Video - 24:47 minInfrastruktur

„Laden an Mehrparteienhäusern“ – Conrad Hammer, NOW

Hammer now live januar

„Laden an Mehrparteienhäusern gilt vielen noch als Pain“ – mit diesem alltagsnahen Bild eröffnete Conrad Hammer von der Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur in der NOW GmbH seinen Vortrag bei electrive LIVE. Er machte auf unserer Online-Konferenz sofort klar, worum es geht: Elektromobilität entscheidet sich nicht auf der Autobahn, sondern in der Tiefgarage. Und für solche Lademöglichkeiten soll es bald ein neues Förderprogramm geben.

Hammer ordnete in seinem Vortrag das Thema zunächst in den größeren Markthochlauf der Elektromobilität ein. Trotz zuletzt guter Zulassungszahlen liege Deutschland bei den batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV) etwa ein Jahr hinter früheren Prognosen zurück. Statt der erwarteten 3,2 Millionen Fahrzeuge seien es aktuell rund 2 Millionen E-Autos. An der langfristigen Dynamik ändere das jedoch wenig: Bis 2030 rechnet Hammer weiterhin mit rund elf Millionen BEV. Diese Entwicklung werde auch die Ladegewohnheiten verschieben, weg vom fast ausschließlich privaten Laden hin zu einer stärkeren Rolle öffentlicher Angebote – ohne den Wohnort aus dem Fokus zu verlieren.

Wo heute geladen wird

Der Blick auf die Realität zeigt ein deutliches Ungleichgewicht. „80 bis 85 Prozent der Ladevorgänge finden im nicht öffentlichen Bereich statt“, sagt Hammer, vor allem im Eigenheim, aber auch am Arbeitsplatz. Jedoch: In Mehrparteienhäusern werden bislang nur rund 14 Prozent der privaten Ladevorgänge realisiert. Besonders drastisch: In Gebäuden mit mehr als zehn Wohneinheiten liegt der Anteil der Wohnungen mit eigenem Ladepunkt bei gerade einmal einem Prozent. Dabei sei das Potenzial enorm, denn in Deutschland gebe es rund 21 Millionen Wohnungen in Mehrparteienhäusern und etwa neun Millionen zugehörige Stellplätze.

Ein zentraler Hebel ist aus Hammers Sicht die Wirtschaftlichkeit. Der Unterschied zwischen Haushaltsstrom und öffentlichem Schnellladen könne „mitunter 40 Cent“ pro Kilowattstunde betragen. Wer überwiegend zu Hause lädt, spare bei durchschnittlicher Fahrleistung mehrere hundert Euro im Jahr. Privates Laden sei damit nicht nur komfortabler, sondern ein handfester Ermöglicher von Elektromobilität – künftig insbesondere auch für mehr Menschen ohne Eigenheim.

Rechtlicher Rahmen und mentale Hürden

Rechtlich sei vieles geklärt. Seit Anfang der 2020er Jahre bestehe ein Anspruch auf die Errichtung von Ladeinfrastruktur, sowohl für Eigentümergemeinschaften als auch für Mieterinnen und Mieter. In Wohnungseigentümergemeinschaften reiche heute eine qualifizierte Mehrheit von „zwei Drittel plus 50 Prozent der Miteigentumsanteile“. Dass früher Einstimmigkeit nötig war, habe den Ausbau stark gebremst.

Trotzdem bleibe der Prozess oft mühsam. Eigentümerversammlungen fänden selten statt, Entscheidungswege seien lang, und nicht selten fehle der gemeinsame Wille. Hammer bringt es nüchtern auf den Punkt: „Es braucht hier natürlich den Goodwill des Immobilieneigentümers.“ Technik und Recht seien lösbar, entscheidend sei das Mindset – auch mit Blick auf die langfristige Wertsteigerung von Immobilien.

Unterstützung und Perspektiven

Genau hier setzen die Unterstützungsleistungen der Nationalen Leitstelle an. Bereits verfügbar ist ein Leitfaden zum Laden an Mehrparteienhäusern (PDF-Datei), der rechtliche und technische Fragen systematisch aufarbeitet. Hinzukommen soll bald ein spezieller Wegweiser für Wohnungseigentümergemeinschaften mit Musterverfahren für Beschlussfassungen. Ziel ist es, Hemmschwellen abzubauen und Skalierung zu ermöglichen.

Ein neues Förderprogramm des Bundes ist angekündigt, Details darf Hammer jedoch noch nicht nennen. Klar ist jedoch, dass es sich gezielt auf Mehrparteienhäuser mit eigenen Stellplätzen beziehen soll und in dem im November 2025 vorgestellten Masterplan Ladeinfrastruktur 2030 verankert ist. Ergänzend verweist Hammer auf Instrumente wie das Flächentool, über das private Stellplätze für Investoren sichtbar gemacht werden können – ein Zeichen dafür, dass Kapital vorhanden ist, während die Immobilienwirtschaft noch zögert.

Am Ende richtet Hammer den Blick nach vorn und in die Branche selbst. Die Fahrzeuge werden kommen, die Nachfrage ebenso. Oder wie er es sinngemäß formuliert: Die Ladeinfrastruktur im Mehrparteienhaus ist kein Zukunftsthema mehr – sie wartet nur darauf, dass jemand den Lichtschalter im Keller findet.

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6 Kommentare

zu „„Laden an Mehrparteienhäusern“ – Conrad Hammer, NOW“
Markus
05.02.2026 um 07:50
Wirklich schöner Vortrag. Vielleicht waren wir in unserer WEG zu schnell mit unserer Umsetzung. Ich habe in unserer WEG mit 165 Stellplätzen in unserer Tiefgarage einen Ladepark mit eigenem Netzanschluss und Lastmanagement auf den Weg gebracht, mit unserem lokalen Netzanbieter und Grundversorger. Je Stellplatz 11 kW Wallbox. Der Grundaufbau wurde aus den Rücklagen bezahlt, die einzelne Wallbox wird separat von jedem Eigentümer bei Bedarf bestellt. Der Vertrag läuft 10 Jahre mit dem Grundversorger, läuft nun im dritten Jahr. Leider wird der Stromverbrauch mit 49 Cent pro kWh abgerechnet, eine Senkung ist auch nicht in Sicht, selbst auf Nachfragen per Email wird vom Grundversorger ESWE (Wiesbaden) nicht geantwortet, wirklich äußerst schade, dass ein solches Engagement einer WEG vom Grundversorger mit Füßen getreten wird. Konsequenz daraus, bisher haben nur 8 Eigentümer eine Wallbox in Betrieb genommen.
RF
06.02.2026 um 22:49
Bei solch großen WEG mit so vielen Parkplätzen wird es häufig deutlich komplizierter. Am günstigsten dürfte immer das Laden über den Wohnungszähler in Verbindung mit einem zusätzlichen Lastmanagement sein. Aber dann benötigt man natürlich genügend Platz für die Kabel (halte ich je nach örtlichen Gegebenheiten für unkritischer) und Platz in den Schaltkästen (dort wird es häufig schwieriger).Was die Stadtwerke, aber auch andere Anbieter, dort als "Lösung" anbieten, ist kostentechnisch zwischen unattraktiv bis völlig frech.
Markus
09.02.2026 um 16:23
Die Idee mit der Verwendung des jeweiligen Hausanschlusses hatten wir im ersten Schritt auch verfolgt, allerdings konnte es aus technischer Sicht nicht umgesetzt werden. Massiver Platz-Mangel in den Zählerräumen (Es sind 8 separate Hausanschlüsse). Zählerräume sehr weit weg von der Tiefgarage und die Hausanschlüsse sind nicht wirklich potent ausgestattet, auch mit Lastmanagement wären wir hier sehr schnell an Grenzen gestoßen. Unsere jetzige Lösung ist schon top, aus techn. Sicht, würde uns der Grundversorger nur nicht so abzocken. Letztendlich schadet er sich selbst, da sich dadurch weniger Neukunden generieren lassen. Einziger wehrmutstropfen, in 7 Jahren sind wir aus dem Vertrag raus und können uns einen neuen, günstigeren, Betreiber suchen., immerhin.
Alhard von Nordenskjöld
05.02.2026 um 11:06
"Wirtschaftlichkeit" als Hebel? Ja, aber eben nur, wenn genau so etwas nicht passiert. Unnötigerweise baut der Versorger zum Einen einen neuen Netzanschluss, zum Zweiten muss er dann natürlich auch abrechnen. Beides erzeugt Zusatzkosten, die den schönen Kostenvorteil vom privaten Laden zunichte machen. Die Lösung: Versorgung aus den Wohnungszählern! Das ist mit wenigen Ausnahmen - also bei sehr alter Hauselektrik - mit 11kW möglich. Das Lastmanagement regelt entlang der verfügbaren Leistung am Hausanschluss in Echtzeit. Abrechnungskosten - keine. Flexibler Stromliefervertrag - kann jeder für sich machen. Abhängigkeit von Dienstleistern - keine. Ladestrommeng reicht nach meine Erfahrung meist für über 30.000 km pro Jahr. Mehr dazu unter easy-energiedienste.de.
Wolfbrecht
06.02.2026 um 09:41
"Unnötigerweise baut der Versorger zum [e]inen einen neuen Netzanschluss, zum [z]weiten muss er dann natürlich auch abrechnen. Beides erzeugt Zusatzkosten, die den schönen Kostenvorteil vom privaten Laden zunichte machen." –> Aber war nicht genau DAS die Absicht des Versorger: Für SICH zusätzliche Gewinne erzielen? ... Ansonsten kann ich Ihnen nur zustimmen: Mein Ladeanschluß am privaten Wohnungszähler leistet (Neubau 2014) inzwischen 11 kW in der Tiefgarage. MEHR als ausreichend.
Nik
09.02.2026 um 10:11
Und wie viele unzählige Mietwohnungen mit Laternenparker und ohne Stellplätze/TG gibt es??? Hier sind noch nicht mal Lösungen angedacht.

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