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Bild: Plugsurfing
InterviewInfrastruktur

„Wir arbeiten an Abo-Angeboten über mehrere CPOs hinweg“ – Wilhelm Henriksson, Plugsurfing

Nachdem Plugsurfing 2012 in Berlin mit der Idee gegründet wurde, sämtliche Ladestationen in Europa über eine zentrale App zugänglich zu machen, wurde das Startup zur Blaupause für viele andere Roaminganbieter. Seitdem hat sich viel getan: Die Firma wechselte zweimal den Besitzer und heute ist das B2B-Geschäft mit White-Label-Apps und APIs im Fokus. Zeit für eine Bestandsaufnahme mit Strategie-Chef Wilhelm Henriksson.

Plugsurfing gibt es schon eine ganze Weile. Wenn Sie die Entstehungsgeschichte in einer Minute erzählen müssten: Welches Problem sollte ursprünglich gelöst werden?

Plugsurfing wurde 2012 gegründet, als die öffentliche Ladeinfrastruktur noch stark fragmentiert und überwiegend AC-basiert war. Die Grundidee war einfach: Fahrer sollten über eine einzige App Zugang zu mehreren Ladenetzen erhalten. Eine solche Aggregation war damals noch nicht üblich.

Im Laufe der Jahre hat sich der Fokus verschoben. Als ich 2020 dazukam, hatte sich das Unternehmen bereits über das reine B2C-Geschäft hinausentwickelt und arbeitete zunehmend mit Automobilherstellern zusammen.

An was waren die OEMs denn interessiert?

OEMs benötigten fertige Ladelösungen, um die Verbreitung von Elektrofahrzeugen zu unterstützen – und Plugsurfing konnte genau das bieten, indem es eine große Anzahl von Ladepunkten auf einer Plattform bündelte. Das führte zur Entwicklung von White-Label-Apps, mit denen OEMs eigene, gebrandete Ladedienste anbieten können.

Parallel dazu baute Fortum, das Plugsurfing 2018 übernommen hatte, ein eigenes E-Mobility-Angebot auf, inklusive Ladeinfrastruktur und Software. Beide Plattformen wurden schließlich zusammengeführt und bilden heute einen einheitlichen Tech-Stack für sowohl Ladepunktbetreiber (CPOs) als auch Kunden auf der Nachfrageseite.

Nach der Übernahme durch Corpay im Jahr 2022 haben wir unsere Strategie neu bewertet. Dabei wurde klar, dass wir uns zu stark auf Angebots- und Nachfrageseite gleichzeitig verteilt hatten. Seitdem konzentrieren wir uns auf die Nachfrageseite – einschließlich OEMs und Anbietern von Flottenlösungen – und behalten gleichzeitig unsere B2C-App als direkten Draht zu den Endnutzern bei, um die Ladeerfahrung kontinuierlich zu verbessern.

Ist die B2C-App also auch ein Testfeld für neue Funktionen?

Sie ist nicht nur ein Testfeld – wir haben weiterhin viele aktive Nutzer – aber sie ermöglicht uns, neue Funktionen auszuprobieren. Zum Beispiel haben wir Incentive-Modelle wie Chargeback-Mechanismen getestet, bei denen Nutzer Guthaben für zukünftige Ladevorgänge erhalten. Diese Erkenntnisse helfen uns, unsere Angebote zu verfeinern, bevor wir sie für B2B-Kunden ausrollen.

Kann man sagen, dass die B2C-App als Vorlage für Ihre White-Label-Lösungen dient?

Zu einem großen Teil ja. Es ist im Kern dieselbe App, wobei die B2B-Versionen zusätzliche Funktionen enthalten, die auf spezifische Kunden zugeschnitten sind, etwa für Anbieter von Flottenlösungen.

Können Sie den Unterschied zwischen White-Label-Apps und API-Lösungen erklären?

White-Label-Apps ermöglichen es Kunden, schnell einen eigenen Ladeservice zu starten – oft innerhalb weniger Wochen. APIs hingegen erlauben eine tiefere Integration in bestehende digitale Ökosysteme, etwa in die App eines OEMs oder sogar direkt in das Infotainmentsystem eines Fahrzeugs.

Ein Beispiel ist Renaults Mobilize-Angebot, das unsere Ladelösungen über APIs in die eigene App integriert und so mit weiteren Services kombiniert.

Wenn ich ein OEM bin: Beginne ich typischerweise mit einer White-Label-App und wechsle später zu APIs?

Genau, das ist ein typischer Entwicklungsweg. Allerdings basiert heute der Großteil unseres Neugeschäfts bereits auf APIs, da Kunden zunehmend eine nahtlose Integration in ihre eigenen Plattformen wünschen.

Wie wichtig ist OCPI (Open Charge Point Interface) in diesem Zusammenhang?

Sehr wichtig. OCPI hat sich zum führenden Standard für Roaming entwickelt. Wir bieten heute Zugang zum Plugsurfing-Netzwerk über OCPI, was es bestehenden Marktteilnehmern erleichtert, sich anzubinden und von unseren Managed-Roaming-Services zu profitieren.

Früher haben Sie stark auf Roaming-Hubs wie Hubject gesetzt. Hat sich das verändert?

Ja, in größerem Maße als früher. Wir arbeiten weiterhin mit Hubject und drei weiteren Roaming-Hubs zusammen, aber über 90 Prozent unserer Ladevorgänge laufen inzwischen über direkte Verbindungen mit CPOs. Das gibt uns mehr Kontrolle, geringere Latenzen und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Für große CPOs sind direkte Verbindungen in der Regel die bevorzugte Lösung. Für kleinere Anbieter können Hubs weiterhin sinnvoll sein. Man darf auch nicht vergessen, dass OCPI bei der Gründung von Plugsurfing noch nicht existierte – damals waren Roaming-Hubs deutlich wichtiger. Zusätzlich hatten wir eine eigene API namens OIOI, die für direkte Verbindungen genutzt wurde.

Polestar ionity ladestation schweden
Polestar und Ionity sind wichtige Partner von Plugsurfing
Bild: Polestar

Ermöglichen diese direkten Verbindungen auch spezielle Preise, etwa in OEM-Apps wie bei Polestar?

Sie können dazu beitragen, sind aber keine zwingende Voraussetzung. Generell vertreten wir ein großes Nutzer-Volumen über verschiedene Kundensegmente hinweg, was uns hilft, wettbewerbsfähige Preise zu verhandeln. Gleichzeitig können starke OEM-Marken auch zusätzliche Vereinbarungen direkt treffen.

Können OEMs ihr Ladenetz individuell anpassen, etwa bestimmte CPOs ausschließen?

Ja. Kunden können ihr Netzwerk inzwischen nach Kriterien wie Preis, Abdeckung oder Qualität konfigurieren. Diese Flexibilität wird immer wichtiger, da unterschiedliche Kunden unterschiedliche Prioritäten haben.

Wie funktioniert die Integration in das Infotainmentsystem eines Fahrzeugs?

Wir stellen im Rahmen unseres Ladeservices Daten wie Standorte und Verfügbarkeit von Ladepunkten bereit. Diese machen wir über unsere API zugänglich, abhängig von der jeweiligen Systemarchitektur des OEMs (proprietär oder Drittanbieter-Infotainment-System). Zusätzlich bieten wir unsere White-Label-Apps auch über Apple CarPlay an.

Was sind Ihre strategischen Prioritäten für die kommenden Jahre?

Ein wichtiger Fokus liegt auf B2B2C- und B2B2B-Modellen. OEMs wie Polestar oder Renault sind beispielsweise unsere B2B-Kunden, bedienen aber Endverbraucher. Gleichzeitig integrieren Anbieter wie Travelcard in den Niederlanden oder Allstar in Großbritannien unsere Services in ihre Angebote – das ist B2B2B.

Gerade Tankkartenanbieter sind starke Partner, da sie ihre bestehenden Produkte leicht um EV-Laden erweitern können, während wir die Komplexität eines großen europäischen Netzwerks übernehmen.

Ein zentraler Bereich ist dabei Managed Roaming. Die Verwaltung von Verträgen, Rechnungen und Datenvalidierung über Hunderte von CPOs hinweg ist komplex, aber essenziell in einem volumenstarken, margenschwachen Geschäft. Unsere Skalierung ermöglicht es uns, diese Prozesse effizient abzubilden. Dabei setzen wir zunehmend auch Machine-Learning-Ansätze ein, etwa zur Klassifizierung und automatisierten Verarbeitung von Rechnungen von Ladepunktbetreibern.

Außerdem arbeiten wir an der Erweiterung von Abo-Modellen – beispielsweise um vergünstigtes Laden über mehrere CPOs hinweg anzubieten. Das ist sowohl für Privatkunden als auch für Flotten relevant.

Wie hat die Übernahme durch Corpay Ihre Strategie beeinflusst?

Corpay bringt viel Erfahrung aus dem Tankkartengeschäft mit. Ähnlich wie dort betreiben wir ein Netzwerk, ohne physische Infrastruktur zu besitzen. Dieses Modell – Zugang zu Infrastruktur zu aggregieren und zu managen – ist zentral für unseren Erfolg.

Zum Abschluss: Was ist heute die Kernleistung von Plugsurfing?

Im Kern stellen wir die zugrunde liegende Infrastruktur bereit – gewissermaßen die „Leitungen“ des EV-Ladens. Wir verbinden Netzwerke, managen Komplexität und sorgen dafür, dass alles reibungslos funktioniert. Unsere Kunden bauen darauf ihre eigenen, gebrandeten Angebote auf.

Vielen Dank fürs Gespräch, Herr Henriksson!

12 Kommentare

zu „„Wir arbeiten an Abo-Angeboten über mehrere CPOs hinweg“ – Wilhelm Henriksson, Plugsurfing“
Jörg
15.05.2026 um 06:31
Eine Lösung für ein Problem, welches nicht existieren muss - weg mit dem Abogelörch
Robert
15.05.2026 um 07:16
Ich will kein Abo sondern einfach überall eionfach und ohne nervige anmeldung mit EC oder Debitkkarte, Kreditkarte laden zu vernünftigen Preisen max. 44 cent ohne Startgebühr oder ähnliche Wegelagerei und fertig (so wie in jeden Supermarkt snackautomat es üblich ist.)
Josef
15.05.2026 um 10:44
Verständlich, aber die Absicht der CPOs kann ich nachvollziehen. Bei EC und Kreditkarte verdienen wieder Banken und Mastercard, Visa etc. bei jeder Transaktion mit (kann bis 3% hoch gehen). Zum einen verteuert das jeden Kauf und/oder vermindert den Umsatz des Anbieters. Daher nehmen auch einige Geschäfte keine Kreditkarte aber EC..auch das kostet Geld aber weniger. Wenn es ein Abo gäbe was bei 90% aller CPOs geht und die Banken bleiben raus, wäre das für mich das richtige.
Robert
18.05.2026 um 07:07
die Banken bleiben bei den Abos eben nicht raus sind dort genauso den abschließen eines Abos musst du auch eine bankverbindung hinterlegen meistens eben auch EC oder Debit, Kreditkarte also wozu dann ein Abo wenn man auch direkt mit der Karte zahlen könnte ?
Andre
15.05.2026 um 12:24
Dann sollen meinetwegen diese 3% EC-Kartengebühr auf den Strompreis in der App aufgeschlagen werden. Aber heute werden gerne auch 33% aufgeschlagen, z.B. 59 Cent in der App und 79 Cent als Adhoc-Preis!
Jens
15.05.2026 um 11:52
Bei der EC Karte hat man ja auch vor einiger Zeit die bzw. einen Teil der Kosten einfach auf den Kunden um gelegt. Nachdem meine Bank dann eine monatliche Gebühr haben wollte (aktuell €1,49, waren aber Anfang deutlich mehr), habe ich nur noch verschiedene kostenlose Kreditkarten. Bzw. Kreditkarten, die Zusatzleistungen wie Reiserücktrittsversicherung und Auslandskrankenversicherung mit dabei haben).
Jörg
15.05.2026 um 11:13
Die Kosten für Kreditkarten loegen bei grosen Ketten bei 0,25%, lass es 1% sein - der Adhoc-Aufschlag von 60 bis 100% (teilweise sogar mehr) ist durch NICHTS zu rechtfertigen, schon gar nicht mit Märchen zu Kosten für Transaktionen…
Geraldo
15.05.2026 um 13:07
Ich hab deren App auch auf dem Handy, aber wann immer ich mal in die App reinschaue, werden Preise von mehr als 60ct AC und mehr als 90ct DC angezeigt.
Andre
15.05.2026 um 14:52
Eben. So ein Unfug, die App nur der App wegen zu entwickeln und die Strompreise in die Höhe zu heben. Wenn der König nackt ist, dann nenne ich den Zustand auch so. Plugsurfing bringt den E-Autofahrern nichts, stattdessen erhöht es nur die Ladekosten.
Hahnenkamm
16.05.2026 um 09:36
Für Flottenkunden sicherlich ein Mehrwert. Ich sehe sonst für den Verbraucher keinen Nutzen. Oktopus zeigt schon heute die Roaminggebühren auf. Diese Aufschläge sind Wucher im Vergleich zu EC-Gebühren.
Tobias
16.05.2026 um 19:58
Zum Glück gibt es mittlerweile auch ein paar größere CPOs wie Aldi oder Wattenfall wo man günstig mit EC Karte Laden kann. Beim Tanken braucht es genau wie beim Colaautomaten oder beim Toilettengang auf der Raststätte keine Romigapps die Bezahlung erfolgen schnell und problemlos mit der EC Karte. Warum soll das beim Ladeautomaten anders sein?
Northbuddy
16.05.2026 um 21:43
Solche Karten miss man nicht entwicken, die gibt es schon. Nennt sich EC, Kredit- oder Debitkarte. Deren Anbieter übernehmen sogar die Zahlungsabwicklung. Wozu sollte man da noch jemanden, der geld verdienen will, zwischenschalten? Die Kreditkartenkosten fallen so oder so an. An der Säule oder eben beim Ladekartenanbieter. Und diese Lösung funktioniert somit sogar als „Ladekarte“ für Firmenwagenfahrer. Weg mit den Abos und der mehrfachen Abzocke, her mit der Kreditkarte an der Säule und Kostentransparenz.

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