20.12.2022 - 10:24

Compleo stellt Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung

Der deutsche Ladeinfrastrukturhersteller Compleo Charging Solutions wird aufgrund drohender Zahlungsunfähigkeit kurzfristig Anträge auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung stellen. Der Vorstand sieht „die positive Fortführung des Unternehmens nicht mehr als überwiegend wahrscheinlich an“.

Wie das Unternehmen in einer Ad-hoc-Mitteilung schreibt, sei der Vorstand „zu dem Ergebnis gekommen, dass die in den letzten Wochen geführten Gespräche über eine kurzfristige Bereitstellung zusätzlicher Finanzierungsmittel aus Sicht des Vorstands nicht mehr mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit zu einem erfolgreichen Abschluss führen werden“. Vor diesem Hintergrund kam man zu der Einschätzung, dass der Geschäftsbetrieb „überwiegend wahrscheinlich“ nicht mehr wie gehabt weiterlaufen kann. Denn die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens sei „nicht nachhaltig gewährleistet“, heißt es in der Mitteilung.

Die Insolvenzanträge werden für die Compleo Charging Solutions AG und die Compleo Charging Technologies GmbH gestellt. Die übrigen Tochtergesellschaften seien derzeit nicht von der Antragsstellung betroffen. Das Unternehmen soll im Rahmen des Insolvenzverfahrens unverändert von CEO Jörg Lohr und CFO Peter Hamela fortgeführt werden.

Wird den Anträgen vom zuständigen Gericht stattgegeben, wird in dem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung ein sogenannter Sachwalter bestellt, der die Entscheidungen des Vorstands genehmigt. Das ist ein Unterschied zu einem regulären Insolvenzverfahren, bei dem vom Gericht ein Insolvenzverwalter bestellt wird, der de facto die operative Führung des Unternehmens übernimmt.

Als börsennotierte Aktiengesellschaft ist Compleo dazu verpflichtet, umgehend darüber zu informieren, sobald der Vorstand zu der Erkenntnis gelangt, dass die Fortsetzung des Geschäftsbetriebs gefährdet ist – was bei Compleo am Montag der Fall war. „Wir sind nicht zahlungsunfähig, der Betrieb läuft weiter – in der Produktion, im Vertrieb und im Service“, sagt Lohr nun in einem kurzfristig anberaumten Gespräch mit electrive.net. „Wir hätten kurz vor den Festtagen gerne eine andere Nachricht übermittelt. Leider ist uns dies angesichts des zu kurzen Zeitfensters nicht gelungen.“

Der neu formierte Vorstand mit Jörg Lohr an der Spitze und Peter Hamela als CFO ist erst seit sechs Wochen aktiv. In einem ausführlichen Interview mit electrive.net hatte Lohr bereits im November die großen Baustellen adressiert, etwa das viel zu große Produktangebot des Unternehmens, welches über die Zeit entstanden ist. Seine Strategie sieht vor, das Angebot radikal auszudünnen und auf fünf Produktfamilien mit jeweils fünf Modellen zu beschränken. Da es für einige der (Stand November 2022) 347 aktive Artikelnummern bei Compleo kein Ersatzteil- und Servicekonzept gab, räumte Lohr in dem Interview ein, dass es „schon negative Auswirkungen auf den Ruf der Compleo Gruppe“ hatte.

Produktion soll weiter laufen

An Lohrs Strategie halten die Dortmunder auch weiter fest. „Wir werden weiter unsere Strategie verfolgen und das Produktportfolio sowie die Prozesse verschlanken. Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns neu aufzustellen. Dabei werden wir aber nichts tun, was unseren Kunden schaden könnte. Wer vor einem Jahr Produkte bei uns bestellt hat, wird auch weiter mit Produkten und Service versorgt“, so der Compleo-CEO gegenüber electrive.net.

Die Gespräche mit potenziellen Investoren laufen nun weiter. Das Compleo-Management ist dabei zuversichtlich, dass die nötige Finanzierung im kommenden Jahr steht. Auch am Zeitplan für den Launch des neuen HPC wird bisher nicht gerüttelt. „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Compleo gestärkt aus dem Verfahren hervorgehen wird“, so Lohr . „Das zeigt uns sowohl das Feedback aus den Gesprächen mit Interessenten als auch von unseren Kunden. Momentan erreichen uns auch zahlreiche Bestellungen, weil uns die Kunden in dieser Zeit unterstützen wollen.“

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An der Börse hat man aber weniger optimistisch auf die Nachricht reagiert: Am Montagabend stürzen die Compleo-Papiere im nachbörslichen Handel um mehr als 80 Prozent ab. Bereits vor zwei Wochen kam ein Analyst zu dem Urteil, dass das Unternehmen bisher „keine Angaben zu den Einsparungszielen seiner derzeitigen Maßnahmen und den entsprechenden Kosten gemacht“ habe.

Compleo war im Oktober 2020 zu einem Ausgabepreis von 49 Euro je Aktie an die Börse gegangen. Zwischenzeitlich lag der Kurs bei 113 Euro, ist seit dem Rekordhoch im September 2021 aber stetig gesunken. Nach dem Kurssturz am Montagabend notierten die Papiere im nachbörslichen Handel noch bei 1,12 Euro.

Die Einnahmen aus dem Börsengang wurde unter anderem in Übernahmen investiert, so hat das mittelständisch geprägte Compleo nicht nur das Startup Wallbe, sondern auch das große innogy eMobility Solutions übernommen. Diese Zukäufe haben zwar auf dem Papier für Wachstum gesorgt, waren aber auch nicht ohne Probleme: Zum einen verfügte man nun über drei konkurrierende Wallbox-Produktlinien (die von Compleo selbst entwickelte Solo-Linie wurde bereits wieder vom Markt genommen), und es prallten auch unterschiedliche Unternehmenskulturen aufeinander.

Klar ist bereits: Die beiden übernommenen Wallbe-Werke werden zum Jahresende geschlossen. Die gesamte Lade-Branche hat Compleo zudem mit dem Vorstoß aufgebracht, zwei von innogy übernommene Patente per Lizenz kommerzialisieren zu wollen – Patente, die bisher jeder stillschweigend nutzen konnte.
compleo-charging.com (Mitteilung), deraktionaer.de (Aktienkurs)

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20.12.2022 10:01