25.11.2021 - 11:18

Zeiss: Feinmechaniker mit beherztem Griff zum Ladekabel

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In der Zentrale von Zeiss in Oberkochen geht einer der größten gewerblichen Ladeparks Deutschlands in Betrieb. Auf zwei Werksstandorte verteilt, kommen 120 neue Ladepunkte zum Einsatz. 2022 sollen alle weiteren deutschen Zeiss-Standorte folgen. Als Energiedienstleister ist die EnBW ODR in das Projekt eingebunden. Wir beleuchten die Eckpunkte des Großprojekts.

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Oberkochen ist ein Dorf mit rund 8.000 Einwohnern im östlichen Baden-Württemberg. Ein Örtchen, das an sich keine überregionale Bedeutung beanspruchen würde, wäre dort nicht die Konzernzentrale der Carl Zeiss Industrielle Messtechnik GmbH ansässig. Das 1846 in Jena gegründete Unternehmen ist ein Aushängeschild der deutschen Messtechnik- und Optikbranche, die Konzern-Gruppe beschäftigt weltweit 34.000 Mitarbeiter, betreibt rund 30 Produktions-, 60 Vertriebs- und Service- sowie 27 Forschungs- und Entwicklungsstandorte. Bekannt ist die Marke Zeiss bei vielen vor allem für ihre Brillengläser, Fotoobjektive und Ferngläser.

Die Fäden der Geschäftstätigkeit laufen dabei im kleinen Oberkochen zusammen. Neben der Fertigung beherbergt die Kommune den Vorstand, die Hardware- und Softwareentwicklung, das Produktmanagement, den Service und alle Verwaltungsfunktionen der Carl Zeiss Industrielle Messtechnik GmbH. Und somit ist klar: In puncto Nachhaltigkeit soll Oberkochen vorangehen. So erklärt sich der Aufbau von 120 Ladepunkten an der deutschen Konzernzentrale. „Mit zahlreichen Initiativen verankern wir Nachhaltigkeit im gesamten Unternehmen – Elektromobilität alltagstauglich und attraktiv zu gestalten, gehört dazu“, kommentiert Dr. Matthias Metz, Vorstandsmitglied der Zeiss-Gruppe.

Absolute Zahlen zum aktuellen Anteil von E-Autos in der Dienstwagenflotte nennt Zeiss zwar nicht. Das Unternehmen teilt electrive.net gegenüber aber mit, dass der Anteil von Fahrzeugen „mit Stecker“ bei den Zulassungen für Dienstfahrzeuge stetig steige und die Mehrheit sich bereits jetzt für Hybrid- oder Elektroautos entscheide. „Bei Poolfahrzeugen haben wir seit zwei Jahren elektrische Fahrzeuge im Einsatz und testen gerade reine E-Fahrzeuge auch im Außendienst und Service auf Eignung“, heißt es aus der Unternehmenszentrale. Grundsätzlich hat Zeiss deutschlandweit mehr als 1.000 Firmenfahrzeuge im Einsatz.

Durch die Errichtung des Ladeparks in Oberkochen schafft Zeiss nun entsprechend der Nachfrage nach E-Dienstwagen die nötige Ladeinfrastruktur. Als Partner agiert die EnBW Ostwürttemberg DonauRies AG (ODR). Neben dem Aufbau verantwortet der in der Region verwurzelte Energiedienstleister auch den laufenden Betrieb der Anlage – inklusive aller Abrechnungsvorgänge. Die 120 neuen Ladepunkte verteilen sich auf zwei Unternehmensareale am Stamm- und am Südwerk Oberkochen. Sie sind allesamt auf 11 kW angelegt und stehen Firmenfahrzeugen und Pkw von Mitarbeitenden zur Verfügung. Bereits seit Anfang 2020 gibt es an der Deutschland-Zentrale auch zwölf Ladepunkte speziell für Besucher, die über Leistungen von 22 kW AC bis 150 kW DC verfügen.

Hersteller der Wallboxen ist die Firma ABL Sursum Bayerische Elektrozubehör GmbH & Co. KG. Der Ladegerätebauer ging sogar auf einen Sonderwunsch von Zeiss ein: Die für den Messtechnik-Konzern gelieferten Lader verfügen über ein Spiralkabel anstelle des sonst üblichen glatten Kabels. Die Sonderbestellung begründet Zeiss mit der erwünschten „hohen Akzeptanz und einem guten Nutzererlebnis“. Die EnBW ODR und ABL Sursum entwickelten vor diesem Hintergrund extra die neue Wallbox mit Spiralkabel, absolvierten ein separates Zulassungsverfahren und stellten die Sonderanfertigung sechs Monate nach Projektbeginn zur Verfügung.

Parallel liefen in Oberkochen die Vorbereitungen zur Stromversorgung der Ladeanlagen. Eine Erweiterung des Netzanschlusses wurde zwar nicht fällig, Projektpartner EnBW ODR koordinierte aber den Aufbau von neuen Verteilerschränken und die Implementierung eines Lastmanagements. Konkret realisierte der Energiespezialist an mehreren Punkten auf dem Werksgelände neue Umspannstationen (1x 1.600 kVA, 2x 1.000 kVA, 1x 630 kVA) für die verschiedenen Ladegruppen, die laut den Partnern so dimensioniert sind, dass eine weitere Skalierung der Ladepunkte jederzeit möglich ist.

Beim Lastmanagement setzt Zeiss auf verschiedene Vorgehensweisen abhängig vom Standort innerhalb des Werks. Bis dato ist ein rein statisches Lastmanagement ausreichend. Die einzelnen Lastmanagement-Controller seien aber auf einen dynamischen Betrieb für den weiteren Ausbau vorbereitet, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.

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Die lokale Erzeugung von Strom per Photovoltaikanlage ist ein weiterer Baustein der künftigen Energieversorgung am Standort. In Summe kommt Zeiss in Oberkochen durch den Ausbau einer Anlage auf dem Dach eines neuen Parkhauses auf eine Solar-Leistung von 1.350 kWp. Der eigengenerierte Strom kommt aber nicht per Pufferspeicher bei den Ladegeräten heraus, sondern wird ins Werksnetz gespeist. Dennoch zapfen die E-Auto-Fahrer an den Ladepunkten reinen Grünstrom. Dazu hat Zeiss nach eigenen Angaben physische PPAs, sogenannte Power Purchase Agreements (zu Deutsch „Stromkaufvereinbarungen“) mit Wind- und PV-Anlagenbetreibern abgeschlossen.

Zu den weiteren Elektrifizierungsplänen äußert Zeiss, dass nach dem Vorbild Oberkochens 2022 an allen weiteren deutschen Standorten Ladeinfrastrukturprojekte initiiert werden. Und: Entlang der Nachfrage werde man den weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur darüber hinaus vorantreiben, teilt Zeiss mit. „Der Bedarf wächst sehr dynamisch, die Bereitschaft zu Elektromobilität erfreulicherweise auch.“ Eine konkrete Zielzahl nennt das Unternehmen auch: Gegenwärtig plant Zeiss mit bis zu 600 Ladestationen an seinen Standorten bis 2025.

Während die EnBW ODR für die Zeiss-Mitarbeiter am Arbeitsplatz einen speziellen Charge@Work-Tarif eingerichtet hat, bietet der Energieversorger den Beschäftigten auch sogenannte Business@Home-Wallboxen zur Nutzung zu Hause an. „Dabei liefert die ODR die Wallboxen nach Hause und rechnet die Ladevorgänge mit uns ab“, erläutert Zeiss. Zum Einsatz komme auch hier Grünstrom.

Weitere Elektromobilitätsprojekte des Messtechnik-Spezialisten umfassen den Einsatz eines ersten Elektro-Lkw im Werksverkehr, der „auf unseren Wunsch von unserem Standortlogistik-Provider eingesetzt wird“, wie es aus der Unternehmenszentrale heißt. Außerdem fördert das Unternehmen das „Jobrad“-Modell und hat im Zuge eines Pilotprojekts zwölf abschließbare Ladespinde für E-Bikes installiert.

Grundsätzlich versteht sich Zeiss als Vorreiter nachhaltigen Wirtschaftens im regionalen und globalen Kontext. Regional etwa durch seine Teilnahme am Mobilitätspakt Ostwürttemberg, international etwa durch die Selbstverpflichtung, bis 2022 den Energiebezug an allen internationalen Hauptstandorten auf Grünstrom umzustellen und bis 2025 gänzlich CO2-neutral („Scope 1 & 2“) zu wirtschaften.

„Mit Projekten für Elektromobilität und Jobfahrrad gehen wir mit gutem Beispiel voran“, bekräftigt Vorstandsmitglied Dr. Metz. „Die Mobilität der Zukunft ist nur nachhaltig, attraktiv und fördernd für die regionale Entwicklung gestaltbar, wenn alle Akteure in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft an einem Strang ziehen. Die Initiative für Elektromobilität von Zeiss hat hoffentlich das Potenzial, auch andere Unternehmen und Institutionen zu inspirieren.“
zeiss.de

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