Volvo Trucks ruft seine neue E-Lkw-Generation aus

Die Schweden sind früh ins E-Lkw-Segment eingestiegen. Doch inzwischen macht Mercedes-Benz Trucks der Volvo Group die Marktführerschaft in Europa streitig. Volvo Trucks legt jetzt nach: Neben einem neuen Fernstrecken-Truck mit Elektroantrieb sorgt das Unternehmen auch in seinen bestehenden E-Lkw ab Sommer für eine um 57 Prozent höhere Reichweite.

Volvo trucks fh electric my
Bild: Volvo Trucks

Volvo Trucks hat den noch jungen Markt für schwere E-Lkw über Jahre beherrscht. Noch 2024 gab das Unternehmen an, fast die Hälfte aller schweren Elektro-Lkw in Europa abgesetzt zu haben. Vor allem, weil viele Mitbewerber noch nicht so weit waren. Das änderte sich in der Folge. In den vergangenen zwei Jahren brachten fast alle Hersteller mindestens ein schweres E-Lkw-Modell heraus – mit teils alternativen Batterietechnologien (allen voran LFP- statt nickelbasierten Batterien) und wachsenden Reichweiten. Der kommende MCS-Ladestandard tut sein Übriges, damit E-Lkw auch auf Fernstrecken durchstarten können.

Doch der Reihe nach: Schon 2025 hatte sich der Markt einmal gedreht, was bei den noch verhältnismäßig kleinen Stückzahlen zugegebenermaßen schnell gehen kann. Mercedes-Benz Trucks übernahm in Europa (EU30) bei den mittleren und schweren BEV-Lkw mit 35 Prozent die Marktführerschaft. Dieser Erfolg fußt weitgehend auf einem einzigen Modell: dem eActros 600, Mercedes‘ E-Lkw für den Fernverkehr. Diesem stellt Volvo Trucks nun den FH Aero Electric entgegen. Wie diese Woche berichtet, soll dieser in seiner distanzstärksten Variante bis zu 700 Kilometer Reichweite ohne Ladestopp abspulen können. Bestätigt sich diese Fähigkeit, würden die Schweden die gesamte Konkurrenz überflügeln.

FH, FM und FMX Electric weiten ihren Radius aus

Doch auch die bestehende Palette will Volvo Trucks modernisieren. Der Hersteller ruft konkret die nächste Generation seiner schweren Baureihen Volvo FH, Volvo FM und Volvo FMX Electric für den regionalen Transport aus und kündigt „deutliche Verbesserungen in Bezug auf Flexibilität, Produktivität und Fahrkomfort“ an. Das Wichtigste aber: Die Reichweite der Trucks soll von 300 auf 470 Kilometer ansteigen. Das ist ein Zuwachs um 57 Prozent. Damit werden die XXL-Stromer auch für deutlich größere Radien rund um das Depot interessanter.

Kurz zur Einordnung: Die genannten drei E-Lkw sind Volvos schwere Stromer, die seit 2022 verkauft und in Serie gebaut werden. Den FH Electric positioniert das Unternehmen zurzeit im Bereich regionale und überregionale Transporte, daneben gibt es noch den FM Electric (für regionale, schwere Transporte) und den FMX Electric für Bautransporte. Alle drei Baureihen verfügen über einen Antrieb, der drei Elektromotoren mit dem I-Shift-Getriebe von Volvo Trucks kombiniert. Die Spitzenleistung liegt aktuell noch bei 490 kW, die durchgehende Leistung bei 315 kW. Die sechs verbauten Batterien kommen auf einem kombinierten Energiegehalt von 540 kWh, was zurzeit noch die erwähnten rund 300 Kilometer Reichweite ermöglicht.

Wie gelingt nun also der große Reichweiten-Zuwachs der neuen Generation? Volvo Trucks verrät, dass die drei Baureihen einen völlig neuen Antriebsstrang erhalten. Dabei handelt es sich um einen Zwei-Motoren-Antrieb mit speziell entwickeltem 8-Gang-Getriebe. Die maximale Leistung beziffert das Unternehmen auf 540 kW, also 50 kW mehr als bisher. Zur Dauerleistung äußern sich die Verantwortlichen noch nicht. Der Antrieb mag zur Mehr-Reichweite zwar etwas beitragen, der Schlüssel zu den 470 Kilometern liegt aber in den Batterien. Und die erwähnt Volvo Trucks in seiner aktuellen Mitteilung nicht.

Sinn macht in diesem Fall ein Seitenblick zu Konzernschwester Renault Trucks: Die Franzosen haben den Generationswechsel ihrer E-Lkw bereits im November publik gemacht. Und Renault Trucks teilt sich unter dem gemeinsamen Dach der Volvo Group in der Regel den Technik-Baukasten mit Volvo Trucks. Der bisherige E-Tech T ist dabei das Äquivalent zum Volvo FH Electric. Er wird unter dem neuen Namen E-Tech T 540 künftig von 300 Kilometer Reichweite auf 450 Kilometer aufsatteln. Das sind zwar nicht die von den Schweden in Aussicht gestellten 470 Kilometer, aber diese Differenz ist erklärbar. Dazu gleich mehr.

Neue Batteriezellgeneration, neuer Aufbau

Zunächst wichtig: Der Blick nach Frankreich spricht dafür, dass die neue Generation an schweren E-Lkw der Volvo Group ihre 90-kWh-Batteriepacks behält und weiterhin vier bis sechs Packs à 90 kWh verbaut werden können. Den Unterschied macht eine neue Batteriezellgeneration (weiterhin NCA-Chemie), wobei die Zellen u.a. neu arrangiert werden. Das hat electrive bei der Präsentation der neuen Renault-Trucks-Generation vor wenigen Monaten auf der Solutrans in Lyon erfahren. Als Zellzulieferer agiert Samsung SDI, montiert werden die Packs für Renault Trucks vom deutschen Batteriesystemspezialist Akasol.

Dass Volvo Trucks aus diesen Batterie-Packs nochmals mehr herausholt, deckt sich mit der Beobachtung, dass die Schweden auch bei ihrem kommenden Fernstrecken-Lkw gegenüber den Franzosen u.a. mehr Netto-Batteriekapazität freigeben. So soll der künftige Volvo FH Aero Electric gegenüber dem weitgehend baugleichen Renault E-Tech T 780 ganze 100 Kilometer weiterkommen (bis zu 700 statt 600 km). In den schweren E-Lkw für den regionalen und überregionalen Transport schlägt sich diese Taktik wohl analog in den 20 Kilometern Mehr-Reichweite (470 statt 450 km) nieder.

Klar ist: Es war schon ungewöhnlich, dass Konzernschwester Renault Trucks mit ihren E-Trucks der neuen Generation bei der Präsentation den Vortritt bekam: Im November enthüllten die Franzosen die überarbeitete Palette samt neuem Flaggschiff auf ihrer Heimmesse Solutrans in Lyon. Die sonst stets bei Modellanläufen priorisierten Schweden sind ein gutes halbes Jahr später dran. Dafür wollen sie nun aber offenbar bei der Reichweite alle überflügeln – selbst die Schwestermodelle von Renault Trucks. Auf Anfrage von electrive erläutert ein Sprecher des Unternehmens die Mehr-Reichweite mit einer „Kombination aus Softwareoptimierung, erhöhter nutzbarer Batteriekapazität und weiter optimierter Aerodynamik“.

Gut einstündiges Laden mit 350 kW CCS

Was die Ladezeit angeht, gibt Volvo Trucks für sein schweres E-Lkw-Trio künftig 65 Minuten für das Ladefenster von 20 auf 80 Prozent an. Die Ladeleistung wird auf bis zu 350 kW beziffert. Ein MCS-Port wird nicht erwähnt und dürfte analog zu Renault Trucks auch nicht geplant sein. Ob es bei einer AC-Ladeoption mit 43 kW bleibt, geht aus der Mitteilung der Schweden nicht hervor. Hier spricht beim Seitenblick auf das Schwestermodell aber viel dafür, dass auch künftig mit Wechselstrom geladen werden kann. Wie groß die Verbesserungen beim Laden sind, offenbart ein Blick auf die technischen Daten der bisherigen Volvo-Modelle: Hier ist bei 250 kW DC Schluss und die Ladezeit bis 80 Prozent dauert knapp 90 Minuten.

Auch den Antrieb schauen wir uns kurz noch einmal genauer an. Bisher verfügten Volvo FH, Volvo FM und Volvo FMX Electric über das in der Volvo Group weit verbreitete Konzept aus drei verbauten E-Motoren in Kombination mit einem iShift-Getriebe, was für 315 kW Dauer- und 490 kW Spitzenleistung sorgt. Nun werden laut Volvo Trucks „alle neuen Lkw mit einem für den Elektroantrieb optimierten I-Shift-Getriebe ausgestattet“. Und zwar in Kombination mit nur noch zwei E-Motoren, die aber einen höheren Maximal-Output (die genannten 540 kW) schaffen. Die Schweden versprechen insgesamt eine „ausgeglichenere und kontrolliertere Leistung“. Die neuen Powershift-Getriebe mit acht Gängen böten dazu einen reibungslosen Gangwechsel, eine leisere Geräuschkulisse und geringere Vibrationen.

Was den Praxisnutzen angeht, ist dem Unternehmen zudem wichtig, dass Fahrzeugaufbauten (wie ein Betonmischer, ein Hakenlift oder ein Müllaufbau) ohne zusätzliche Antriebsmotoren oder Anbaugeräte betrieben werden können. „Dies ist auf einen neuen, unabhängigen Getriebe-Nebenantrieb (PTO) mit erweiterter Funktionalität zurückzuführen, der den Einsatz während der Fahrt ermöglicht“, teilen die Verantwortlichen mit. Den Kern-Einsatzbereich ihres Trios sehen sie vor allem im Straßenbau, im regionalen Verteilerverkehr, in der urbanen Logistik, in Versorgungsbetrieben und in der Abfallwirtschaft.

Bestellbar ab Sommer 2026

Das Gesamtzuggewicht von Volvo FH, Volvo FM und Volvo FMX Electric beziffert Volvo Trucks dabei auf bis zu 65 Tonnen (wo es erlaubt ist), die Nutzlast auf bis zu 23,8 Tonnen im Fall einer 4×2-Sattelzugmaschine. Dabei ist wichtig, dass der Hersteller „verschiedene Batteriekonfiguration zur optimalen Balance zwischen Reichweite und Nutzlast“ anbieten wird. Wer die volle Reichweite von bis zu 470 Kilometern für sich verbuchen will, kann also nicht mit der vollen Nutzlast von 23,8 Tonnen rechnen. Beides sind Maximalwerte bestimmter Lkw-Varianten. Apropos Varianten: Die Fahrzeuge können laut dem Unternehmen künftig auch mit Doppelantriebsachsen und einer längeren Untersetzung ausgestattet werden. Bestellbar ist die kommende E-Lkw-Generation ab Sommer 2026.

„Wir arbeiten intensiv daran, unser Angebot noch weiter zu verbessern. Wir erweitern es und machen elektrische Lösungen für ein noch breiteres Spektrum an Transportaufgaben möglich“, betont Roger Alm, Präsident von Volvo Trucks. „Unser Portfolio ergänzen wir zugleich um einen hochmodernen Elektro-Lkw mit einer Reichweite von bis zu 700 Kilometern. Damit können wir die geschäftlichen Anforderungen unserer Kunden umfassend erfüllen. Es war noch nie so einfach, Diesel-Lkw durch elektrische Fahrzeuge zu ersetzen“, sagt Roger Alm, Präsident von Volvo Trucks. „Wir sind fest davon überzeugt, dass Elektro-Lkw künftig einen großen Teil des weltweiten Gütertransports übernehmen werden. Die herausragende Leistung all unserer neuen Modelle spricht ebenfalls dafür.“

volvotrucks.de

2 Kommentare

zu „Volvo Trucks ruft seine neue E-Lkw-Generation aus“
Rasmussen
16.04.2026 um 12:36
Volvos Plattform ermöglicht MCS auch im FH, FM and FMX Electric, sofern dies der Kunde wünscht. Diese Option könnte künftig offiziell verfügbar werden, wenn ausreichend Nachfrage besteht.
Ruffy Uzumakii
16.04.2026 um 21:23
Mich interessiert eher, ob die Preise endlich runter gehen. Weiss das jemand? Es ist ja nur schon ein Schritt, wenn sie wenigstens ein paar 10.000 EUR runter gehen, damit die Akzeptanz grösser wird. Mein Vater ist selbst Chauffeur (LKW-Fahrer), aber fährt einen 18 Tonner im Fernverkehr. Da gibt's leider noch keine guten Alternativen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert