
„Chinesisches Tempo mit unserer globalen Systemexpertise verbinden“ – Philipp Ibele von Bosch
Herr Ibele, Bosch ist in der Elektromobilität extrem breit aufgestellt, Sie liefern ihren Kunden komplette Antriebssysteme, aber auf Wunsch auch nur einzelne Komponenten, die Halbleiter oder die Software. Und das global, also mit höchst unterschiedlichen Anforderungen. Wie managt man diese Komplexität und bringt die weltweiten Entwicklungen möglichst effizient unter einen Hut?
Der Schlüssel liegt in der Verknüpfung von globaler Stärke und lokaler Flexibilität. Wir entwickeln weltweit und fertigen nah am Kunden. Das verschafft uns entscheidende Vorteile: Einerseits schaffen wir resiliente Lieferketten, die auch in einem volatilen Umfeld verlässlich sind. Andererseits profitieren wir von der engen Zusammenarbeit mit China als Leitmarkt für Elektromobilität. Dort entstehen besonders schnelle, innovative und flexible Lösungen, die wir gemeinsam mit dem lokalen Ökosystem entwickeln. Gleichzeitig sichern wir durch standardisierte Komponenten und globale Plattformen eine weltweit einheitliche, hohe Qualität. Diese Standards ermöglichen zudem Skaleneffekte, die unsere Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit steigern und unseren Kunden einen echten Mehrwert liefert – in China, für China und weltweit.
Lassen Sie uns speziell nach China schauen, wo Sie auch schon für Bosch aktiv waren. Was ist chinesischen Endkunden bei E-Antrieben wichtig, was wird nachgefragt?
In China sind die meisten Kunden extrem technikaffin und erwarten maßgeschneiderte Modelle mit erlebbaren Features, die durch Konnektivität und digitale Funktionen ermöglicht werden. Das Nutzererlebnis im Fahrzeug steht klar im Vordergrund. Gleichzeitig herrscht im chinesischen Markt ein sehr hoher Preisdruck beim E-Antrieb. Chinesische Autohersteller möchten deshalb attraktive Endkundenpreise realisieren und nutzen zur Differenzierung vor allem die genannten Software-Funktionen. Wir bei Bosch unterstützen das, indem wir im E-Antrieb die Standardisierung vorantreiben, durch innovative Ansätze die Kosten senken und gleichzeitig die Effizienz steigern. Parallel dazu bieten wir unseren Kunden Software und digitale Services an, mit denen sie sich ihrerseits im Wettbewerb abheben können.
In Deutschland redet man über Technologieoffenheit. Worüber redet man in China?
China hat sich zwar zum Leitmarkt für Batterie-elektrische Fahrzeuge entwickelt, aber auch dort ist Technologieoffenheit ein Thema. Neben dem reinen E-Auto spielen Hybrid- und Range-Extender-Konzepte eine wichtige Rolle. Ein Blick auf die aktuellen Exportzahlen Chinas zeigt das sehr deutlich: 2025 verzeichneten etwa Plug-in-Hybride ein enormes Wachstum von 225 Prozent. Der Verbrenner, gestützt durch Elektrifizierung, bleibt global und speziell in China ein wichtiger Teil des Antriebsmixes. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Elektrifizierung zukünftig die führende Antriebstechnologie ist.






Mein Eindruck der vergangenen Jahre ist, dass viele der chinesischen E-Auto-Hersteller die Elektroantriebe als „Commodity“ sehen und zum Beispiel auch bei der Batterie einfach das einkaufen, was CATL oder BYD gerade anbieten. Die Differenzierung am Markt für die Kunden erfolgt dann über Connectivity, digitale Dienste und etwa die möglichst nahtlose Einbindung von Smartphones und Apps. Was bedeutet das für Zulieferer wie Bosch?
Wir erleben in der Tat, dass Hersteller sehr unterschiedliche Strategien bei der Wertschöpfung verfolgen. Für uns ist der E-Antrieb aber klar keine Commodity – im Gegenteil: Wir sehen vor allem bei Kosteninnovationen erhebliches Potenzial, das noch lange nicht ausgeschöpft ist.
Unser Ansatz ist zweigeteilt: Einerseits verfolgen wir einen konsequent starken Kostenfokus durch Standardisierung und Skaleneffekte. Andererseits nutzen wir unsere Innovationskraft, um neue Maßstäbe bei Effizienz, Wirkungsgrad und Reichweite zu setzen und so unsere Technologieführerschaft weiter auszubauen.
Dafür bieten wir unseren Kunden sowohl optimierte Systemlösungen als auch einzelne Komponenten entlang der gesamten Wertschöpfung – von Leistungselektronik über E-Motor bis hin zu Siliziumkarbid-Chips. So ermöglichen wir unseren Kunden, sich auf Differenzierungsmerkmale über Software, Connectivity und digitale Features zu konzentrieren, während wir Effizienz, Integration und Qualität im Antrieb kontinuierlich vorantreiben.
Gibt es seitens der OEM oder Endkunden in China eine Zahlungsbereitschaft für einen Elektromotor eines europäischen Zulieferers im Vergleich zu einem chinesischen Produkt? Oder müssen Sie europäische Qualität und Features zu chinesischen Preisen bieten?
Wir entwickeln unsere Produkte global und fertigen lokal für den jeweiligen Markt – ob in China, Europa, Nordamerika oder Indien. Dies ermöglicht es uns, zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten. Zusätzliche Kostenvorteile generieren wir durch globale Plattformen, die wir weltweit entwickeln und dabei auch das starke Ökosystem des Leitmarktes China nutzen.
Unser wichtigster Hebel ist aber unsere Systemkompetenz: Der größte Kostentreiber bei E-Fahrzeugen bleibt die Batterie, die rund ein Drittel der Gesamtkosten ausmacht. Wenn wir durch effizientere Technik von Bosch – wie etwa Siliziumkarbid-Chips in der Leistungselektronik – die elektrische Reichweite steigern, kann der Hersteller eine kleinere und damit günstigere Batterie einbauen. Das senkt die Gesamtkosten des Fahrzeugs erheblich. So liefern wir einen technologischen Mehrwert, der sich für den Kunden unmittelbar auszahlt.
Westliche OEM haben jahrelang den chinesischen Automarkt dominiert und Traum-Margen eingefahren. Inzwischen sind – gerade bei jüngeren – Kunden in China chinesische Produkte „in“, ein Auto eines europäischen Herstellers ist nicht mehr das gleiche Statussymbol wie früher. Gibt es diese Tendenzen auch im Supplier-Markt? Oder überwiegen die neuen Partnerschaften mit chinesischen OEM die Rückgänge beim China-Geschäft mit westlichen Marken für Bosch?
Wir sind hier gut aufgestellt: Chinesische Anbieter bringen attraktive Fahrzeuge auf den Markt, und in sehr vielen dieser Modelle steckt Bosch-Technik. Als markenunabhängiger globaler Zulieferer rüsten wir Hersteller weltweit aus und profitieren daher vom Wachstum sowohl neuer als auch und etablierter Akteure. Global beliefert Bosch derzeit mehr als 50 Kunden, für den chinesischen Markt sind es über 30 nationale und internationale Hersteller.
In China ist das Innovationstempo enorm hoch, rund um die jährliche Automesse im April gibt es unzählige Neuheiten. Wie wollen sich Bosch und ihre Partner dabei vom Wettbewerb abheben?
Wir heben uns ab, indem wir das chinesische Tempo mit unserer globalen Systemexpertise und enormer Skalierungskraft verbinden. Grundsätzlich sprechen unsere Zahlen und Innovationen für sich: Wir haben weltweit bereits über 25 Millionen Komponenten für das elektrifizierte Fahren produziert. 2026 werden wir weltweit mehr als sieben Millionen Komponenten und Systeme bereitstellen.
Unsere Differenzierung liegt in unserer technologischen Tiefe und der umfassenden Systemintegration und erzielen damit Spitzenwerte bei Effizienz und Performance. Ein paar konkrete Beispiele: Wir liefern für jedes Fahrzeugsegment den passenden Elektroantrieb – vom kompakten Stadtauto bis hin zum Hochleistungssportwagen. Es ist uns gelungen, die Effizienzverluste unserer E-Motoren um 30 Prozent zu senken, vor allem durch Fortschritte bei Elektroblechen, Wicklung und Kühlung. Bei Kleinwagen nutzen wir Statorwicklungen aus Aluminium statt Kupfer, was Kosten und Gewicht reduziert. Im Hochleistungsbereich steigern wir die Leistungsdichte des E-Motors sogar um 50 Prozent auf bis zu 16 Kilowatt pro Kilogramm. Gleichzeitig treiben wir die Integration massiv voran, um Platz, Gewicht und Kosten zu sparen. Nachdem wir 2025 bereits eine eAchse mit Magnesium-Legierung vorgestellt haben, die das Gehäusegewicht um ein Fünftel senkt, bringen wir nun unsere 6-in-1 eAchse auf den Markt. Sie kombiniert Elektromotor, Getriebe, Inverter, On-board Ladegerät, DC/DC-Wandler und die Power Distribution Unit in einem Gehäuse und geht noch in diesem Jahr mit chinesischen Kunden in Serie.
Lange Zeit galt China vor allem als günstiges Produktionsland für europäische Entwicklungen, hat aber inzwischen selbst technologisch aufgeholt. Renault hat zum Beispiel den elektrischen Twingo in Rekordzeit in China entwickeln lassen, baut das Auto aber in Europa. Ist das auch ein Arbeitsmodell für Bosch?
Wir verstärken aktuell unsere globale Plattformaktivitäten deutlich, um neue Produktentwicklungen noch effizienter und skalierbarer zu gestalten. Unser Ziel ist es, insbesondere in China die dortige Innovationsgeschwindigkeit, kurze Entwicklungszyklen und das leistungsfähige lokale Lieferantennetzwerk zu nutzen – und diese Stärken mit unserer in Deutschland verankerten Systemkompetenz sowie unserem globalen Kundenzugang zu verbinden.
Gleichzeitig nutzen wir unser globales Entwicklungs- und Produktionsnetzwerk, um diese Entwicklungen für unsere weltweit agierenden Kunden auch lokal, zum Beispiel in Europa, zu fertigen. So verbinden wir Geschwindigkeit und Innovationskraft mit globaler Skalierung, resilienten Lieferketten und Kundennähe.
Derzeit verantworten Sie als Mitglied des Bereichsvorstands die Entwicklung im Geschäftsbereich Electrified Motion. Wie sehr prägen die Erfahrungen aus Ihrer Zeit in China die aktuelle Arbeit?
Meine Zeit in China prägt meine Arbeit bis heute sehr stark. Besonders beeindruckt hat mich die radikale Kundenorientierung – Entwicklungen werden dort konsequent vom Endnutzer her gedacht. Das geht einher mit einer enormen Neugier und Offenheit der Kunden für neue Technologien. Diese Bereitschaft auch Risiken einzugehen, führt zu deutlich schnelleren Lernzyklen und einer sehr pragmatischen Problemlösungskultur.
Ein konkretes Beispiel, das all dies vereint, ist die Geschwindigkeit, mit der neue Funktionen oder Fahrzeugkonzepte zur Marktreife gebracht werden – oft in deutlich kürzeren Zyklen, als wir sie klassisch in Europa kennen. Die Verbindung von hohem Tempo und starker Kundenzentrierung übertragen wir zunehmend auf unsere globale Entwicklungsarbeit bei Bosch.
Welche Akzente wollen Sie in Europa setzen?
Wir wollen dabei unterstützen, die Elektromobilität für den Massenmarkt bezahlbar zu machen. Die Modellvielfalt insbesondere von deutschen Anbietern steigt bei uns derzeit vor allem in der Mittel- bis Oberklasse, doch es fehlt aus meiner Sicht an Angeboten im niedrigeren Preissegment. Die europäische Automobilindustrie sollte die Klein- und Kompaktwagenklasse nicht aus den Augen verlieren, damit man dieses Feld nicht neuen Wettbewerbern überlässt. Wir bei Bosch tragen hier mit effizienter Technik und innovativen Produkten, die kleinere und damit günstigere Batterien ermöglicht, entscheidend zur Lösung bei. So laufen seit 2025 bereits mehrere wichtige Serienprojekte für elektrische Antriebslösungen bei großen europäischen Kunden an. Und auch für 2026 stehen die Zeichen auf Wachstum: Wir haben weitere Großprojekte in Aussicht, die die Stückzahlen erneut deutlich steigern werden. Europa ist und bleibt für uns ein zentraler Markt, in den wir konsequent investieren.
Welche drei wichtigsten Trends werden Ihre Arbeit der nächsten fünf Jahre dominieren?
Wir sehen weiterhin ein dynamisches, wenn auch regional sehr unterschiedlich ausgeprägtes Wachstum der Elektromobilität. Während einige Märkte stark beschleunigen, entwickeln sich andere langsamer. Diese Divergenz erhöht die Anforderungen an Skalierbarkeit und Anpassungsfähigkeit von Technologien.
Gleichzeitig beobachten wir einen klaren Trend zur Kostenoptimierung. Elektromobilität muss für den Massenmarkt bezahlbar werden. Entscheidend sind hier effiziente Antriebe, höhere Systemintegration und Standardisierung – sie wiederum ermöglichen kleinere, kostengünstigere Batterien und damit wirtschaftlichere Fahrzeuge.
Zudem gewinnen Multi-Energie-Plattformen zunehmend an Bedeutung. Hersteller setzen angesichts des volatilen Markts mehr und mehr auf flexible Fahrzeugarchitekturen. Diese müssen unterschiedliche Antriebskonzepte, von Batterie-elektrisch bis hybrid, effizient integrieren können, um schnell auf regionale Marktanforderungen reagieren zu können. Unsere Aufgabe ist es, ihnen genau diese technologische Flexibilität zu bieten.
Herr Ibele, wir danken für das Gespräch!





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