29.06.2021 - 10:53

Frankfurt macht aus Hausmüll Strom für E-Busse

Im Müllheizkraftwerk im Stadtteil Heddernheim entspricht eine dreiviertel Tonne Müll ein Mal Bus-Vollladen

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Frankfurt elektrifiziert immer mehr seiner Busse. Auf der Linie M60 fahren seit einigen Monaten 13 neue Batterie-elektrische Fahrzeuge, geladen werden sie im Müllheizkraftwerk in Heddernheim. Ein deutschlandweit bis dato einmaliger Ansatz. Künftig sollen dort auch Müllfahrzeuge ihren Strom erhalten.

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Mit der M60 hat die Stadt Frankfurt am Main ihre erste vollumfängliche Elektro-Buslinie in Betrieb genommen. 13 Elektro-Busse des Herstellers Ebusco sind seit dem Fahrplanwechsel am 13. Dezember des vergangenen Jahres zwischen Rödelheim und Eschersheim unterwegs. Die Strecke ist 11,3 Kilometern lang, die Laufleistung im Jahr beträgt circa eine Million Kilometer.

Der Einsatz von Elektrobussen auf der M60-Linie gehört zu den Bemühungen Frankfurts, die lokalen Emissionen zu verringern. „Ausgangspunkt war das Ziel, Dieselemissionen im städtischen Verkehrt zu reduzieren“, erläutert Stefan Röttele von der FES Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES). Der Stadt drohen Fahrverbote und Fahrverbotszonen. Seinen Busverkehr elektrifiziert Frankfurt seit 2018.

Aus Müll wird Strom

Der Strom für die E-Fahrzeuge wird selbst produziert – im Müllheizkraftwerk (MHKW) in Heddernheim, dessen Gesellschafter zu gleichen Teilen die FES und der Frankfurter Energieversorger Mainova sind. Die zwölf Meter langen Solobusse werden dort während der Betriebspausen sowohl tagsüber als auch nachts aufgeladen – unabhängig davon, ob die Batterien komplett oder nur zum Teil leer sind. Ein Energiemanagementsystem sorgt dafür, dass die Fahrzeuge zu den Einsatzzeiten immer genügend Strom haben.

Für die Stromerzeugung werden im MHKW Hausmüll und nicht recylefähige Gewerbeabfälle aus Frankfurt und den umliegenden Kreisen Hochtaunus und Maintaunus verbrannt. Röttele erklärt: „Bei der Verbrennung des Hausmülls wird Energie freigesetzt. Diese wird genutzt, um Dampf auf 500 Grad Celsius aufzuheizen und so einen Druck von 60 Bar zu erzeugen. Mit diesem Dampf als Energieträger wird Fernwärme und – mithilfe von Turbinen – Strom erzeugt.“

In der Anlage können den Angaben nach im Jahr bis zu 525.000 Tonnen Abfall verwertet werden. Aus einer Tonne Müll wird in etwa 0,4 MWh beziehungsweise 400 kWh Strom erzeugt. „Ein Bus benötigt von komplett leer bis Hundert-prozentig voll 300 kW. Mit einer Tonne können wir einen Bus also circa 1,3-mal laden“, so Röttele. Anders gesagt: „Für eine vollständige Aufladung werden 0,75 Tonnen benötigt.“

Kraftwerk speist klassische Ladeanlage

Die Ladeinfrastruktur hat das Technologieunternehmen ABB hergestellt, installiert wurde sie von der Firma EAB Rhein-Main. Bei der Anlage handelt es sich laut Röttele um „eine klassische Elektro-Infrastruktur – bestehend aus Energieverbrauchszähler, Zuleitung, Mittelspannungs-Schaltanlage, Trafo, Niederspannungshauptverteilung und den Leistungseinheiten mit den Ladepunkten“.

Bislang stehen vor Ort fünf Ladeschränke mit je zwei dezentralen Ladepunkten, sogenannten “Depot Charge Boxen”, die eine Spitzenladeleistung von je bis zu 150 kW haben. Die Ladevorgänge der M60-Linienbusse erfolgen laut Röttele derzeit mit 120 kW und dauern maximal dreieinhalb Stunden. Die Fahrzeuge erhalten dabei über einen offiziellen Energieverbrauchszähler stets den gerade im Kraftwerk produzierten Strom zugeführt. Da das ABB-Ladesystem auf sequenzielles Laden ausgelegt ist, können aktuell allerdings nicht mehr als fünf Busse gleichzeitig mit Strom versorgt werden. Doch der Ausbau der Infrastruktur ist bereits geplant: Im Laufe des Jahres sollen in Heddernheim weitere vier Ladeschränke mit diesmal je drei dezentralen Ladepunkten entstehen.

„Völlig neu ist die Kombination von Müllverbrennung und Mobilität nicht“, sagt Röttele. Die Stadtwerke Wuppertal praktizieren diese Sektorenkopplung seit knapp einem Jahr ebenfalls – allerdings ist dort die Wasserstoff-Erzeugung ins Konzept integriert, sprich: Städtische Brennstoffzellen-Linienbusse erhalten an der dortigen Abfallverbrennungsanlage ihren H2-Nachschub. Eine Premiere liegt in Frankfurt deshalb durchaus vor: „Aus Abfall wird batteriegestütze, emissionsfreie Mobilität“, bringt es Röttele auf den Punkt. Und: Im Müllheizkraftwerk in Heddernheim sollen künftig nicht nur Busse aufgeladen werden, sondern auch elektrifizierte Müllfahrzeuge. Das erste wird schon im Sommer in Betrieb genommen, bis 2022 sollen weitere hinzukommen.

In Frankfurt ist das Vorzeigeprojekt vor allem das Resultat einer hohen Kooperationsbereitschaft unter mehreren Akteuren. Da wäre zum einen das Unternehmen Transdev Rhein-Main, das die Buslinie M60 betreibt, und mit der FES nicht nur das Laden der Busse vertraglich fixiert hat, sondern auch die Wartung und Instandhaltung der Fahrzeuge in der FES-Fahrzeugwerkstatt am Standort in Heddernheim. Zum anderen waren bei der Projektierung und Bauausführung im Müllheizkraftwerk neben der FES die MHKW-Betreibergesellschaft und die Mainova mit an Bord. Die Busse selbst wurden mit 80 Prozent der Mehrkosten gegenüber Dieselfahrzeugen vom Bundesministerium für Umwelt, Natur und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert. Die Ausgaben für die Ladeinfrastruktur wurden zu 40 Prozent bezuschusst.

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7 Kommentare zu “Frankfurt macht aus Hausmüll Strom für E-Busse

  1. ID.alist

    Müll ist seit langem ein kostbarer Rohrstoff. Man fragt sich immer noch wieso die Müllgebühr immer noch so hoch ist.

    • Nico

      Den “Rohstoff” Müll muss man halt erstmal sehr mühselig aus unzähligen kleinen Quellen (Häuser) einsammeln, dann zwischenlagern und dann daraus Strom machen. Das geht nicht einfach von Zauberhand. Ein Kraftwerk zu bauen, zu betreiben und instand zu halten kostet eine Menge Geld. Auch wenn der Brennstoff umsonst ist, fallen trotzdem enorme Kosten an. Diese Kosten werden auf die Müllerzeuger (Haushalte) umgelegt.

      • ID.alist

        Ja,man muss den Müll sammeln, aber Nein, der Müll wird direkt in den Müllsilos des Müllheizkraftwerks gekippt.
        Ein Kraftwerk zu bauen kostet Geld, aber der sollte mit dem Verkauf vom Strom sich finanzieren können.
        Kohle/Gas kostet auch Geld muss teuer durch die Gegend transportiert werden, und trotzdem können solche Kraftwerke wirtschaftlich funktionieren.
        Ich verlange keine Null-Gebühr, aber etwas mehr Transparenz wäre nicht schlecht.

  2. Peter Kass

    Da der größte brennbare Anteil des Hausmülls aus Kunststoff besteht, der aus Erdöl hergestellt wurde, muss es jedem klar sein, dass dieser Strom alles andere als “grün” ist. Auch die Qualifikation “nicht recylefähig” muss relativiert werden: mit höherem Aufwand (und mehr Kosten) könnte ein weitaus größerer Teils der Kunststoffabfälle einem Recycling zugeführt werden. Das “zu teure Recycling” wird in Zukunft gegen Kosten aus Schäden der Klimakatastrophe abgewogen werden müssen.
    So dient diese Kombination nur dazu, die schädlichen Dieselabgase in der Stadt zu vermeiden, der Beitrag zum brennensten Thema unserer Zeit – dem Klimaschutz – ist wohl zu vernachlässigen. Das Ziel muss Müllvermeidung bzw. größere Anstrengungen bei der Wiederverwertung der enthaltenen Materialien sein. Müllverbrennungsanlagen sollten dann – wenn überhaupt – nur biogene Materialien (Holz, nicht mehr recyclierbares Recycle-Papier, biogene Kunststoffe) “thermisch verwerten” – und nur in Verbindung mit Vollständiger Nutzung der Abwärme. Alles andere ist reine Augenauswischerei und maximal ein “billiger” Weg, den Müll loszuwerden.

    • Hans Herbert

      Ganz so negativ würde ich das nicht sehen. Wir kennen bei der Sektorkopplung seltsame Effekte, wie etwa bei der kombinierten Wäre- und Stromerzeugung, dass mit fossilen Brennstoffen erzeugter Strom plötzlich als “grün” erscheint. Das hat seine Berechtigung durch die synergetischen Effekte, die gewünscht sind. Ähnlich ist es bei der Müllverbrennung, wenn dadurch der Export insbes. von Plastikmüll vermieden werden kann. Müll an sich ist ein Horror für die Umwelt und der Plastikmüll noch einmal mehr. Den Müll aus der Welt zu schaffen ist also eine gute Tat. Wenn dabei noch Strom anfällt, ist es umso besser. Recycling ist sicher gewünscht, aber nicht so leicht integrierbar.

  3. Ronald Koehler

    Das Thema Müllverbrennung ist ein Aufreger. Auch eine “positive Nutzung” des Mülls, hier: die Stromerzeugung zeigt das Mülldilemma auf. Wir haben genug davon, weil zu wenig wirklich stofflich recycelbar ist. Joghurtbecher, die an Alufolie kleben, Papier verklebt mit Kunststoff. Eine Industrie, die die Probleme nur in “Rauch” aufgehen lässt, verdeckt nur die Probleme und fördert indirekt den weiteren Missbrauch wertvoller Rohstoffe. Ach ja, 0,4kWh Strom aus 1kg Müll sagt auch einiges zur Effizienz aus! In der Müllverbrennung “state of the art”, ABER: Jedes Kilo vermiedener Müll ließe die Gesamtenergiebilanz geradezu durch die Decke krachen! Was wir brauchen, ist weniger Behinderung der Recycling-Industrie, vor “effizienterer” Müllverbrennung. Die CO2-Bilanz je E-Bus-km dürfte dann auch wenig zeitgemäß sein. Zudem fragt sich, ob dann nicht die Förderungen der E-Busse überhaupt noch greifen!

    • Andreas

      “Wir haben genug davon, weil zu wenig wirklich stofflich recycelbar ist” und vor allem: weil einfach viel zu viel Müll überhaupt erst in Form von kurzlebigen Konsumgütern und Verpackungen hergestellt wird.
      Weniger Konsum –> weniger Müll
      Derzeit gibt es für viele Abfälle keinen effizienteren Weg als die energetische Verwertung. Der biogene Anteil in Siedlungsabfällen liegt bei etwas über 50%. Trotzdem ist das Verfeuern, egal wie fortschrittlich die Verfahren mittlerweile sind, immer mit Emissionen verbunden.
      Wie heißts bei fully charged – stop burning stuff

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Gefunden bei electrive.net
https://www.electrive.net/2021/06/29/frankfurt-macht-aus-hausmuell-strom-fuer-e-busse/
29.06.2021 10:46