Porsche baut den Cayenne Electric jetzt in Serie
Im VW-Werk Bratislava laufen bereits seit einigen Jahren die Verbrenner- und Hybridmodelle des Porsche Cayenne vom Band – zusammen mit den Plattform-Schwestermodellen von Audi und Volkswagen. Der neue Cayenne Electric, den die Zuffenhausener Mitte November 2025 vorgestellt haben, basiert zwar auf der reinen Elektro-Plattform PPE, wird aber jetzt gemeinsam mit den Benzin- und Hybrid-Cayenne auf einer Linie in der Slowakei gebaut.
Die flexible Produktion auf einer Linie ermöglicht es Porsche nach eigenen Angaben, „schnell auf Veränderungen der Nachfrage zu reagieren“. So können die Anteile der verschiedenen Modell- und Antriebsvarianten je nach Bestelleingang angepasst werden – zumindest innerhalb bestimmter Grenzen.
Denn ein limitierender Faktor ist die Montage der Batterie. Beim Taycan und Macan hat Porsche die einbaufertigen Batteriepacks noch vom Zulieferer Dräxlmaier montieren und in die Fahrzeugproduktion liefern lassen. Beim elektrischen Cayenne nimmt der Autobauer die Batteriemontage selbst in die Hand: Gemeinsam mit der Porsche Werkzeugbau GmbH hat Porsche in Horná Streda den Porsche Smart Battery Shop aufgebaut. „Die enge Verzahnung mit dem Porsche-Werkzeugbau war dabei ein wesentlicher Erfolgsfaktor: Kompetenzen aus der Prototypenfertigung konnten nahtlos in die Serienproduktion übertragen werden“, teilt Porsche mit. „In einem präzise gesteuerten Prozess aus Zellvorbereitung, Stapelbildung, Laserschweißen, Verschäumen, Kühlplattenintegration und End-of-Line-Prüfungen entstehen die Module unter vollständiger Qualitätsüberwachung.“
Welche Mengen Porsche dort in Eigenregie montieren kann, gibt das Unternehmen in der Mitteilung nicht an. Laut der Automobilwoche fertigen in Horna Streda 150 Mitarbeitende aus den angelieferten Pouchzellen von LG Energy Solution in zwei Schichten 132 Module pro Stunde. Wie wir schon in unserem Tech-Deep-Dive zum neuen Cayenne Electric berichtet haben, werden pro Fahrzeug für die 113 kWh große Batterie (108 kWh netto) sechs dieser Module benötigt. Damit können rein rechnerisch Batteriemodule für 352 Cayenne pro Tag hergestellt werden. Die Module gehen von Horna Streda übrigens noch zum Zulieferer Webasto, der die Module und die Leistungselektronik in den Batterierahmen montiert und schließlich an das Fahrzeugwerk liefert.
Anders als beim ersten PPE-Porsche Macan, der noch klassische Batteriemodule und ein konventionelles Batteriepack mit prismatischen Zellen nutzt, ist die Batterie im Cayenne mit dem neuen Konzept als tragendes Strukturbauteil ausgelegt. Mit den 108 kWh nutzbaren Energiegehalt ermöglicht die Batterie Reichweiten von mehr als 600 Kilometern und unterstützt das 800-Volt-Schnellladen. Zwar schaffen auch andere moderne Elektroautos wie der BMW iX3 50 xDrive einen Lade-Peak von 400 kW, aber der BMW benötigt bei einer ähnlich großen Batterie 21 Minuten, um von zehn auf 80 Prozent zu laden. Der Cayenne schafft fünf Minuten schneller. Das liegt unter anderem an dem bisher einzigartigen Kühlkonzept mit zwei Kühlplatten. Damit kann die Hochvolt-Batterie besser gekühlt und länger im optimalen Temperaturfenster gehalten werden – was hohe Ladeleistungen über einen längeren Zeitraum ermöglicht.
Karosserieteile kommen aus Bratislava
Aber nicht nur die Batterie-Lieferkette, auch das Fahrzeugwerk im Stadtteil Devínska Nová Ves wurde für den Cayenne Electric umfangreich angepasst. In einer neuen „Plattformhalle“ werden das skateboardartige Chassis aufgebaut und in den nächsten Schritten um Seitenwände, Dach, Türen, Fronthaube und Heckklappe ergänzt, so Porsche. Diese Bauteile werden vor Ort im Presswerk hergestellt.
„Mit dem Cayenne Electric übertragen wir die DNA von Porsche konsequent in die Zukunft – mit Batteriemodulen aus eigener Entwicklung, maximaler Fertigungsqualität und einer Produktionslinie, die Verbrenner, Hybrid und Elektro nahtlos vereint“, sagt Albrecht Reimold, Vorstand für Produktion und Logistik der Porsche AG. „So gewinnen wir die notwendige Flexibilität, um weltweit in jedem Markt höchste Qualität, modernste Technologie und individuelle Kundenansprüche zuverlässig zu bedienen.“
Während der Cayenne Electric jetzt in die Serie geht, ist das bei zwei anderen lange angekündigten Elektro-Baureihen von Porsche inzwischen offenbar unklar. Wie Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtet, erwägt der Vorstand wohl, die geplanten Elektro-Versionen des 718 Boxster und Cayman aufzugeben, bevor sie überhaupt auf den Markt gekommen sind. Als Grund werden Entwicklungsverzögerungen und steigende Ausgaben genannt. Porsche wollte sich zu den Informationen nicht äußern.
Tatsächlich ist die Entwicklung der elektrischen 718-Nachfolger alles andere als problemlos gelaufen. So haben die Porsche-Entwickler lange darum gekämpft, die gewünschten Fahreigenschaften der zweisitzigen Sportwagen mit den Porsche-Ansprüchen, dem (Batterie-)Gewicht und den Kosten in Einklang zu bringen. Im Zuge der einst ehrgeizigen Elektro-Strategie wurde vom damaligen Vorstand die Entscheidung getroffen, bei der Batterie auf ein riskantes Single-Sourcing zu setzen: Die speziellen Batteriezellen mit hoher Energiedichte sollten von Northvolt kommen, die dann vom finnischen Zulieferer Valmet an einem neuen Standort in Baden-Württemberg in die Batteriepacks verbaut werden. Northvolt ist bekanntlich in die Insolvenz geraten und wurde vom US-Unternehmen Lyten aufgekauft. Und Batterie-Partner Valmet hat sich aufgrund der Verzögerungen aus dem Projekt in Kirchardt zurückgezogen. Somit stand Porsche ohne Batterie-Lieferkette für das Modell da – ein Plan B ist bis heute öffentlich nicht bekannt.
Wie Bloomberg berichtet, ist die Einstellung der Modellreihe nur eine der Optionen, die derzeit geprüft wird. Der neue Vorstandsvorsitzende Michael Leiters, der zum 1. Januar von Oliver Blume übernommen hat, habe noch keine endgültige Entscheidung getroffen.
porsche.com, automobilwoche.de (beide Cayenne Electric), wiwo.de (718-Gerüchte)
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