerst schuldig.
Souverän, aber betont komfortabel
Angetrieben wird unser Testwagen vom Quattro mit 220 kW/300 PS Systemleistung und Allrad, das maximale Drehmoment liegt bei 134 Nm vorn und 350 Nm hinten. Auf dem Papier sind 6,2 Sekunden auf 100 km/h und 180 km/h Höchstgeschwindigkeit keine Sportwagenwerte – und genau so fährt sich der Q4 auch. Der Antrieb ist bewusst sanft abgestimmt, es gibt keinen harten Punch beim Antritt, sondern ein gleichmäßiges, souveränes Beschleunigen. Überholvorgänge auf der Landstraße erledigt der quattro trotzdem mühelos, und er liegt dabei satt und sicher in der Spur.
Das Fahrwerk ist klar komfortbetont – für mein Empfinden die richtige Auslegung für dieses Auto. Wer über die Schaltwippen die Rekuperation durchspielt, findet vom entspannten Segeln bis zum kräftigen Verzögern die passende Stufe. Der Q4 will kein Kurvenräuber sein, und das ist auch gut so: Er gleitet lieber komfortabel dahin, und das kann er ausgezeichnet. Wer den Blick dabei ab und zu mal in die Landschaft schweifen lassen will, kann sich auf das Level-2-System namens Audi Adaptive Cruise Assist (ACA) Plus verlassen.
Innen der eigentliche Sprung nach vorn
Der größte sichtbare Fortschritt sitzt im Cockpit. Audi ersetzt die alte, zuletzt reichlich betagte Architektur durch die „Digital Stage“ aus einem 11,9 Zoll großen Kombiinstrument und einem 12,8-Zoll-Touchscreen, dazu kommt auf Wunsch ein 12-Zoll-Beifahrerdisplay. Das gebogene Display, das sich um den Fahrer herum schmiegt, kannte man in dieser Form bislang eher von Porsche – und es wirkt im Q4 richtig gelungen. Auch das Head-up-Display gefällt, das Beifahrerdisplay ist sauber integriert, und die Sitzposition dahinter ist angenehm. Man merkt: Audi hat die teils heftige Kritik an den Innenräumen der jüngsten Modelle offenbar ernst genommen.
Dazu kommt das neue Infotainment auf Android-Automotive-Basis mit eigenem App-Store und einem KI-gestützten Assistenten, der über die ChatGPT-Anbindung auch frei formulierte Fragen beantwortet. Die Navigation hat mir auf der Ausfahrt sehr gut gefallen, die Software machte insgesamt einen flüssigen, ausgereiften Eindruck.



Beim Platzangebot spielt der Q4 seine MEB-Basis wie erwartet aus. Ich habe mich selbst auf die Rückbank gesetzt – bei einem 1,80 bis 1,90 Meter großen Fahrer vorne blieben mir mit meinen 1,80 Metern noch rund 20 Zentimeter Kniefreiheit. Das ist für ein kompaktes SUV ein Wort. Abstriche muss man dafür beim Kofferraum machen: Trotz der praktischen SUV-Form ist er nicht riesig, immerhin bietet der zweite Ladeboden etwas zusätzliche Flexibilität. Die Sitze sind komfortabel, insgesamt fühlt sich der Innenraum wertig und erwachsen an.
Das Alleinstellungsmerkmal: der Q4 als Powerbank
Womit wir bei der zweiten echten Neuerung wären – und für mich der interessantesten. Als erster Audi beherrscht der Q4 e-tron das bidirektionale Laden. Über eine 230-Volt-Steckdose mit 16 Ampere im Innenraum und eine Adapterlösung außen am Ladeport hinten rechts (wie im Volkswagen-Konzern üblich) wird das Auto zur mobilen Stromquelle – Vehicle-to-Load. Perspektivisch soll auch Vehicle-to-Home folgen, das den Q4 zum Stromspeicher fürs Eigenheim macht. Interessant: Die Steckdose innen und der Adapter außen sind gleichzeitg nutzbar und stellen zusammen maximal 3,6 kW Leistung bereit. Aber natürlich nur im Batteriefenster von 20 bis 80% SoC, wie Audi erklärt. „Wir wollen ja keine Liegenbleiber produzieren“, ordnete ein Sprecher das Fenster ein.


Was auf dem Datenblatt technisch klingt, wird im Alltag zum handfesten Argument: Wer mit dem E-Bike in die Berge fährt, kann es vor Ort direkt am Auto nachladen. Genau diese unternehmungslustige Zielgruppe adressiert Audi übrigens auch – und tatsächlich ist es diese Funktion, die den überarbeiteten Q4 neben dem effizienteren Antrieb am deutlichsten vom Vorgänger unterscheidet.
Auch optisch ist der Q4 erwachsener geworden. Der geschlossene, in Wagenfarbe gehaltene „Grill“ mit den geschlossenen Ringen, in denen die Sensorik sitzt, verleiht der Front eine gewisse Tiefe und lässt das SUV robust wirken. Die vertikalen Blades der S line und die neuen OLED-Heckleuchten setzen dabei dezente Akzente, ohne zu überziehen.
Fazit: Erwachsen geworden – aber nicht billig
Der Q4 e-tron war schon immer der vernünftige Audi-Stromer. Mit der Modellpflege wird er nun auch der ausgereifte: ein komfortables, effizientes und im Alltag rundum überzeugendes Elektro-SUV, das dank des neuen Antriebs realistische Reichweiten liefert und mit dem neuen Cockpit endlich wieder auf der Höhe der Zeit ist. Die V2L-Funktion ist dabei mehr als eine Spielerei – sie macht den Q4 für aktive Nutzer spürbar vielseitiger.
Ein Schnäppchen ist er deshalb nicht. Der quattro startet bei 55.900 Euro, unser gut bestückter Testwagen kam auf 66.735 Euro. Wer diese Technik günstiger will, wird bei den MEB-Geschwistern VW ID.4, Škoda Enyaq oder Cupra Born fündig – dort zahlt man den Audi-Aufschlag nicht. Genau das ist aber auch der Punkt: Der Q4 richtet sich an alle, die Wert auf das Marken-Emblem und den etwas hochwertigeren Auftritt legen. Als Dienstwagen zur privaten Nutzung, mit hoher realer Reichweite und niedrigen Betriebskosten, ergibt er da viel Sinn.
Zwei Dinge bleiben trotzdem offen. Erstens die Ladefrage, die erst ein ausführlicher Test mit mehreren Schnellladevorgängen klären kann. Und zweitens die größere: Der Q4 fährt weiterhin auf der 400-Volt-MEB-Plattform vor – während die Premium-Konkurrenz und Audis eigene größere PPE-Modelle längst auf 800 Volt setzen. Für diesen Lebensabschnitt reicht das Update. Der nächste Schritt wird aber ein grundlegenderer sein müssen.




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