Ferrari Luce: Erstes E-Auto aus Maranello kostet über halbe Million Euro
Im Rahmen seines Capital Markets Day 2025 hatte Ferrari im vergangenen Oktober seinen Strategieplan bis 2030 vorgestellt – und damit auch den eigenen Kurs in die elektrische Ära skizziert. Bis dahin sollen rein elektrische Modelle 20 Prozent des Produktportfolios ausmachen. Weitere 40 Prozent sollen auf Hybride entfallen, die übrigen 40 Prozent auf klassische Verbrenner.
Bei dieser Gelegenheit gab die italienische Sportwagenmarke auch erstmals konkrete technische Daten zu ihrem ersten Elektroauto bekannt. Damals lief das Modell noch unter der Bezeichnung Elettrica, gezeigt wurden vor allem Chassis, Antrieb und Batterie. Im Februar folgte der nächste Schritt: Aus Elettrica wurde Luce, zugleich gewährte Ferrari erste Einblicke in Innenraum und Bedienkonzept. Nun haben die Italiener ihr erstes vollelektrisches Modell endlich enthüllt.
Der neue Ferrari Luce soll nichts weniger als die Emotionen und die Fahrdynamik der Marke in das Zeitalter der Elektromobilität übertragen. Dafür setzt die Sportwagenschmiede auf eine eigens entwickelte 800-Volt-Plattform samt elektrischem Antriebsstrang, Hochvoltbatterie und Invertern. Die zentralen Komponenten entstehen im neuen E-Building in Maranello.
Vier E-Maschinen, 772 kW Gesamtleistung
Der Antriebsstrang besteht aus vier Permanentmagnet-Synchronmotoren mit Radialfluss – je einer pro Rad. Die E-Antriebe basieren laut Ferrari auf den im F80 verwendeten Aggregaten und nutzen Know-how aus der Formel 1 sowie der Langstrecken-Weltmeisterschaft. Die beiden Maschinen an der Vorderachse leisten jeweils 105 kW und 140 Nm, die beiden Hinterachsmotoren jeweils 310 kW und 355 Nm. Daraus ergeben sich 210 kW an der Vorderachse und 620 kW an der Hinterachse. Die Höchstleistung des Luce gibt Ferrari mit 772 kW an, das maximale Drehmoment an den Motoren mit 990 Nm. Aus dem Stand soll der Stromer in 2,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen, nach 6,8 Sekunden sind 200 km/h erreicht. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 310 km/h.
Auch die Batterie wurde wie die E-Motoren vollständig in Maranello entwickelt, validiert und wird dort auch gefertigt. Den Energiegehalt von 122 kWh (brutto) ermöglichen 210 in Reihe geschaltete Zellen. Die gemeinsam mit dem koreanischen Batteriespezialisten SK On entwickelten Pouch-Zellen mit NMC-Zellchemie kommen auf eine Kapazität von 159 Ah. Die Energiedichte wird mit „über 740 Wh/l“ und die „spezifische Energie“ mit 305 Wh/kg angegeben. Reichen sollen die 122 kWh, um mit dem Ferrari Luce bis zu 530 Kilometer weit zu kommen. Dabei handelt es sich jedoch noch um eine Schätzung in der noch laufenden Homologation. Der finale WLTP-Wert kann also noch abweichen.















Das Ferrari Power Pack (FPP) beschreibt der Hersteller als „extrem kompaktes, integriertes Leistungsmodul mit sechs Siliciumcarbid-Modulen, Gate-Treibern und einem Kühlsystem“. Um optimale Leistung an jeder Art von Ladeinfrastruktur zu ermöglichen, hat Ferrari einen Hochvolt-DC/DC-Booster entwickelt. Dieser erhöht die von der Ladestation gelieferte Spannung und ermöglicht so auch das Laden mit bis zu 150 kW an reinen 400-Volt-Ladestationen. An 800-Volt-Schnellladern kann der Ferrari Luce auch mit bis zu 350 kW geladen werden. Ferrari gibt an, dass an einer entsprechend leistungsfähigen Schnellladesäule 70 kWh in 20 Minuten nachgeladen werden können. Eine klassische Angabe für den Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent nennt der Hersteller nicht. Für das Laden an Wechselstrom ist ein 22-kW-Lader an Bord. Ferner ist ein DC/DC-Wandler zum Laden und Erhalten der 12-Volt-Zusatzbatterie integriert.
Neben den reinen Leistungsdaten stellt Ferrari vor allem die Fahrdynamik in den Mittelpunkt. Die 800-Volt-Batterie ist tief im Fahrzeugboden integriert, wodurch der Schwerpunkt laut Hersteller 95 Millimeter niedriger liegt als beim Ferrari Purosangue. Auch das Gierträgheitsmoment soll um 15 Prozent geringer ausfallen. Und: Zusammen mit den kurzen Überhängen und dem kompakten Achslayout soll sich der Luce bei Richtungswechseln laut Ferrari wie ein rund 400 Kilogramm leichteres Fahrzeug anfühlen.
Dabei nutzt Ferrari die vier unabhängig regelbaren Elektromotoren nicht nur für die hohe Leistung, sondern auch für ein aktives Torque Vectoring an beiden Achsen. Das System kann Drehmoment beim Beschleunigen und Verzögern radindividuell verteilen und so das Giermoment des Fahrzeugs steuern. Hinzu kommen ein aktives Fahrwerk, eine unabhängige Hinterachslenkung und die neue Vehicle Control Unit, die Antrieb und Fahrdynamik in einem zentralen Steuergerät bündelt.
Am Lenkrad kombiniert Ferrari das bekannte fünfstufige Manettino (Anm. d. Red.: Drehschalter am Lenkrad) mit einem dreistufigen e-Manettino. Im Modus „Range“ ist die Leistung auf 320 kW begrenzt, der Antrieb erfolgt vorwiegend über die Hinterräder und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 260 km/h. In „Tour“ stehen 460 kW und permanenter Allradantrieb zur Verfügung. Im Modus „Performance“ ruft der Luce bis zu 725 kW ab, ebenfalls mit permanentem Allradantrieb und einer Höchstgeschwindigkeit von 310 km/h. Die volle Launch-Control-Leistung liegt mit 772 kW nochmals darüber.
Ein besonderes Element ist das neue „Torque Shift Engagement“-System. Die Schaltwippen am Lenkrad simulieren dabei keine klassischen Gangwechsel, sondern beeinflussen die Leistungsentfaltung und die Motorbremswirkung. Über die rechte Wippe kann der Fahrer die verfügbare Leistung in mehreren Stufen erhöhen, über die linke Wippe die Rekuperation beziehungsweise die Verzögerung durch den Antrieb anpassen. Ferrari will damit einen Teil jener Interaktion erhalten, die bei Verbrennermodellen bislang über Motor, Getriebe und Drehzahl vermittelt wurde.
Vier Türen, fünf Sitze – ein neues Ferrari-Format
Trotz dieser Fahrleistungen ist der Luce kein klassischer zweisitziger Sportwagen. Die Elektroplattform ermöglicht eine für Ferrari neue Architektur mit vier Türen und fünf Sitzen. Der Luce ist damit nach dem Purosangue erst der zweite viertürige Ferrari und zugleich der erste Ferrari mit fünf Sitzplätzen. Die Abmessungen fallen entsprechend stattlich aus: 5,03 Meter Länge, zwei Meter Breite und gut 1,54 Meter Höhe stehen einem Radstand von 2,96 Metern gegenüber. Das Leergewicht gibt Ferrari mit 2.260 Kilogramm an, die Gewichtsverteilung mit 47 Prozent vorn und 53 Prozent hinten. Das Kofferraumvolumen beträgt 597 Liter.
Das Design entstand nicht allein im „Ferrari Centro Stile“, sondern in Zusammenarbeit mit LoveFrom, dem Kreativkollektiv von Jony Ive und Marc Newson. Prägendes Element ist das von Ferrari sogenannte „Glass House“, also eine weit in die Karosserie integrierte Glasarchitektur. Der Elektroantrieb habe eine radikal neue Architektur ermöglicht, die wiederum Platz für den großzügigeren Innenraum geschaffen habe. Auch aerodynamisch spielt die Karosserieform eine zentrale Rolle: Ferrari nennt unter anderem glatte, möglichst unterbrechungsfreie Flächen, aktive Aerodynamikgitter und aerodynamisch optimierte Räder. Letztere messen 23 Zoll vorn und 24 Zoll hinten – laut Ferrari die größten gestuften Radgrößen, die je bei einem Serienmodell der Marke verbaut wurden.
Im Innenraum kombiniert Ferrari digitale Anzeigen mit physischen Bedienelementen. Mechanische Tasten, Knöpfe, Drehregler und Kippschalter werden durch OLED-Displays ergänzt. In Instrumententafel, Mittelkonsole und Fond stehen insgesamt vier Displays mit Größen von 12,9, 12, 10,1 und 6,3 Zoll bereit. Für das erste Elektromodell hat sich Ferrari auch eine neue Anzeige ausgedacht: Ein „Torque Meter“ oberhalb des Tachos soll ähnlich wie die Schaltanzeige bei den Verbrenner-Sportwagen anzeigen, wann der Fahrer das Drehmomentniveau erhöhen kann.
Auch beim Klang verfolgt Ferrari einen eigenen Ansatz. Der Luce soll keinen künstlich erzeugten Motorsound erhalten. Stattdessen erfasst ein Präzisionssensor die Vibrationen der elektrischen Achsen und bereitet diese in Echtzeit auf. Das Signal wird gefiltert, entzerrt und verstärkt – laut Ferrari ähnlich wie bei einer E-Gitarre. Die Klangintensität hängt unter anderem von der Stellung des e-Manettino und vom Einsatz der Schaltwippen ab. So soll der Fahrer je nach Situation zwischen möglichst großer Ruhe und stärkerer akustischer Rückmeldung wählen können.
Ob all das am Ende reicht, um die potenzielle Kundschaft vom neuen E-Ferrari zu überzeugen, bleibt abzuwarten. Klar ist: Ferrari hat mit dem Luce sein Portfolio nicht nur um einen neuen Antrieb, sondern auch um ein neues Fahrzeugformat erweitert. Der erste vollelektrische Ferrari ist weder klassischer Supersportwagen noch einfach ein elektrischer Purosangue, sondern ein viertüriger Fünfsitzer mit E-Antrieb – zu einem Startpreis von 550.000 Euro.
ferrari.com, ferrari.com (Konfigurator), insideevs.de




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