Bidirektionales Laden: Herbert Diess sieht die Branche am „Tipping Point“
Für Diess ist die ökonomische Logik hinter Vehicle-to-Grid (V2G) und Vehicle-to-Home (V2H) bestechend einfach: „Das, was der Kunde dem Netz an Speicher zur Verfügung stellt, ist so wertvoll, dass er im Prinzip sein Elektroauto, die Wärmepumpe, das Waschen, Heizen, Kühlen, Fernsehgucken im Haus davon bezahlt kriegt“, sagt er im Video-Interview. Das Gespräch auf der Power2Drive führte electrive-Chefredakteur Peter Schwierz.
Durch die zunehmende Erzeugung von Solarstrom wächst der Bedarf an flexiblen Energiespeichern: „Wir haben immer mehr Stunden Solarstrom, auch heute, wo Strom nichts kostet, vier, fünf, sechs Stunden am Tag, zum Teil mit negativen Preisen“, erklärt Diess. Elektroautos könnten diese Überschüsse in ihrer Traktionsbatterie aufnehmen und später wieder ins Netz zurückspeisen.
Diess sieht bidirektionales Laden nach einer langen Zeit von Pilotprojekten daher nun am Wendepunkt: Die Technik sei marktreif, die Fahrzeuge kämen zunehmend mit den notwendigen Voraussetzungen auf den Markt, und auch regulatorisch bewege sich etwas. „Ich glaube schon, dass wir jetzt an so einem Tipping Point sind“, so Diess.
Kritik an Netzentgelten
Doch nicht alles ist geregelt: Der ehemalige VW-Chef übt scharfe Kritik an den aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland. Diese seien einseitig zugunsten der Energieversorger ausgelegt. Besonders die Verteilnetzbetreiber geraten in seinen Fokus: „Das ist viel zu wenig adressiert, wir haben die höchsten Netzkosten in Europa, 10 Cent pro Kilowattstunde, in Hamburg 14 Cent, hier in Bayern auch über 10 Cent“.
Die Struktur der deutschen Verteilnetzbetreiber bezeichnet er als ineffizient und reformbedürftig. Ein Blick ins europäische Ausland zeigt für ihn, dass es anders geht: „In Frankreich zum Beispiel, dort haben wir das gleiche Produkt mit Renault im Markt, da liegen die Netzgebühren nur bei 4 Cent, also 60 Prozent niedriger als bei uns“. Diess fordert daher ein politisches Handeln, um diese Strukturen aufzubrechen, und bevorzugt das französische Modell mit nur einem zentralen Netzbetreiber anstatt der über 860 Verteilnetzbetreiber in Deutschland.
Neues V2G-Angebot mit VW-Tochter Elli
Trotz dieser Hürden setzt The Mobility House voll auf den Wettbewerb um die Hoheit am Kundenanschluss. Gemeinsam mit Volkswagen und Elli wurde kürzlich eine neue bidirektionale DC-Wallbox auf den Markt gebracht, um den Business Case für Endkunden attraktiver zu gestalten. Dabei positioniert sich The Mobility House grundsätzlich offen: „Wir richten uns nach unseren Kunden. Und wenn der Kunde BMW hieße, dann würden wir das liefern, was BMW braucht.“
Für die nächsten zwei Jahre erwartet Diess eine deutliche Skalierung des Marktes, bei der die Strompreise durch den massiven Einsatz von Speichern sinken werden. Es entstehe ein offenes Rennen, in dem Autohersteller, Energieversorger und neue Akteure um die Gunst der Nutzer konkurrieren. Am Ende zählt nur eines: „Es wird sich zeigen, wer den besten Zugang zum Kunden findet“.
Sehen Sie sich jetzt das komplette Video-Interview mit Herbert Diess an! Das Gespräch über die Zukunft des Ladens, neue Geschäftsmodelle rund ums E-Auto und die Frage, wer künftig eigentlich die Energie verkauft, können Sie oberhalb dieses Beitrags in unserem Videoplayer anschauen oder auch hier bei YouTube.





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