19.11.2020 - 13:41

electrive.net LIVE: Sprungbretter und Fallstricke bei der Flotten-Elektrifizierung

Firmenflotten haben ein enormes Potenzial, Elektrofahrzeuge in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. In der sechsten Ausgabe von „electrive.net Live“ ging es genau darum. Sechs Experten beleuchteten das Thema im Zuge der Online-Konferenz aus allen Perspektiven. Hier geht’s zum Konferenzbericht.

Wir beginnen heute mal am Konferenzende: Es ist kurz vor 14 Uhr, als die drei Experten des zweiten Panels allesamt nicken und äußern, dass das Geschäft gerade richtig anzieht. „So viele Angebote, wie wir in den letzten Wochen geschrieben haben, übertreffen wir unsere Ziele nächstes Jahr ohne Probleme“, meint Sebastian Ewert von chargeBIG. Die zwei Ladeinfrastruktur-Spezialisten anderer Unternehmen, mit denen er die digitale Bühne teilt, nicken vielsagend. „Es sieht gut aus. Man merkt, dass sich der Hochlauf anbahnt. Nächstes Jahr geht’s rund“, so der Tenor.

Das ist die Grundstimmung, vor deren Hintergrund sich die wieder zahlreichen Teilnehmer die sechs Expertenvorträge im bewährten Vier-Stunden-Konferenzkonzept anhörten. Moderator war einmal mehr electrive.net-Chefredakteur Peter Schwierz. Im ersten Panel kamen vormittags Axel Schäfer vom Bundesverband BV Fuhrparkmanagement, Benjamin Walde von der Mercedes-Benz AG und Jens Thomas von chargecloud zu Wort. Nach einer kurzen Mittagspause übernahmen Sebastian Ewert von chargeBIG, Michael Epping von Vector und Manuel Roddelkopf von inno2grid. Die Flotten-Elektrifizierung ist an diesem Tag bei electrive.net Live übrigens nach Ende Mai bereits zum zweiten Mal Themenschwerpunkt. Es gibt einfach nach wie vor viel Klärungsbedarf.

Bundesverband Fuhrparkmanagment

Davon kann Axel Schäfer, Managing Director beim Bundesverband Fuhrparkmanagement, einiges berichten. Er ist durch den Draht zu den Mitgliedern seines Verbands mit seinem Ohr nah dran an den Vorbehalten, aber auch Vorzeigebeispielen der Branche. Schäfer räumt zunächst mit dem Gerücht auf, der BV Fuhrparkmanagement stehe der Elektromobilität ablehnend gegenüber. Falsch! Man sei schlicht gegen Dogmatismus, so Schäfer. Hürden müssten benannt und Lösungen gefunden werden. Viele Mitglieder seien schlicht überfordert. Verbessern muss sich laut dem Verbandsvertreter vor allem der Tarifdschungel bei der Abrechnung von Ladevorgängen, das Förderchaos, das Fahrzeugangebot bei den Herstellern und die teils fehlende Kompetenz bei den Autohändlern. Fuhrparkbetreiber seien ihrerseits aufgefordert, sich über Ladeinfrastruktur, Rechtsfragen und Förderungen schlau zu machen und vor allem Nutzungsprofile zu erstellen, um erkennen zu können, welche Art der Elektrifizierung zum Betrieb passt.

„Es gibt ganz neue Anforderungen an das Fuhrparkmanagement“, resümiert Schäfer. Die Elektrifizierung sei ein Thema, das komme – ohne Zweifel. „Das merkt man gerade überall.“ Der Bundesverband vertritt dabei die Position, dass Plug-in-Hybride nicht „mit der großen Gießkanne“ gefördert gehören. Viele Dienstwagenfahrer sicherten sich nur den Steuervorteil, seien aber am regelmäßigen Laden der PHEVs nicht interessiert, so Schäfer.

Mercedes-Benz AG

Mit Benjamin Walde übernimmt ein Mann aus der Hersteller-Zunft die digitale Bühne. Der Vertriebsexperte der Mercedes-Benz AG beleuchtet, wie das Thema der Flotten-Elektrifizierung von OEM-Seite gedacht wird und führt die Großlieferung von 1.800 Elektro-Lieferwagen aus dem eigenen Haus an Amazon als prominentes Beispiel an. Walde umreißt die Entwicklung im E-Transporterbereich, die bei den Stuttgartern mit eVito, eSprinter und den Personentransportern EQV und eVito Tourer Fahrt aufgenommen hat. Zuwachs ist in Form des Electric Citan bereits in Aussicht. Walde verrät zwar keinen konkreten Zeitpunkt für den Marktstart, deutet aber an, dass sich der Launch nicht lange nach dem Marktstart des neuen Citan mit Verbrennungsmotor im zweiten Halbjahr 2021 abspielen wird.

„Das Fahrzeug auf den Hof abstellen reicht natürlich nicht“, so Walde. So ist auch bei Mercedes-Benz innerhalb kürzester Zeit ein Beratungs- und Servicepaket rund um die Elektromobilität herangewachsen, das von der Erstellung von Nutzungsprofilen über ein Tool zum Kostenvergleich bis zur Planung der Infrastruktur und zum Flottenmanagement reicht. Anschaulich macht das der Mercedes-Vertriebler anhand von Amazon und Hello Fresh – zwei durch ihren Umfang und ihre Komplexität (für Hello Fresh wurden die E-Transporter mit einem Kühlaufbau versehen) hervorstechende Fallbeispiele. Gute Nachrichten hat Walde mit Blick auf die Verfügbarkeit der Elektro-Transporter, die seinen Worten nach ebenso schnell geliefert werden können wie die Verbrennermodelle.

chargecloud

Über was für ein Potenzial wir bei der Elektrifizierung von Firmenwagen eigentlich sprechen, macht Jens Thomas im folgenden Vortrag deutlich: Elf Prozent aller Fachkräfte in Deutschland verfügten über ein Firmenauto, äußert der Vertriebschef der auf eMobility-Services spezialisierten Mennekes-Tochter chargecloud. Das aktuelle Potenzial liege bei rund 250.000 Dienstfahrzeugen, die statt mit Verbrenner- mit Elektroantrieb fahren könnten. Tendenz stark steigend. Die Corona-Pandemie gekoppelt mit der hohen Förderung und der steigenden Modellvielfalt bezeichnet Thomas als Katalysator für die Elektromobilitätsbranche.

Thomas ist an diesem Tag angetreten, um Stolpersteine und Lösungen bei der Abrechnung von Ladevorgängen aufzuzeigen – ein Thema, das Fuhrparkbetreiber umtreibt. Denn geladen werden Dienst- und Poolfahrzeuge mitunter zu Hause, unterwegs und am Arbeitsplatz. Das Ideal: für alle diese Szenarien eine einzige Authentifizierungs- und Abrechnungslösung. Was technisch und Software-seitig kein Wunderwerk ist, wird vor allem durch steuerliche und rechtliche Aspekte verkompliziert. Als Beispiel nennt Thomas das heimische Laden, bei dem oft keine Umsatzsteuer-Ausweisung möglich ist, denn der Arbeitnehmer ist in der Regel kein Unternehmer. Das führe zum schmerzhaften Umsatzsteuerverlust.

Trotz solcher Hürden geht Thomas davon aus, dass mitunter das neue Förderprogramm zum privaten Laden und die Aussicht auf eine Verlängerung der Innovationsprämie einen Push bei der Elektrifizierung von Dienstwagen auslösen werden. Neben der Abrechnungsthematik ist aus seiner Sicht vor allem die Motivation der Arbeitnehmer ausschlaggebend, sich auf die Installation eines Heimladegeräts einzulassen. Interessant in diesem Zusammenhang: Per Umfrage geben 44 Prozent der Konferenzteilnehmer an, das Thema Flotten-Elektrifizierung „ziemlich kompliziert“ zu finden. Ebenso viele Befragte meinen, „es geht so“.

chargeBIG

Kurzes Luftholen in der Mittagspause – dann betreten drei Experten für Flotten-Ladelösungen das Rampenlicht. Sebastian Ewert, Chef von chargeBIG, einem Corporate Startup von Mahle, plädiert für „das Laden so schnell wie nötig – nicht wie möglich“ und erzählt die Anekdote, wie Mahle vor Jahren seine Ladepunkte-Anzahl im eigenen Parkhaus verdoppeln wollte: von zwei auf vier. „Man sagte uns: das sei nicht möglich.“ Unternehmensintern ging der Zulieferer der Sache nach. Das war der Ursprung von chargeBIG. Das interne Startup will Ladeinfrastruktur zu einem Standbein Mahles machen – und zwar mit einer Lösung speziell für große Ladeparks mit vielen Ladepunkten.

Das ebenfalls chargeBIG genannte System ist wie von uns berichtet bereits bei ersten Kunden im Einsatz – unter anderem bei der LBBW. Das Prinzip: Alle Firmenwagen werden den Tag über geladen, aber unterschiedlich schnell und maximal mit 22 kW. „Kleine Wallboxen zu Hause, gut und richtig, Schnelllader an Autobahnen, gut und richtig, aber alles andere braucht ein intelligentes Management, damit die Energienetze das aushalten.“ Meistens lade das chargeBIG-System deshalb den Tag über mit fünf bis sieben Kilowatt. „Man sollte Laden nicht mit Tanken vergleichen, sondern mit Parken“, verbildlicht Ewert.

Vector

Die Digitalisierung befeuert die Ladeinfrastruktur-Entwicklung zusätzlich. Daran lässt Michael Epping von Software-Spezialist Vector keine Zweifel. Das IT-Unternehmen hat sich über Jahre von Software-Stacks, Mess-Equipment und Steuergeräte bis hin zu den Kernelementen der Ladeinfrastruktur vorgearbeitet. Vor dem „Publikum“ von electrive.net Live stellt Epping vor diesem Hintergrund die Eigenschaften von dynamischen Lastmanagementsystemen vor, allen voran am Beispiel der eigenen vCharM-Software für Busdepots.

Der Software-Spezialist erläutert die Kommunikationswege zwischen Fahrzeug, Ladesäule und Managementsystem, die Schnittstellen-Architektur und den Algorithmus als Kern des dynamischen Lastmanagements. Die Potenziale liegen auf der Hand: Wer die Last dynamisch verteilt, kommt mit einem bescheideneren Netzanschluss aus und spart auch im Betrieb kosten. Im Kopf bleibt vor allem Eppings Hinweis, dass schon die einfache Internetverbindung bei der Ladeinfrastruktur von der Firewall eines Unternehmens torpediert werden kann und es bei der Standardisierung noch viel Luft nach oben gibt: „Für die Energiemessgeräte, die beim dynamischen Lastmanagement berücksichtig werden müssen, gibt es zum Beispiel noch keine Standards.“ Dafür aber Lösungen – und die drängen zunehmend auf den Markt.

inno2grid

Ein Mammut-Elektrifizierungsprojekt steht zu guter Letzt bei Manuel Roddelkopf von inno2grid im Mittelpunkt. „Schneider Diesel zu Schneider Electric – Die wilde Fahrt zur Nachhaltigkeit durch die Flottenelektrifizierung“ hat der Projektmanager seinen Vortrag überschrieben. Eine Flotte aus 1.200 Fahrzeugen wird aktuell bei Zulieferer Schneider Electric auf Elektroantrieb umgestellt. Roddelkopf berichtet von der komplexen Erörterungs- und Planungsphase, dem aktuellen Stand, wonach inzwischen etwas weniger als 30 Prozent der Flotte elektrifiziert ist, und von dem Plan, die Quote bis kommendes Jahr auf 50 Prozent zu erhöhen und 80 Prozent der Unternehmensstandorte ebenfalls zu elektrifizieren.

Inno2grid positioniert sich als Experte für ganzheitliche Lösungen unter Einbeziehung des Mobilitäts- und Energiesektors. Schneider Electric gehört zu den Gesellschaftern des Unternehmens. Die dortige Flottenumstellung bezeichnet Roddelkopf als zentrales Pilotprojekt. Die Erfahrungen und Lerneffekte vor Ort nutzt Inno2Grid aber auch für weitere Projekte und Kunden. Der Projektmanager macht Hoffnung darauf, dass die Flottenumstellung kostenneutral ablaufen kann. „Das ist die große Herausforderung.“ Ziel sei, dass die Förderung und der Vorsprung von Elektrofahrzeugen bei den Gesamtbetriebskosten die Investitionen ausgleichen.

Auch die sechste Ausgabe des Konferenzformats riskiert nicht, mit Frontalunterricht zu überfordern. Wie üblich werden die kompakten Vorträge mit Paneldiskussionen aufgelockert, in denen auch „das Publikum“ seine Fragen an die Experten loswerden kann. Diskutiert wird so unter anderem, ob eine Reservierung von Ladepunkten beim Arbeitgeber Sinn macht und was Unternehmen daran hindert, ihre Ladeparks abends oder am Wochenende der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Fazit: Das Feld ist weiterhin nicht fertig beackert. Aber der eine oder andere dürften nach diesem Tag wieder etwas klarer sehen. Für dieses Jahr bildete die gestrige Konferenz den Abschluss. Peter Schwierz kündigt aber an, dass sein Team die Köpfe zusammenstecken werde, um das Format ins kommende Jahr zu überführen.

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19.11.2020 13:38