14.01.2021 - 10:49

Lokales Know-how: Wenn der Ladepartner ums Eck sitzt

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Das Engagement von Stadtwerken beim Ausbau der Elektromobilität nimmt grundsätzlich zu, fällt aber je nach Einrichtung sehr unterschiedlich aus. Heute: ein Vorzeigebeispiel aus der hessischen Kurstadt Bad Nauheim. Das dortige Stadtwerk kreierte für ein Autohaus kurzerhand eine Pilot-Ladelösung mit dynamischem Lastmanagement.

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Zwischen dem Autohaus Marnet und den Stadtwerken Bad Nauheim liegen nicht einmal vier Kilometer Luftlinie. In den vergangenen Monaten herrschte reger Austausch zwischen beiden Einrichtungen. Der lokale Versorger realisierte für den Volkswagen-Vertragshändler eine Ladelösung mit fünf Ladepunkten und einem steuerbaren Lastmanagement. Ausgangspunkt des Bauprojekts waren Vorgaben des VW-Konzerns, die die örtliche Niederlassung des Autohauses Marnet umzusetzen hatte. In deren Mittelpunkt: vier AC-Ladepunkte mit 22 kW und ein DC-Ladepunkt mit 24 kW.

Der auf den ersten Blick nötige Ausbau des Netzanschlusses durch die Errichtung einer eigenen Trafo-Station hätte das Autohaus einen sechsstelligen Euro-Betrag gekostet. Gemeinsam mit den Stadtwerken entschied sich die Niederlassung deshalb, einen innovativen Weg zu beschreiten und ein Pilotprojekt zur Integration eines dynamischen Lastmanagements aufzusetzen. Etwas, das die Stadtwerke in der hessischen Kurstadt bis dato noch nicht gemacht hatten. „Wir haben uns daraufhin auf die Suche nach einen Partner gemacht, mit dem wir in Kooperation die Anforderungen in eine software-technische Umsetzung bringen können“, schildert Klaus Tripke, Vertriebsleiter und Fuhrparkmanager der Stadtwerke Bad Nauheim. Den Namen des Software-Spezialisten dürfe er nicht nennen. Tripke spricht aber von einer intensiven Partnerschaft. Beide Seiten hätten ihre Stärken eingebracht und die Lösung so nach intensiven Erörterungen erarbeitet.

Im Mittelpunkt des Lastmanagements steht eine Steuereinrichtung, die dafür sorgt, dass E-Fahrzeuge an den fünf neuen Ladepunkten auf dem Betriebsgelände nur dann geladen werden, wenn genügend Leistung über den Hausanschluss zur Verfügung steht. „Der Strombedarf des Autohauses schwankt sowohl im Tagesverlauf als auch saisonal. Würden bei einem hohen allgemeinen Strombedarf auch an allen Stationen gleichzeitig Fahrzeuge laden, stünde nicht genügend Leistung zur Verfügung“, äußert Tripke. Die Ladeleistung der E-Fahrzeuge pauschal zu drosseln, würde allerdings die Ladedauer unnötig verlängern. Stattdessen werde mit dem intelligenten System den Ladesäulen jeweils so viel Leistung zugestanden, wie aktuell zur Verfügung steht. Gemessen wird die Hausanschlussleistung dabei im Sekundenintervall.

Die Steuerung lässt theoretisch zudem weiteren Spielraum zu: „Sie lässt sich so anpassen, dass Strom aus Photovoltaikanlagen optimal genutzt werden kann, oder steuert die Leistung so, dass einzelne Ladepunkte priorisiert werden. Dies lässt sich individuell festlegen“, informiert Tripke. Außerdem sei das Management der Ladepunkte modular aufgebaut. „Es bestehen vonseiten der Software kaum Grenzen für die Abbildung von Ladepunkten über das System.“ Ladeparks könnten damit nicht nur an Firmen- oder Hotelparkplätzen entstehen, sondern auch vor Mehrfamilienhäusern oder in Tiefgaragen.

Aus Perspektive des Autohauses hat das Konzept viele Vorteile: Erstens erfüllt die Filiale die Vorgaben des Volkswagen-Konzerns zu vergleichsweise geringen Kosten, zweitens kann sie vor allem Flottenkunden gleich vor Ort präsentieren, wie intelligentes Lademanagement in der Praxis aussieht. Konkret ist in der Niederlassung ein Ladepunkt in der Werkstatt, einer in der Dialogannahme und ein weiterer in der Auslieferungshalle installiert. Alle drei bieten 22 kW. Die Hardware stammt von wallbe und Schneider Electric. Hinzu kommen zwei eichrechtskonforme Ladepunkte à 22 kW (AC) und 24 kW (DC) auf dem Kundenparkplatz.

Diese beiden halb-öffentlichen Stationen von Hersteller Compleo stehen sowohl Mitarbeitern und Kunden als auch Dritten zur Verfügung, wobei die Freischaltung für Letztere via RFID-Karte erfolgt. Bald soll dort zudem auch die Bezahlung via Kreditkarte möglich sein. Darum kümmern sich die Stadtwerke aktuell, ebenso wie regulär um die Betriebsführung, Wartung, Entstörung und die Gesamtabrechnung. Vor diesem Hintergrund sind die Ladepunkte an das Backend des kommunalen Unternehmens angeschlossen.

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Erste Erfahrungswerte zeigen, dass seit der Installation und vorläufigen Inbetriebnahme der halb-öffentlichen Ladepunkte im September bis zu fünf Ladevorgänge am Tag erfolgen. Tripke zufolge ist dieser Wert schon als hoch zu bewerten, denn das Autohaus liege am Stadtrand und bei einer Einwohnerzahl von rund 31.000 sei die Anzahl an Elektrofahrzeugen in Bad Nauheim noch überschaubar.

Apropos überschaubar: Die Stadtwerke Bad Nauheim sind mit rund 100 Mitarbeitern ein verhältnismäßig kleines Stadtwerk. Im Bereich „Energienahe Dienstleistungen“ betreibt der Versorgen inzwischen rund 60 Ladepunkte. Viele kommunale Einrichtungen in dieser Größenordnung überlassen bei etwas komplexeren Ladeprojekten bundesweit oder sogar international agierenden Ladeinfrastruktur-Spezialisten das Feld. Wir haben bei Klaus Tripke nachgefragt, wie es kommt, dass das in Bad Nauheim nicht der Fall ist:

Herr Tripke, woher kommt das Knowhow der Stadtwerke Bad Nauheim für Ladelösungen mit dynamischem Lastmanagement?

Das Thema Elektromobilität beschäftigt unser Haus bereits seit Ende 2016. In der Vergangenheit haben wir mit Dienstleistern zusammengearbeitet, welche allerdings nicht unsere aktuellen und zukünftigen Anforderungen an dieses Thema weiter erfüllen konnten. Entsprechend haben wir, um möglichst flexibel zu sein, zu Beginn des Jahres 2020 beide Rollen der Elektromobilität übernommen und sind seit diesem Zeitpunkt Elektromobilitätsbetreiber und -anbieter. Durch die Übernahme der Rollen erweitern sich auch die Möglichkeiten der Dienstleistungen, welche durch unser lokales Stadtwerk an den Endkunden erbracht werden können. Das Thema Last- bzw. Lademanagement ist letztlich aus einem Anspruch des Kunden bzw. den Vorgaben des VW-Konzerns für seine Vertragshändler entstanden.

Es handelt sich zwar um ein Pilotprojekt. Aber ist eine Überführung der Ladelösung in das Angebot der Stadtwerke geplant?

Ja, wir haben das Thema Elektromobilität grundsätzlich in unser Angebot übernommen. Wir haben in Bezug auf Ladeinfrastruktur verschiedene Dienstleistungsprodukte im Angebot, welche von der einfachen Abrechnung der Ladevorgänge für Dritte über die Dienstleistung der Wartung und 24/7-Entstörung von Ladeinfrastruktur bis hin zu diesem ganzheitlichen Ansatz des zusätzlichen volldynamischen Lademanagements führen. Weiter geht es über einen Fahrstromtarif und Ladekarten für die Bürger der Stadt Bad Nauheim mit unterschiedlich Konditionen – je nach Vertragssituation zwischen dem Kunden und den Stadtwerken – bis hin zu Elektro-Carsharing und den Betrieb von öffentlichen Ladesäulen.

Sehen wir also künftig weitere Ladeprojekte mit dynamischem Lastmanagement?

Die vorhandene Logik des Lademanagements ist durchaus auch auf den Mehrfamilienhausbereich oder das Hotelgewerbe adaptierbar. Durch die Kooperation mit unserem Partner (den namentlich nicht genannten Software-Partner, Anm. d. Red.) haben wir bereits Dienstleistungsverträge außerhalb der Grenzen von Bad Nauheim und auch außerhalb von Hessen geschlossen. Grundsätzlich sind wir in der Lage, unsere Dienstleistungen voll oder in Teilen anderen Werken beziehungsweise Kunden, Mehrfamilienhausbesitzern usw. anzubieten. Weitere Dynamik in diesem Thema sehen wir durch die Veränderungen der rechtlichen Situation in Bezug auf Ladeinfrastruktur im Mehrfamilienhausbereich. Aktuell haben wir circa ein Anfrage pro Woche bezüglich der Umsetzung von entsprechenden Ladelösungen.

Haben eigentlich auch die Stadtwerke ein Interesse daran, einen für Unternehmen teuren Netzausbau zu umgehen?

Ja, grundsätzlich stehen wir auf dem Standpunkt, vorhandene Ressourcen soweit zu nutzen, wie dies möglich ist und den Netzausbau nur dort zu tätigen, wo es wirklich erforderlich ist. Deshalb auch die Volldynamik in Bezug auf das Lademanagement und die maximale Ausnutzung des bereits vorhandenen Hausanschlusses. In diesem Zuge versuchen wir auch engen Kontakt zu den Elektrikern mit Konzession der Stadtwerke zu halten, um hier zu erfahren, wie der Ausbau der Ladeinfrastruktur im privaten Bereich voranschreitet.

Traut sich das Stadtwerk Bad Nauheim auch an noch komplexere Ladeprojekte, etwa unter Einbezug von Photovoltaikanlagen?

Ja, Eigenerzeugungseinheiten wie Blockheizkraftwerk und Photovoltaikanlagen sind in unserer Lösung integrierbar. Ein Messkonzept zur Abgrenzung des vertankten Stroms an Dritte im Zuge der Anforderungen aus dem EEG wäre bei Bedarf möglich.




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