13.07.2021 - 08:40

Gaussin stößt mit Skateboard-Plattform in Lkw-Markt vor

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Skateboard-Plattformen für alternative Antriebe kennen wir im Pkw-Bereich, um flexible Karosserieformen und Aufbauten zu ermöglichen. Der französische Spezialfahrzeug-Hersteller Gaussin kreiert solch eine flache Plattform nun auch für Lkw. Sie soll sich sowohl für Batterie-elektrische als auch Brennstoffzellen-Trucks von 18 bis 44 Tonnen eignen. Gaussin stößt damit als neuer Player in den E-Lkw-Markt vor.

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Über die neue Plattform-Lösung hatten wir vor wenigen Wochen im Zuge eines frisch unterzeichneten Liefervertrags zwischen Gaussin und Batteriehersteller Microvast erstmals kurz berichtet. Es handelt sich um ein flaches „Skateboard“, das auf mehreren Patenten des Unternehmens aufbaut und sämtliche Schlüsselkomponenten und -systeme für Straßentrucks mit alternativen Antrieben enthält, einschließlich eines von Magna entwickelten ultraleichten Chassis, das laut Gaussin 400 Kilogramm weniger wiegen soll als andere Chassis auf dem Markt, sowie Batterien, Elektromotoren, Achsen und Aufhängungen sowie im Fall der Fälle Wasserstofftanks und Brennstoffzellen.

Als BZ-Variante wird die Plattform nach Angaben des Herstellers Reichweiten von bis zu 800 Kilometern ermöglichen – bei einer Tankzeit von 20 Minuten. Die Batterie-Variante soll maximal 400 Kilometer weit kommen und dank einer Batteriewechsel-Funktion innerhalb von drei Minuten mit frischen Akkus versehen werden können. Die BZ-Lkw sieht Gaussin eher auf der Fern-, die BEV-Lkw eher auf der Kurzstrecke. Die Bandbreite der Antriebsleistung gibt der Hersteller mit 150 bis 480 kW an. Außerdem sei das Skateboard dahingehend skalierbar, dass Lkw in der Konfiguration 4×2 und 6×4 mit verschiedenen Radständen und bis zu 44 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht kreiert werden können. Auch bei den Aufbauten gibt’s Auswahl, unter anderem zwischen einer klassischen Zugmaschine und Aufbauten für Müll- und Baufahrzeuge.

Die Gaussin-Gruppe – bisher vor allem für autonomen und elektrischen Spezialfahrzeuge für die Hafen- und Flughafenlogistik bekannt – gründet im Zuge des Plattform-Launches eine eigene Tochtergesellschaft für Straßentransporter. Das Skateboard soll im eigenen Haus verwendet, aber auch Dritten angeboten werden. Gaussin nennt in letzterer Kategorie unter anderem „Marktteilnehmer im Bereich autonomer Navigationssoftware“ als Zielgruppe – denn das Skateboard soll sich auch für autonome Sattelschlepper eignen.

Für die Ausgestaltung der eigenen Lkw hat Gaussin dieser Tage die italienische Design-Schmiede Pininfarina engagiert. Sie soll laut dem Hersteller ein völlig neues Kabinenkonzept kreieren, das für Fahrerkomfort und Sicherheit steht und sich gleichzeitig intelligent mit der Plattform verbindet. Das Design soll die gesamte geplante Palette der Gaussin-Lkw auszeichnen. Der Hersteller nennt konkret eine Zugmaschine mit 44 Tonnen und bis zu 1200 Kilometer Reichweite, die einen Elektro- und Wasserstoff-Antrieb kombiniert, sowie Lkw für die Verteillogistik, das Bauwesen, die Abfallwirtschaft und einen „Gaussin H2 Racing Truck“, den die Franzosen offenbar bei der Rallye Dakar an den Start bringen wollen.

Die Plattform selbst soll noch 2021 auf den Markt kommen. Für die eigenen Lkw nennt Gaussin noch keinen Zeitplan. Im Juni wurde bekannt, dass Microvast die Batterien zum Einbau in das Skateboard zuliefern wird. Der Umfang der langfristigen Zusammenarbeit zwischen Gaussin und dem Batteriehersteller sieht die Lieferung von Akkus mit einer Gesamtkapazität von mindestens 1,5 GWh in den nächsten fünf Jahren und bis zu 29 GWh bis 2031 vor. Innerhalb des Vertrags können offenbar verschiedene Batterie-Typen geliefert werden: Microvast kann nach eigenen Angaben „in seinen Standard-Akkupacks eine große Auswahl an unterschiedlichen Zellchemien bereitstellen, die die unterschiedlichen Anforderungen in Bezug auf Leistung, Energiedichte und Lebensdauer erfüllen“.

Mitte 2021 sollen nach Angaben aus dem Juni die ersten Prototypen der vollelektrischen und der Wasserstoff-Version gebaut werden. Die ersten Prototypen sollen großen Flotten- und E-Commerce-Unternehmen in den USA und in Europa vorgestellt werden. Gaussins Pläne sind extrem ehrgeizig: Ziel sei es, das Skateboard über ein Netzwerk von Lizenznehmern zu produzieren, um seine internationale Verbreitung zu beschleunigen, teilen die Franzosen mit. Ein ehrgeiziges Programm von 41 Lizenzen innerhalb von 36 Monaten würde es Gaussin ermöglichen, fünf Prozent des Marktes für Lkw mit sauberer Energie zu erobern, was einem kumulierten Absatz von 450.000 Fahrzeugen bis 2031 entspricht.

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Gaussin habe eine vielseitige Plattform geschaffen, die es den verschiedenen Akteuren der Branche ermögliche, eine extrem schnelle Markteinführung zu erreichen, äußert Jean-Claude Bailly, Managing Director von Gaussins Truck & Bus Division. Die Lösung spare Zeit bei der Projektentwicklung ein – „zu einer Zeit, in der sich der Markt für schwere Nutzfahrzeuge rasant verändert und Innovation mehr denn je ein entscheidender Differenzierungsfaktor ist“.

Unternehmens-CEO Christophe Gaussin ergänzt: „Mit diesem wasserstoff- und elektrobetriebenen Skateboard, einer Weltpremiere, bekräftigt Gaussin seine Vorreiterrolle bei der ökologischen Transformation und der Entwicklung von kohlenstoffarmen Mobilitätslösungen. Das Skateboard steht in vollem Einklang mit der globalen Mission der Gruppe und gibt Gaussin eine zentrale Rolle im gesamten Ökosystem.“

Einen ersten Auftrag hat das Unternehmen als neuer Player im E-Nutzfahrzeugmarkt unterdessen bereits in der Tasche. Im Mai unterzeichnete Gaussin eine Vereinbarung mit Baukonzern ECT und Bouygues Energiess & Services zur Entwicklung von H2-Transportlösungen. In diesem Zuge entwickelt letzteres Unternehmen einer 2-MW-Einrichtung zur Produktion und Verteilung von grünem Wasserstoff, während Gaussin drei Typen von H2-Fahrzeugen beisteuert: ein Dutzend Kipplaster à 70 Tonnen, ein autonomer Kipper ohne Führerhaus (und daher 25 Prozent mehr Nutzlast) sowie mehrere der oben beschriebenen 44-Tonnen-Lkw in der Konfiguration 4×2 mit einer Reichweite von 500 Kilometern. Die Partner streben an, dass die ersten Fahrzeuge 2022 in Betrieb genommen werden.

Gaussin bezeichnet sich selbst als Spezialist für Fracht- und Personentransport, autonome Technologien für AGVs (Automotive Guided Vehicles) und für die Integration von Batterien und Brennstoffzellen. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen weltweit 50.000 Fahrzeuge in den Bereichen Hafen- und Flughafenmobilität, Logistik und Personentransport im Einsatz. Als strategische Partner nennt das Unternehmen unter anderem Siemens Postal, Parcel & Airport Logistics im Flughafenbereich, Bolloré Ports und ST Engineering in den Häfen und Bluebus (ebenfalls eine Bolloré-Tochter) im Bereich Personenmobilität.
auto-motor-und-sport.de, logistra.de, gaussin.com (Pininfarina, PDF), gaussin.com (Plattform, PDF), gaussin (Kooperation mit ECT und Bouygues, PDF)

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