
„Wir arbeiten an Abo-Angeboten über mehrere CPOs hinweg“ – Wilhelm Henriksson, Plugsurfing
Plugsurfing gibt es schon eine ganze Weile. Wenn Sie die Entstehungsgeschichte in einer Minute erzählen müssten: Welches Problem sollte ursprünglich gelöst werden?
Plugsurfing wurde 2012 gegründet, als die öffentliche Ladeinfrastruktur noch stark fragmentiert und überwiegend AC-basiert war. Die Grundidee war einfach: Fahrer sollten über eine einzige App Zugang zu mehreren Ladenetzen erhalten. Eine solche Aggregation war damals noch nicht üblich.
Im Laufe der Jahre hat sich der Fokus verschoben. Als ich 2020 dazukam, hatte sich das Unternehmen bereits über das reine B2C-Geschäft hinausentwickelt und arbeitete zunehmend mit Automobilherstellern zusammen.
An was waren die OEMs denn interessiert?
OEMs benötigten fertige Ladelösungen, um die Verbreitung von Elektrofahrzeugen zu unterstützen – und Plugsurfing konnte genau das bieten, indem es eine große Anzahl von Ladepunkten auf einer Plattform bündelte. Das führte zur Entwicklung von White-Label-Apps, mit denen OEMs eigene, gebrandete Ladedienste anbieten können.
Parallel dazu baute Fortum, das Plugsurfing 2018 übernommen hatte, ein eigenes E-Mobility-Angebot auf, inklusive Ladeinfrastruktur und Software. Beide Plattformen wurden schließlich zusammengeführt und bilden heute einen einheitlichen Tech-Stack für sowohl Ladepunktbetreiber (CPOs) als auch Kunden auf der Nachfrageseite.
Nach der Übernahme durch Corpay im Jahr 2022 haben wir unsere Strategie neu bewertet. Dabei wurde klar, dass wir uns zu stark auf Angebots- und Nachfrageseite gleichzeitig verteilt hatten. Seitdem konzentrieren wir uns auf die Nachfrageseite – einschließlich OEMs und Anbietern von Flottenlösungen – und behalten gleichzeitig unsere B2C-App als direkten Draht zu den Endnutzern bei, um die Ladeerfahrung kontinuierlich zu verbessern.
Ist die B2C-App also auch ein Testfeld für neue Funktionen?
Sie ist nicht nur ein Testfeld – wir haben weiterhin viele aktive Nutzer – aber sie ermöglicht uns, neue Funktionen auszuprobieren. Zum Beispiel haben wir Incentive-Modelle wie Chargeback-Mechanismen getestet, bei denen Nutzer Guthaben für zukünftige Ladevorgänge erhalten. Diese Erkenntnisse helfen uns, unsere Angebote zu verfeinern, bevor wir sie für B2B-Kunden ausrollen.
Kann man sagen, dass die B2C-App als Vorlage für Ihre White-Label-Lösungen dient?
Zu einem großen Teil ja. Es ist im Kern dieselbe App, wobei die B2B-Versionen zusätzliche Funktionen enthalten, die auf spezifische Kunden zugeschnitten sind, etwa für Anbieter von Flottenlösungen.
Können Sie den Unterschied zwischen White-Label-Apps und API-Lösungen erklären?
White-Label-Apps ermöglichen es Kunden, schnell einen eigenen Ladeservice zu starten – oft innerhalb weniger Wochen. APIs hingegen erlauben eine tiefere Integration in bestehende digitale Ökosysteme, etwa in die App eines OEMs oder sogar direkt in das Infotainmentsystem eines Fahrzeugs.
Ein Beispiel ist Renaults Mobilize-Angebot, das unsere Ladelösungen über APIs in die eigene App integriert und so mit weiteren Services kombiniert.
Wenn ich ein OEM bin: Beginne ich typischerweise mit einer White-Label-App und wechsle später zu APIs?
Genau, das ist ein typischer Entwicklungsweg. Allerdings basiert heute der Großteil unseres Neugeschäfts bereits auf APIs, da Kunden zunehmend eine nahtlose Integration in ihre eigenen Plattformen wünschen.
Wie wichtig ist OCPI (Open Charge Point Interface) in diesem Zusammenhang?
Sehr wichtig. OCPI hat sich zum führenden Standard für Roaming entwickelt. Wir bieten heute Zugang zum Plugsurfing-Netzwerk über OCPI, was es bestehenden Marktteilnehmern erleichtert, sich anzubinden und von unseren Managed-Roaming-Services zu profitieren.
Früher haben Sie stark auf Roaming-Hubs wie Hubject gesetzt. Hat sich das verändert?
Ja, in größerem Maße als früher. Wir arbeiten weiterhin mit Hubject und drei weiteren Roaming-Hubs zusammen, aber über 90 Prozent unserer Ladevorgänge laufen inzwischen über direkte Verbindungen mit CPOs. Das gibt uns mehr Kontrolle, geringere Latenzen und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Für große CPOs sind direkte Verbindungen in der Regel die bevorzugte Lösung. Für kleinere Anbieter können Hubs weiterhin sinnvoll sein. Man darf auch nicht vergessen, dass OCPI bei der Gründung von Plugsurfing noch nicht existierte – damals waren Roaming-Hubs deutlich wichtiger. Zusätzlich hatten wir eine eigene API namens OIOI, die für direkte Verbindungen genutzt wurde.

Ermöglichen diese direkten Verbindungen auch spezielle Preise, etwa in OEM-Apps wie bei Polestar?
Sie können dazu beitragen, sind aber keine zwingende Voraussetzung. Generell vertreten wir ein großes Nutzer-Volumen über verschiedene Kundensegmente hinweg, was uns hilft, wettbewerbsfähige Preise zu verhandeln. Gleichzeitig können starke OEM-Marken auch zusätzliche Vereinbarungen direkt treffen.
Können OEMs ihr Ladenetz individuell anpassen, etwa bestimmte CPOs ausschließen?
Ja. Kunden können ihr Netzwerk inzwischen nach Kriterien wie Preis, Abdeckung oder Qualität konfigurieren. Diese Flexibilität wird immer wichtiger, da unterschiedliche Kunden unterschiedliche Prioritäten haben.
Wie funktioniert die Integration in das Infotainmentsystem eines Fahrzeugs?
Wir stellen im Rahmen unseres Ladeservices Daten wie Standorte und Verfügbarkeit von Ladepunkten bereit. Diese machen wir über unsere API zugänglich, abhängig von der jeweiligen Systemarchitektur des OEMs (proprietär oder Drittanbieter-Infotainment-System). Zusätzlich bieten wir unsere White-Label-Apps auch über Apple CarPlay an.
Was sind Ihre strategischen Prioritäten für die kommenden Jahre?
Ein wichtiger Fokus liegt auf B2B2C- und B2B2B-Modellen. OEMs wie Polestar oder Renault sind beispielsweise unsere B2B-Kunden, bedienen aber Endverbraucher. Gleichzeitig integrieren Anbieter wie Travelcard in den Niederlanden oder Allstar in Großbritannien unsere Services in ihre Angebote – das ist B2B2B.
Gerade Tankkartenanbieter sind starke Partner, da sie ihre bestehenden Produkte leicht um EV-Laden erweitern können, während wir die Komplexität eines großen europäischen Netzwerks übernehmen.
Ein zentraler Bereich ist dabei Managed Roaming. Die Verwaltung von Verträgen, Rechnungen und Datenvalidierung über Hunderte von CPOs hinweg ist komplex, aber essenziell in einem volumenstarken, margenschwachen Geschäft. Unsere Skalierung ermöglicht es uns, diese Prozesse effizient abzubilden. Dabei setzen wir zunehmend auch Machine-Learning-Ansätze ein, etwa zur Klassifizierung und automatisierten Verarbeitung von Rechnungen von Ladepunktbetreibern.
Außerdem arbeiten wir an der Erweiterung von Abo-Modellen – beispielsweise um vergünstigtes Laden über mehrere CPOs hinweg anzubieten. Das ist sowohl für Privatkunden als auch für Flotten relevant.
Wie hat die Übernahme durch Corpay Ihre Strategie beeinflusst?
Corpay bringt viel Erfahrung aus dem Tankkartengeschäft mit. Ähnlich wie dort betreiben wir ein Netzwerk, ohne physische Infrastruktur zu besitzen. Dieses Modell – Zugang zu Infrastruktur zu aggregieren und zu managen – ist zentral für unseren Erfolg.
Zum Abschluss: Was ist heute die Kernleistung von Plugsurfing?
Im Kern stellen wir die zugrunde liegende Infrastruktur bereit – gewissermaßen die „Leitungen“ des EV-Ladens. Wir verbinden Netzwerke, managen Komplexität und sorgen dafür, dass alles reibungslos funktioniert. Unsere Kunden bauen darauf ihre eigenen, gebrandeten Angebote auf.
Vielen Dank fürs Gespräch, Herr Henriksson!





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