Rivian zeigt eigenen KI-Chip und nächste Stufe des automatisierten Fahrens
Der Blick auf Rivian ist aus deutscher Sicht besonders spannend, weil das kalifornische Unternehmen vergangenes Jahr eine große Partnerschaft mit Volkswagen eingegangen ist. Auch wenn VW beim „Autonomy & AI Day“ nicht groß erwähnt wurde, so dürfte doch klar sein, dass die Wolfsburger auf lange Sicht von der einen oder anderen gezeigten Innovation profitieren dürften, die bei dem Event gezeigt wurde. Schließlich ist Volkswagen mit einer Beteiligung von aktuell 12,3 Prozent bereits der zweitgrößte Shareholder von Rivian und will die Beteiligung weiter ausbauen. In einem Joint Venture arbeiten beide Partner zudem bereits konkret an einer zonalen Elektronik-Architektur sowie der dazugehörigen Software für Software-Defined Vehicles.
Blicken wir also darauf, was Rivian bei seinem „Autonomy & AI Day“ in Palo Alto im Silicon Valley konkret gezeigt hat – wohlgemerkt aber jenseits des Joint Ventures mit VW und somit als komplett eigene Entwicklungen. Dabei drehte es sich vor allem um einen selbst entwickelten Chip, künstliche Intelligenz und autonomes Fahren – wobei alle drei Punkte im Zusammenhang miteinander stehen, da sie aufeinander aufbauen.
Selbst entwickelter KI-Chip für autonomes Fahren
Zunächst zeigte Rivian seinen selbst entwickelten Siliziumchip namens Rivian Autonomy Processor (RAP1), einem maßgeschneiderten 5-nm-Prozessor, der Verarbeitung und Speicher auf einem einzigen Multi-Chip-Modul integriert. Er wurde speziell für bildzentrierte physikalische Künstliche Intelligenz („vision-centric physical AI“) konzipiert und ist damit ein wichtiges Tool für autonomes Fahren, wobei Rivian die Siliziumchips zunächst wohl für Fahrassistenten nach Level 2 und später auch für das z.B. für Robotaxis erforderliche autonome Fahren nach Level 4 verwenden will.
„Ich bin begeistert von der Arbeit, die unsere Teams im Bereich Autonomie und KI leisten. Unsere aktualisierte Hardware-Plattform wird uns dramatische Fortschritte im Bereich des autonomen Fahrens ermöglichen, um letztendlich unser Ziel der Bereitstellung von Level 4 zu erreichen. Dies stellt einen Wendepunkt für das Besitzerlebnis dar – letztendlich können wir unseren Kunden ihre Zeit im Auto zurückgeben“, sagte RJ Scaringe, Gründer und CEO von Rivian. Zugleich deutete er an, dass die Technologie dann auch einen Betrieb als Robotaxi ermöglichen werde.
Der neue Siliziumchip RAP1 soll den Autonomy-Computer der dritten Generation von Rivian antreiben, der Autonomy Compute Module 3 (ACM3) heißt und bis zu 1.600 Billionen Rechenleistungen pro Sekunde schaffen soll bzw. 5 Milliarden Pixel pro Sekunde verarbeiten können soll. Das sind sehr hohe Werte, die dazu dienen sollen, autonomes Fahren zu ermöglichen. Denn autonomes Fahren erfordert enorm schnelle KI-Chips direkt im Fahrzeug, die in Echtzeit enorme Mengen von Daten verarbeiten müssen.

Anders als Rivale Tesla will sich Rivian aber beim autonomen Fahren nicht nur auf Kameras und die Bildanalyse per Computer Vision verlassen. Vielmehr plant Rivian beginnend mit dem für 2026 angekündigten E-SUV R2, LiDAR-Technologie einzusetzen, also ein Laser-basiertes 3D-Messsystem, das beim autonomen Fahren für besonders präzise Abstandsmessung und Umgebungserfassung genutzt wird. LiDAR soll die multimodale Sensorstrategie des Unternehmens ergänzen, detaillierte dreidimensionale Raumdaten und redundante Sensorik liefern und die Echtzeit-Erkennung für Randfälle beim Fahren verbessern. Rivian stellte zudem sein Large Driving Model (LDM) vor, ein grundlegendes autonomes Modell, das wie ein Large Language Model (LLM) trainiert wird. Das Modell soll aus riesigen Datensätzen überlegene Fahrstrategien für das jeweilige Fahrzeug ableiten.
Start mit Level 2, aber Level 3 und 4 auf der Roadmap
Das autonome Fahren nach Level 4, bei dem das Fahrzeug in einem zuvor definierten Gebiet komplett ohne Fahrer am Steuer unterwegs sein kann, bleibt bei Rivian aber zunächst ein Roadmap-Thema. Zunächst soll die zweite Generation des R1 mit Verbesserungen im Bereich Fahrerassistenzsysteme (ADAS) ausgestattet werden, darunter Universal Hands-Free (UHF), das eine längere Zeit lang freihändiges Fahren an deutlich mehr Orten ermöglicht und auf über 3,5 Millionen Meilen Straßen in den USA und Kanada.
Bei diesem System liegt die Verantwortung aber beim Fahrer. Er muss den Blick auf der Straße lassen und er muss das Steuer jederzeit übernehmen können, wenn er vom Fahrzeug dazu aufgefordert wird. Das ist noch weit weg vom autonomen Fahren und entspricht nur einem hochwertigen Assistenzsystem nach Level 2. Auch vom Drive Pilot von Mercedes-Benz, bei dem der Fahrer gemäß Level 3 die Augen von der Straße abwenden kann („eyes-off“), aber immer noch einspringen können muss, ist das Rivian-System noch entfernt. Genau eine solche Level-3-Funktionalität plant Rivian später als Zwischenschritt zum autonomen Fahren nach Level 4.
Aber: Die Nutzung von Universal Hands-Free (UHF) wird für Rivian-Fahrer kostenpflichtig. Denn Rivian will ein Abonnement namens Autonomy+ auf den Markt bringen, das UHF enthält und dessen Funktionen kontinuierlich erweitert werden soll. Das System soll Anfang 2026 auf den Markt kommen und 2.500 US-Dollar (einmalig) oder 49,99 US-Dollar (monatlich) kosten. Der Preis liegt damit deutlich niedriger als bei Tesla, das für FSD in den USA einmalig 8.000 US-Dollar oder 99 US-Dollar pro Monat verlangt.
Klar ist aber definitiv: Rivian hat die Ambitionen, rasch auch autonomes Fahren nach Level 4 anbieten zu wollen. „Zwar konzentrieren wir uns zunächst auf Privatfahrzeuge, die heute den Großteil der in den Vereinigten Staaten zurückgelegten Kilometer ausmachen, doch ermöglicht uns dies auch, Chancen im Bereich Ridesharing zu erschließen“, so CEO RJ Scaringe bei dem Event. Mit anderen Worten: Die Rivian-Fahrzeuge könnten perspektivisch dann auch für Robotaxi-Dienste genutzt werden, wie sie die Google-Schwester Waymo bereits bietet.





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