Rio Tinto übernimmt Nemaska Lithium
Wie Rio Tinto mitteilt, hält der Konzern jetzt einen Anteil von 53,9 Prozent an dem Lithiumproduzenten und wird die direkte Leitung übernehmen. Die restlichen 46,1 Prozent liegen bei der Provinzregierung von Quebec. Die dortige Politik wird also weiter mitreden, hat bei Entscheidungen aber keine Mehrheit gegen die Anteile von Rio Tinto. Allerdings haben beide Parteien seit einiger Zeit partnerschaftlich zusammengearbeitet und bereits seit knapp einem Jahr in Nemaska Lithium investiert – im Falle der ostkanadischen Provinz über die Wirtschaftsförderungsagentur Investissement Quebec.
Damals hatte Rio Tinto das Unternehmen Arcadium übernommen und so eine 50-Prozent-Beteiligung an Nemaska Lithium erhalten – mit dem damaligen Deal über 6,7 Milliarden US-Dollar ist Rio Tinto bereits zum größten Lithium-Produzenten der Welt aufgestiegen. In diesem Jahr hat der Bergbaukonzern dann eine weitere Investition von mehr als 300 Millionen Dollar (ca. 254 Millionen Euro) getätigt, um seine Lithium-Aktivitäten in Quebec weiter auszubauen. Wie Rio Tinto in der Mitteilung schreibt, wird Quebec zusätzlich bis zu 200 Millionen Dollar durch Aktienzeichnungen in Nemaska Lithium investieren.
Zu Nemaska Lithium gehören eine im Bau befindliche Lithiumhydroxid-Anlage in Becancour und eine Spodumenmine in Whabouchi in der Region Eeyou Istchee James Bay. Dort wird das Lithium-haltige Spodumenkonzentrat abgebaut und nach Becancour gebracht, wo aus dem Material dann Lithiumhydroxid extrahiert wird. Außerdem gehört noch die sogenannte Galaxy-Mine im Alleinbesitz von Rio Tinto zu dem Konzern. Aktuell führt Rio Tinto nach eigenen Angaben eine Bewertung der beiden Minenprojekte durch, „um die optimale Spodumenversorgungsstrategie für das Werk in Bécancour zu ermitteln“. Diese soll noch im ersten Halbjahr 2026 abgeschlossen werden. Das passt gut ins Timing: Die Lithium-Verarbeitung in Becancour soll in diesem Jahr in Betrieb gehen, eine erste Produktion wird aber erst 2028 erwartet.
Das Lithium von Arcadium steckt in den Elektroauto-Batterien von Herstellern wie BMW, Ford, GM, Tesla und Toyota. Nemaska Lithium hat 2023 einen Abnahmevertrag mit Ford geschlossen. Rio Tinto verfügt also über namhafte Abnehmer im Lithium-Sektor. Wie relevant der Vertrag mit Ford für das kanadische Lithiumhydroxid ist, wird sich aber noch zeigen müssen: Zum einen hat der US-Autobauer seine E-Auto-Pläne stark zusammengestrichen und zum anderen setzt das Unternehmen bei der neuen Universal EV Platform für günstigere Elektromodelle auf LFP-Zellen – die aus Lithiumcarbonat hergestellt werden und ohne Lithiumhydroxid auskommen.
„Die Aktivitäten von Rio Tinto in Quebec spielen eine wichtige Rolle in unserem Bestreben, unser erstklassiges Lithiumgeschäft auf die nächste Wachstums- und Leistungsstufe zu heben, insbesondere durch Nemaska Lithium. Diese Weiterentwicklung wird die Erreichung dieses Ziels erleichtern und uns in die Lage versetzen, die langfristige Entwicklung von Nemaska Lithium besser zu unterstützen, wodurch unser integriertes Lithiumproduktangebot erweitert wird“, sagt Jérôme Pécresse, CEO von Rio Tinto Aluminium & Lithium. „Rio Tinto bekennt sich weiterhin zu Quebec und Kanada, weil wir an das Potenzial des Landes glauben, eine führende Rolle in den Industrien der Zukunft einzunehmen, und wir sind entschlossen, unsere Anlagen hier weiter auszubauen, um die Materialien zu liefern, die die Welt braucht.“
Zwar braucht die Welt künftig wohl deutlich mehr Batterien, die Frage ist aber derzeit, welche Materialien dafür benötigt werden. In der Elektromobilität haben NMC- und NCA-Batterien lange Zeit das Feld dominiert, da sie eine höhere Energiedichte aufweisen und so höhere Reichweiten ermöglichen. Allerdings haben LFP-Zellen stark aufgeholt, sind aber immer noch deutlich günstiger. Daher setzen in China bereits viele Autobauer auf LFP-Zellen, auch westliche Hersteller gehen zunehmend in diese Richtung. Mit dem ersten Serieneinsatz von Natrium-Ionen-Batterien steht eine neue Technologie am Start, die ohne Lithium auskommt. Zwar gehen Experten davon aus, dass Lithium in den kommenden Jahren das wichtigste Batteriematerial bleiben wird, die Preisschwankungen gerade bei Lithiumhydroxid machen Planungen und Investitionen aber nicht leichter. Zumal der von Rio Tinto mit seinen Kanada-Aktivitäten ins Visier genommene, nordamerikanische Markt mit der Politik von US-Präsident Donald Trump gerade von dem einst eingeschlagenen Kurs in Richtung Elektromobilität abweicht.
Welche Auswirkungen die aktuellen Marktpreise für Lithiumhydroxid bereits haben, zeigt der Blick nach Australien. Dort hat der US-Chemiekonzern Albemarle die erst 2023 angekündigten Ausbaupläne für die Lithiumhydroxid-Verarbeitung in Kemerton kassiert und jetzt die Produktion komplett angehalten. Das Werk ist zwar noch nicht geschlossen, aber derzeit wird kein Batteriematerial produziert – weil es sich bei den derzeitigen Preisen nicht rechnet.





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