26.03.2020 - 10:02

Software-Probleme: VW ID.3 „weit entfernt von Marktreife“?

Über angebliche Software-Probleme beim VW ID.3 wurde bereits häufiger berichtet. Nun bestätigte ein Sprecher erstmals die Probleme, während Insider einem neuen Bericht zufolge noch weiter gehen.

Volkswagen wird den ID.3 wegen anhaltender Probleme mit der Software wohl nur in einer „abgespeckten“ Version auf den Markt bringen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ heute spekuliert. An dem seit Langem kommunizierten Zeitplan mit Auslieferungsbeginn im Sommer will der Konzern festhalten – VW-Chef Herbert Diess hatte das nochmals bei der Vorstellung der Jahreszahlen vergangene Woche wiederholt. Nun kommen andere Töne aus Wolfsburg: Man werde „die eine oder andere geplante Funktion“ erst mal streichen und dann später über ein Update nachliefern, bestätigte ein VW-Sprecher der Zeitung. „Super läuft es nicht“, so der Sprecher. Es liegt nahe, dass die Coronakrise die Lage im Moment eher noch verschärft.

Konzerninsider, die das Blatt zitiert, halten das offenbar für eine Untertreibung. „Das ist nicht mehr zum Lachen“, soll „einer aus dem Konzern“ gesagt haben. „Das Auto ist weit entfernt von der Marktreife.“ Eine andere Quelle ist ebenfalls der Ansicht, dass man „nicht mal in der Nähe eines industriellen Fertigungsprozesses beim ID.3“ sei. VW-Chef Diess werde im Sommer ganz bestimmt ein paar Autos haben, die er herzeigen könne, „aber die basteln wir in Handarbeit hin, damit irgendwas dasteht. Das hat mit Serienproduktion nichts zu tun“.

Der ID.3 kommt nicht nur mit einem neuen Antriebs-Baukasten, dem MEB, sondern auch mit einer komplett neuen Software-Architektur samt Betriebssystem. Mit der neuen Fahrzeug-IT wollte VW eigentlich die Komplexität im Auto selbst mit den unzähligen Steuergeräten verringern. Ende Februar gaben VW-Insider gegenüber dem „Manager Magazin“ an, dass die Grundarchitektur der Software „zu hastig“ entwickelt worden sei, in der Folge würden sich viele Systemteile nicht verstehen, was zu Aussetzern führe.

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Ein Problem ist offenbar das geeignete Personal. „Es ist ein absolutes Desaster“, zitiert die „SZ“ eine interne Quelle. „Wir kriegen einfach die Leute nicht.“ Zu den fehlenden Programmierern und Software-Experten kommen auch Abgänge wichtiger Manager. So verlässt etwa Martin Hofmann, als CIO für die gesamte IT bei VW verantwortlich, Ende März das Unternehmen.

Aus diesem Grund soll VW der „SZ“ zufolge ein neues Szenario prüfen: Eine Software-Allianz mit Daimler. Ein Treffen auf Vorstands-Ebene habe bereits stattgefunden, ohne dass Aufsichts- oder Betriebsrat informiert worden seien. Dabei soll unter anderem erörtert worden sein, ob Daimler und VW gemeinsam ein Betriebssystem für Autos entwickeln könnten. So könnten nicht nur Kosten für die Eigenentwicklungen gespart werden, sondern auch die verfügbaren Kompetenzen und Personal bestmöglich genutzt werden. Die Konzerne scheinen die Bedeutung der Software erkannt zu haben, doch nun fehlen die Mittel, den Vorsprung von Tesla in diesem Bereich nicht noch größer werden zu lassen. Die Kalifornier konnten ihre Software-Architektur von Grund auf entwickeln und mussten nicht auf bestehende Lieferketten Rücksicht nehmen. Die Tesla-Software ist deutlich effizienter aufgebaut und läuft auf einem zentralen Steuergerät – was Updates oder Ähnliches ungleich einfacher macht.

Das Pikante: Daimler ist bereits in Gesprächen mit BMW über eine gemeinsame Software-Entwicklung. Die Stuttgarter fahren also zweigleisig und stehen nun schlecht da. Eine Kooperation der drei Konzerne scheint unwahrscheinlich, nicht nur aus kartellrechtlichen Gründen: VW hat mit Herbert Diess, Bald-Audi-Chef Markus Duesmann und Audi-Marketing-Vorständin Hildegard Wortmann dem bayerischen Konkurrenten in der jüngeren Vergangenheit mehrere Top-Manager abspenstig gemacht.
sueddeutsche.de

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16 Kommentare zu “Software-Probleme: VW ID.3 „weit entfernt von Marktreife“?

  1. Daniel S

    „Wir kriegen einfach die Leute nicht.“
    Dann müsst ihr mehr für die Leute bezahlen!

    • Software

      Vielleicht will auch keiner nach Wolfsburg?
      Oder man hat Jahrzehnte lang in Deutschland nur Blechbieger ausgebildet. Das Auto hat sich nun mal vom reinen Maschinenbau weg entwickelt und da muss man mitziehen oder man geht auf kurz oder lang unter.

      • Jürgen K

        Da scheint viel Wahres in den bisherigen Kommentaren zu sein. Man muss sich von der jahrzehntelangen „Schrauben- und Muttern“ Mentalität verabschieden. Nur eine gesamtheitliche langfristige Strategie und deren konsequente Umsetzung wird weiterhelfen. Alte und eingefahrene Gewohnheiten inklusive Vertragsbeziehungen, die nicht mehr zeitgemäß sind, müssen überdacht oder zumindest angepaßt werden. Mal sehen, ob und wie schnell dies nun möglich ist.

    • Steelpanther

      Und über Verzögerungen bei Tesla hat man sich lustig gemacht. In der Presse breitgetreten das sie mit dem Model 3 nicht so schnell in die Produktion kommen. Und jetzt kommen die großen Autobauer und müssen feststellen das auch die nicht die Weisheit mit löffeln gefressen haben. Die Spaltmaße werden bestimmt gut sein, was Software und Updates angeht, habe ich noch kaum ein deutsches Produkt gesehen was überzeugt hat.

      • Knolle

        Na toll, die deutsche Autobranche scheint wohl in der Realität angekommen zu sein
        Früher konnte man lästern und lachen und nu merkt man das man selber zwei linke Hände hat
        Aber Daumen hoch das wird schon auch wenn es länger dauert hi hi

    • Stromer

      Nein, wer ±30 Mrd. EUR für Schummel-Diesel-Strafzahlungen ausgibt (dafür hätten Sie 2013 auch Tesla aufkaufen können), hat weder Kapital noch die nötige Reputation, um überhaupt das erforderliche Entwickler-Team rekrutieren zu können. trau, schau, wem!

      Also wird VW weiter so vor sich hinwursteln, mal sehen wie lange das dauert, ich unke mal noch 18-24 Monate.

      Frage mich nur, warum sie ihre chinesischen Allianzen hierfür offensichtlich nicht effektiv nutzen (können/dürfen).
      Es wird wohl daran liegen, dass die „Partner“ das Know-How nicht exportieren wollen oder – staatlich verordnet -nicht dürfen. trau, schau, wem!

  2. Matthias U

    Tja. Statt zusammenzuarbeiten, wird halt alles zwei- oder dreimal entwickelt. Die Zulieferer freuen sich, sie können den Support dreimal abrechnen. Abhilfe wäre eine „software first“-Strategie, aber von der Idee ist unsere Autobaukultur meilenweit weg …

  3. Peter Heller

    Wir erinnern uns an die Worte vom damaligen Volkswagen-Chef Matthias Müller vor rund 2 Jahren.

  4. Abdul El Alamein

    „Allianz mit Daimler“

    Klar. Bei problematischen Software-Projekte ost das immer die beste Lösung: einfach das Projekt größer machen. NOT.

    Deutsche Manager verstehen Software nicht.

    Wenn die jetzt große Probleme haben werden sie typische „Software-geht-schief“-Management-Fehler machen wie fast alle deutsche Unternehmen. Mehr Leute, mehr Budget, mehr Organisation.

    Leider ist Software-Entwicklung echt schwer. Und man kann kurzfristig _nichts_ machen, außer nur schlimmer. Man muss die entsprechende Kultur und die Leute Jahre vorher aufbauen um jetzt gute Ergebnisse zu sehen.

  5. gnasch

    Wie blöd ist das denn – Wer braucht den wirklich die ganzen Helferlein? Die Funktionen eines Golf 2 werdet Ihr doch wohl noch hinkriegen? Macht ein Fahrerauto, kein fahrendes Boudoir!

    • Jürgen Kohl

      Dem ist nicht so, ein Auto ohne Konnektivität ist heute nicht mehr zu verkaufen.

      • Martin

        Ich könnte auf die „Konnektivität“ auch weiterhin gut verzichten. Aber ich bin auch nicht der „typische“ Autokäufer.
        Grundsätzlich: Keinesfalls mehr ein Verbrenner und Auswahl nach Nützlichkeit (Platz für die Familie –> Wo ist der günstige Elektro-Van mit 300km Real-Reichweite?), Qualität und Preis.

  6. Matthais

    Puh, da erkennt man aber einen gewissen „Klassenunterschied“.

    Bei Tesla geht gerade die Software für die automatische Erkennung von Ampeln und Stop-Schildern in den Testbetrieb.

    Bei VW ist man (scheinbar) schon mit der Implementierung einer „interaktiven Lichtleiste“ im Amaturenbrett hoffnungslos überfordert.

    Ich bin auf jeden Fall super gespannt was dann im Sommer präsentiert wird (wir erinnern uns, das Ziel war ja, dem Model 3 das „goldene Lenkrad“ streitig zu machen).

    • Torsten

      Naja. Die Fahrassistenz Features im VW-Konzern (e-tron zum Beispiel) sind schon sehr gut und möglicherweise auch besser als bei Tesla. Das klingt ja schon eher nach den üblichen Problemen bei großen IT-Projekten wie der Neuentwicklung eines OS auf dem dann die ganzen Teilsysteme zentralisiert laufen sollen. Tesla hat über ein paar Jahre halt Produktion und Service lernen müssen (teils schmerzhaft) und haben es aber mittlerweile wohl ganz gut im Griff. VW bewegt sich bei der Software halt aus seiner Komfortzone und lernt jetzt dort (teils schmerzhaft). Wird aber bestimmt zum Schluss auch noch in den Topf kommen wo es kocht.

  7. Simon Maier

    Wobei Tesla hier scheinbar den Nachteil hat, dass Mobileye in dem Bereich wichtige Patente hat, deshalb ist die Schildererkennung des AP 1 (der auf Mobileye Technologie basiert) teilweise besser als die des AP 2 und höher.
    Trotzdem kristallisiert sich langsam raus, dass der lange belächelte kalifornische Konkurrent in Sachen Software ziemlich gut aufgestellt ist, ein Auto besteht heutzutage halt aus mehr als nur ein paar Blechteilen mit Spaltmassen.

  8. Troc Adero

    Das beste Geschenk für VW – Zeit für die Software-Heim-Werker. Wie denn ?
    – die Offiziellen haben das Argument, die ID.-Serie auf 2021 zu verschieben.
    – die Softwerker erarbeiten ein sauberes Software-Konzept und setzen es in den nächsten 4 Monaten um.
    – es bleibt noch Zeit für Test und Endabnahme im Herbst/Winter 21.

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Gefunden bei electrive.net
https://www.electrive.net/2020/03/26/software-probleme-vw-id-3-weit-entfernt-von-marktreife/
26.03.2020 10:54