Markus Bach von Chargecloud sieht Ladeinfrastruktur vor der nächsten Wachstumsphase
Entstanden ist Chargecloud aus dem Bedarf heraus, Ladeinfrastruktur professionell und skalierbar zu betreiben. Was zunächst stark aus dem Stadtwerke-Umfeld kam, hat sich inzwischen deutlich verbreitert. Bach beschreibt Chargecloud heute als „Operating System“ für zahlreiche Lade-Use-Cases – von Home und Workplace Charging über Depot- und Fleet-Charging bis hin zu öffentlichem Laden und EMP-Angeboten.
Diese Breite ist für Bach ein zentraler Punkt: Ladeinfrastruktur ist längst nicht mehr nur die einzelne Ladesäule im öffentlichen Raum. Gerade im B2B-Markt entstehen komplexe Anforderungen an Betrieb, Abrechnung, Nutzerverwaltung und Kostenkontrolle. Chargecloud zählt nach eigenen Angaben inzwischen 100.000 Ladepunkte in zehn Ländern in seinem Backend; rund 60 Prozent davon entfallen auf B2B-Anwendungen.
Ein besonderes Augenmerk legt Bach künftig auf das Laden schwerer Nutzfahrzeuge. Truck-Charging sei kein einzelnes neues Feature, sondern eine Summe präziserer Anforderungen: Rechnungen pro Lkw, TCO-Betrachtungen auf Fahrzeugebene, Reservierung von Ladepunkten und Leistung sowie eine hohe Zuverlässigkeit der Infrastruktur. Hinzu kommt der Wunsch vieler Betreiber, Depot- und Flottennetzwerke gezielt miteinander zu verbinden, statt ausschließlich auf klassische CPO-EMP-Strukturen zu setzen. Ein erster Aufschlag wurde kürzlich verkündet: So liefert Chargecloud das Backend für das genossenschaftlich gedachte Depot-Lkw-Ladenetz dragonize.
Bach hält die Elektrifizierung von Lkw-Flotten für eines der nächsten großen Themen. Die Fahrzeuge seien für viele Strecken bereits geeignet, die Infrastruktur entstehe – und die Entwicklung gehe schneller voran, als viele erwarteten. Gleichzeitig werde die Herausforderung größer: Die Energiemengen liegen deutlich über dem Pkw-Bereich, Netzanschlüsse werden zum Engpass, und Systeme mit Speichern, Photovoltaik und intelligenter Steuerung gewinnen an Bedeutung. „Das ist die Zukunft – und sie kommt schneller, als viele denken.“
Kritisch blickt Bach derweil auf den aktuellen Zustand des öffentlichen Lademarkts. Dieser sei „noch nicht da, wo er sein muss“. Gemeint sind vor allem Roaming, Preismodelle, Bezahlprozesse und die Nutzerfreundlichkeit. Zwar hätten Kreditkartenterminals und Ad-hoc-Zahlungen per Apple Pay oder Google Pay den Zugang erleichtert. Für Dienstwagenfahrer bleibe der Markt mit unterschiedlichen Portalen, Belegen und Tarifen aber weiterhin zu fragmentiert.
Auch regulatorisch sieht Bach weiter Lernbedarf. Vorgaben wie Eichrecht, Preistransparenz oder Barrierefreiheit seien wichtig, könnten Märkte aber belasten, wenn sie zu früh oder zu komplex greifen. Gerade im Lkw-Bereich könnten eichrechtskonforme Messung und Abrechnung durch technische Besonderheiten wie lange oder gekühlte Kabel zusätzlich anspruchsvoll werden.
Bei den Ladepreisen zeigt sich Bach vorsichtig optimistisch: Nach schwierigen Jahren mit hohen Strompreisen, schwacher THG-Quote, rückläufigen Zulassungszahlen und ausgelaufenen Förderungen sieht er inzwischen gegenläufige Effekte. Sinkende Strompreise, eine wieder stärkere THG-Quote und steigende Auslastung könnten dazu führen, dass Laden wieder günstiger wird. Gleichzeitig werde Schnellladen an HPC-Standorten wegen höherer Investitions- und Betriebskosten voraussichtlich teurer bleiben als AC-Laden.
Für Chargecloud steht nun die europäische Expansion im Mittelpunkt. Nach Italien und Spanien folgen Frankreich und die Niederlande. Der Anspruch ist klar formuliert: Das Unternehmen will aus Köln heraus eine zentrale digitale Rolle im europäischen Ladeinfrastruktur-Ökosystem einnehmen.
Nach zehn Jahren sieht der Gründungsgeschäftsführer Chargecloud daher nicht am Ende einer Aufbauphase, sondern am Beginn der nächsten Skalierung. Die Elektromobilität habe im Bestand noch erhebliches Wachstum vor sich. Für Softwareanbieter wie Chargecloud dürfte entscheidend werden, ob sie die wachsende Komplexität aus Ladebetrieb, Flotten, Logistik, Regulierung und Nutzerkomfort beherrschbar machen können. Viel Spaß mit dem Video!





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