12.03.2019 - 23:25

Tesla Model 3 Fahrbericht – Die Leichtigkeit des E-Autos

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Ist das Model 3 von Tesla wirklich ein Gamechanger? electrive.net-Chefredakteur Peter Schwierz hat den Stromer ein Wochenende lang ausgiebig im Familienalltag getestet. Und macht sich nun noch mehr Sorgen um die etablierten Autohersteller als vorher schon. Hier ist sein völlig subjektiver Fahrbericht.

* * *

Meine erste Begegnung mit dem Model 3 liegt schon ein knappes Jahr zurück. Damals, auf einer Messe in Hannover, hatte ein Aussteller ein US-Exemplar auf seinen Stand gestellt – es war ein Publikumsmagnet. Ich kann mich noch gut erinnern, wie enttäuscht ich war. Von dem für europäische Gewohnheiten unglücklichen Kofferraum, von so mancher miserablen Verarbeitung und der billig wirkenden Türmechanik. Fahren konnte ich das mit großen Erwartungen nur so überhäufte Elektroauto damals allerdings nicht.

Das sollte sich erst am vergangenen Wochenende ändern. Ein nagelneues Model 3 Performance der Elektroauto-Vermietung Nextmove – stationiert am Berliner Euref-Campus – stand für mich bereit. In der wohl schönsten Farbe, dem kräftigen Deep Blue Metallic, und auf 20-Zoll-Felgen öffnete es schon optisch mein verwöhntes deutsches Autoherz.

Die ersten Ampelstarts mit dem Dualmotor-Allradantrieb (340 kW kombiniert, 639 Nm Drehmoment) machten meinen Organen schnell klar, worauf sie sich an diesem Wochenende einzustellen hatten. Denn wer in seinem Freundes- und Familienkreis auch nur erwähnt, ein Tesla Model 3 zu fahren, kann sich vor Mitfahrwünschen kaum retten. Insofern hatte der rechte Fuß gut zu tun, die Drehstrom-Asynchronmaschine auf der Vorder- und die permanenterregte Synchronmaschine mit erhöhtem Reluktanzanteil auf der Hinterachse auf Drehzahl zu bringen. Jene 3,4 Sekunden, welche die Performance-Version gerademal benötigt, um aus dem Stand auf Tempo 100 zu spurten, wollten vielfach erlebt werden.

  • tesla-model-3-01-peter-schwierz

Nach vier Jahren mit einem BMW i3 – und beruflich bedingten Probefahrten in allen erdenklichen Elektroautos anderer Marken – bin ich an die Spurtstärke der Stromgefährte durchaus gewöhnt. Doch die einwandfreie Traktion und das formidable Handling des flachen Performance-M3 haben mir eine neue Dimension erschlossen. Natürlich ist das Auto in dieser Ausführung mit einem Brutto-Preis von 68.680 Euro weit weg von Elektromobilität für die Massen. Dieses Versprechen muss Tesla-CEO Elon Musk in Europa bekanntlich erst noch einlösen.

Doch – und hier setzt meine Sorge an – kenne ich ausreichend viele Menschen, die in dieser Preisklasse bisher ihre Autos von etablierten Premium-Herstellern beziehen. Einen BMW 330d als Limousine mit M Sport-Paket etwa bekommt man mit entsprechender Sonderausstattung problemlos in diese Sphäre konfiguriert. Mit dem Audi A4 oder S4 sowie der C-Klasse von Mercedes verhält es sich ganz ähnlich. Was all diesen Bestsellern deutscher Hersteller bis heute fehlt, ist eine elektrische Alternative – von PHEV-Brückenlösungen mal abgesehen.

Die Mühelosigkeit der Elektromobilität

Für technische Details-Erprobungen des Tesla Model 3, etwa zum Verbrauch oder den Funktionen des Autopiloten, war am Wochenende keine Zeit. Ich habe mich darauf beschränkt, mit der Familie den Autoalltag abzubilden. Das Laden an der Wallbox (dreiphasig, 11 kW), die Fahrt zur Eisdiele nahe einer Schnellladestation (von Delta mit 70 kW), das Cruisen im „Lässig“-Modus und das Fahren in der Stadt sowie auf der Autobahn und kurvigen Landstraßen. Etwas mehr als 300 Kilometer standen am Ende auf der Uhr. Die Begeisterung für dieses E-Auto hatte sich schon nach 24 Stunden eingestellt. Und das hat einen einfachen Grund: Was das Model 3 wirklich auszeichnet, ist seine maximale Alltagstauglichkeit. Es ist diese Mühelosigkeit, mit der Tesla dieses Elektroauto auf die Räder stellt, als wäre es das normalste auf der Welt – und nicht etwa eine gigantische Kampfansage an alle anderen Hersteller. Derweil haben die Kids übrigens vor allem das durchgängige Glasdach ins Herz geschlossen.

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Als grandioser Schachzug erweist sich im Hinblick auf den Alltag nun die Entscheidung für den DC-Schnellladestandard CCS. Damit eröffnet sich dem Tesla Model 3 ein rasant wachsendes Ladenetz. In unseren fast auf die Sekunde genau 30 Minuten in der Eisdiele hatte die Batterie des Model 3 bei nahezu konstanten 70 kW um die 35 kWh aufgesogen – genug für die nächsten 200 Kilometer. An Stationen wie den Tesla-eigenen Superchargern oder den Power-Säulen von Ionity warten auf der Langstrecke bekanntlich noch ganz andere Leistungsklassen. Auch das geplante und netzschonende Laden über Nacht erwies sich dank einfachster Bedienung auf dem zentralen Display des Model 3 als kinderleichte Übung.

Computer auf Rädern

Überhaupt, das Display! Ich war – wie wohl die meisten Autofahrer – extrem skeptisch in Bezug auf das minimalistische Cockpit und die Bündelung aller Informationen auf diesem einen Bildschirm. Doch auch hier dauerte es keine 24 Stunden und der Umgang damit verlief weitgehend mühelos. Und die noch immer große Zahl an Schaltern und Knöpfen selbst in meinem schon modernen BMW i3 wirkt dagegen fast antiquiert. Klar, vor einem Überholmanöver auf dem Touchscreen spontan in den Sportmodus zu wechseln, ist anstrengender als der Druck auf einen Knopf, wie es bei den bekannten Marken funktioniert. Aber auch das ist Gewöhnungssache. Die gern bemühte Geschichte vom Computer auf Rädern – Tesla hat sie im Model 3 zur Perfektion getrieben. Vorteil: Das nächste Update ist nicht weit.

Selbstverständlich habe ich an dem Performance-Modell einige kleine Mängel gefunden, hässliche Lufteinlagerungen im Lack etwa oder Klebereste im Cockpit. Auch ein dumpfes Quietschen der Lenkung beim Ausparken war ab und an zu hören. Über das derzeitige Chaos bei den Auslieferunen will ich auch nicht nachdenken. Doch all diese Unzulänglichkeiten eines Newcomers im Autogeschäft können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Tesla mit dem Model 3 ein großer Wurf gelungen ist. Und wenn erst die günstigeren Varianten ihren Seeweg nach Europa finden, kann man nur hoffen, dass es die etablierten Hersteller Volkswagen nachmachen und ihre Elektro-Offensiven noch weiter beschleunigen. Oder sich daran gewöhnen, dass auch immer mehr Deutsche ein amerikanisches Auto kaufen.

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20 Kommentare zu “Tesla Model 3 Fahrbericht – Die Leichtigkeit des E-Autos

  1. Christian

    Ja, alles prima. Wen stören schon Lackschäden bei Auslieferung oder serienmäßig quietschende Lenkungen?
    Das behebt Tesla in den Servicecenter en Passant oder mit update. Auch wenn der Fehler tausendfach auftritt? OTA ist nicht das Allheilmittel.

    • Horst Scherer

      Lackschäden hatte ich an meinem Audi auch, aber Audi zeigte sich bei der Behebung nicht gerade kooperativ und besserte erst nach mehreren Beschwerdeschreiben nach.

    • Raphael M

      Also wenn man sich den Lack an einem VW T6 mal von nahem anschaut, stellen sich einem auch die Nackenhaare hoch. Das Problem ist denke ich das man bei deutschen Autos davon ausgeht das schon alles überall makellos ist. Bei Tesla wird jedes einzelne Auto unter die Lupe genommen und jeder noch so kleine Schönheitsfehler schafft es auf Tagesschau.de !!!

  2. Jan Schultze-Melling

    Das Tesla M3 ist ein hübsches Auto mit grandiosen Fahrleistungen und herausragender Technik. Die Fertigungsqualität kann mit manchen Europäern nicht ganz mithalten. Das fällt einem aber nur auf, wenn man sehr pingelig ist.
    Nun haben aber in den letzten Jahren Audi und Daimler bei der Fertigungsqualität nachgelassen. Gerade auch im Hinblick auf die beliebten Spaltmaße.
    Es ändert alles nichts, dass das M3 ein tolles Auto ist. Ich hatte eine Probefahrt und bekomme heute noch ein Grinsen im Gesicht an die kurzen Beschleunigungserlebnisse.
    Die beeindruckende Effizienz, der kaum einholbar wirkende Vorsprung im Bereich Software, das Ladenetz und die vor der Markteinführung stehende 35.000 $ Variante könnten deutschen OEM schon Sorgen machen.

    • Da ich bereits nach dem Opel Ampera nun den Opel AMPERA-e fahre, habe ich meine Erfahrungen zur Fertigungstoleranz amerikanischer Autos gemacht.

      Von daher leidgeprüft…

    • Florian

      Ja…. Ich finde es auch ziemlich lächerlich wie auf Tesla wegen Verarbeitung rumgehackt wird.
      Mein E-Golf hatte bei Auslieferung dicke Lacknasen am Kotflügel, nach 4 Monaten klapperten über dem Spiegel die Plastik Abdeckungen und jetzt nach nem Jahr wird der Fahrersitz ausgetauscht, da die Lehne zu viel Spiel hat….

      Auch hier stören mich viele Kleinigkeiten die durch „Sparzwänge“ nicht mehr VW Premium entsprechen…

      Da sich das Tesla M3 definitiv abseits meiner finanziellen Bereiche befindet, wird es nächstes Jahr entweder ein Peugeot e-208 oder der VW I.D..
      Auch wenn ich Tesla als Auto geiler finde 🙂

      Vielleicht in 5 Jahren dann nen gebrauchtes M3 Performance

  3. Alain

    Ja, ich finde diesen Beitrag sehr sehr gut – weil er die Vor- und Nachteile erwähnt. Wir sind glückliche Besitzer eines der ersten Tesla Model S und nun Model 3 und kann aus beiden berichten, dass die Wendigkeit und Agilität vom Model 3 beeindruckend sind. Das Model S ist da etwas behäbiger, weil eben 400 Kg mehr und die Ausmaße dann doch zu Buche schlagen. Ja, Model 3 fahren macht unglaublich Spaß.
    Und darüber schlecht reden, ohne je selber gefahren zu sein, ist wie über Orte schreiben, in denen man noch nie gewesen ist.

  4. Martin

    Danke für den subjektiv-objektiven Bericht!

    Zum Glück ist es nicht nötig, für ein Überholmanöver in den Sport-Modus zu wechseln, da es einen solchen nicht gibt und man sowieso zu den Schnellsten auf der Strasse gehört.

    Einzig in der Performance-Version gibt es den sog. Trackmode, der sich aber nur im Stand aktivieren lässt. Schneller wird man damit aber auch nicht, aber man hat unter Umständen mehr Spass…

    • Peter Schwierz

      Also ich konnte im Performance-Modell zwischen den Fahrmodi Lässig und Sport wählen. Der Trackmodus war ausgeblendet und nicht aktivierbar. Bei oben genannten Modi unterscheidet sich die Beschleunigung sehr deutlich!

      • Martin

        Nein, es unterscheidet sich Standard- und Lässig-Modus. Das ist in jedem Model 3 so. Wer fährt dann standardmässig im Lässigmodus?

        • Peter Schwierz

          Ich könnte schwören, dort stand „Sport“, aber jetzt bin ich verunsichert. Und mit Familie erwies sich „Lässig“ als die bessere Wahl, sonst meckerten die Mitfahrer schon mal über das ständige Kopfnicken beim Stromgeben. 😉

        • Möglichst energieeffizient von A nach B zu kommen ist das A und O der Elektromobilität. Das Tesla Model 3 ist da wie der Tesla Roadster unglaublich gut. Mit 100km/h auf ebener Piste und durchschnittlich 140Wh/km sind sehr gute Werte. Energieeffizient fahren, heisst auch Stromkosten sparen. Das sind die essentiell wichtigen Kennwerte und nicht wie schnell ich von 0 auf 100 bin. Gründe warum ich ausschliesslich im Lässig Modus fahre.

  5. MoCaLu

    Sport Steht beim Lenker

  6. Andreas

    Schöner Bericht.
    Würde mich auch für eine Mitfahrmöglichkeit am Niederrhein bewerben, wenn dort mal ein M3 auftaucht 🙂

  7. Walter

    Ich habe schon vor einem halben Jahr ein Modell 3 in Florida fahren dürfen und war begeistert. Was ich nicht verstehe, ist der Sinn der hohen Geschwindigkeit und der extremen Beschleunigung. Nur weil es geil ist? Immerhin macht das das Fahrzeug unnötig aufwändig!
    Fahrer von E-Autos sind in der Regel eher gelassen unterwegs und in 5 s von auf 100 km/h wäre auch noch reichlich genug.
    Wenn meine Rechnung stimmt, braucht man für 3,4 s einen Reibwert zwischen Reifen und Straße von über 0,8!
    Wo gibt es den in der Praxis und auf welchem Belag erreicht man noch kürzere Zeiten wie beim Modell S?

    • Jan Schultze-Melling

      Zu der Frage, wozu die hohen Fahrleistungen gut sein sollen, kann man immerhin auf die Rekuperation hinweisen. Nur mit einem „dicken“ Motor und einem leistungsfähigen Akku kann man die hohen Bremsleistungen erzeugen und die anfallenden Ströme effektiv einladen. Hat man kleinere Motoren, ist kaum etwas gespart. Und man verliert Bremsleistung. Hat man kleinere Akkus, nehmen diese weniger hohe Ströme auf und altern schneller. So zumindest die Theorie.

      • Markus Sommer

        Tesla hat aber keine grössere Rekuperation wie ein i3

        • anaron

          Das Model 3 rekuperiert mit 0,2g (das Performance Modell im Trackmodus sogar mit 0,3g (offizielle Angaben von Tesla).

          Der i3 liegt bei scheinbar bei etwa 0,17g (Konnte nur ein Forum finden wo Leute es gemessen haben.)

  8. Helmut

    Erinnert mich an das Jahr 2002, etwa zu diesem Zeitpunkt hat Nikon die erste 3 Megapixel Kamera für 400 Euro auf den Markt gebracht. Noch konnte man an der Bildqualität mäkeln, aber absehbar war die Zukunft. Ein Jahr später kam die ähnliche Kamera mit 5 MP und 400 Euro auf den Markt.

    Seitdem kauft kein „Normalkonsument“ mehr eine analoge Kamera! Ende Gelände, Cewe-Color wäre fast pleite gegangen, weil keiner mehr analoge Filme entwickeln hat lassen.

    Diess hat verstanden, evtl. hat er damals gleich eine 5 MP von Nikon gekauft.

    Ich kann nur hoffen, dass das Kapazitätsproblem mit den Akkuzellen gelöst werden kann. Denn das hat Tesla zusätzlich sehr gut gelöst.

    Danke für den Fahrbericht! Neid!

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