ChargePoint wetteifert um Marktanteile in Europa
ChargePoint verdient sein Geld aktuell überwiegend auf dem US-Markt. Seit Donald Trumps Amtsantritt als Präsident der Vereinigten Staaten haben sich die Geschäftsaussichten vor Ort eingetrübt. Die Regierung hat bekanntlich noch 2025 die Steuergutschrift für Elektroautos abgeschafft und den Zugang zu den NEVI-Fördermitteln (National Electric Vehicle Infrastructure) zum Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur erschwert. Die US-Hersteller haben in dieser Gemengelage teils wieder ihre Verbrenner-Produktion gestärkt.
Dieses Klima schlägt natürlich auch auf die Auslastung von Ladeinfrastruktur und deren Ausbau durch. Dennoch ist Rick Wilmer, CEO von ChargePoint, zuversichtlich, dass sein Unternehmen nicht nur in Europa, sondern auch im Kernmarkt Nordamerika weiter wachsen wird. „Ich glaube, der Rückenwind wird stärker“, sagt der Top-Manager im Gespräch mit electrive-Redakteurin Carla Westerheide. Vor allem angesichts der Benzinpreise seien immer mehr Verbraucher bereit, auf ein Elektroauto umzusteigen.
Hilfreich ist aus Wilmers Sicht dabei, dass auch in den USA die Elektroautos langsam erschwinglicher werden: „Es gibt viele Leasingfahrzeuge, deren Verträge auslaufen und die als Gebrauchtwagen auf den Markt kommen. Und da Elektroautos ziemlich stark an Wert verlieren, liegen sie preislich auf Augenhöhe mit einem gebrauchten Benziner gleicher Bauart.“ Außerdem beobachtet der ausgewiesene Branchenkenner, dass auch in den USA mittlerweile viele neue E-Auto-Modelle bereitstehen, von denen viele unter 35.000 oder 40.000 Dollar kosten, umgerechnet rund 30.000 bis gut 34.000 Euro.
Europa gewinnt an strategischer Bedeutung
Gleichwohl steht es sich auf zwei Beinen besser als auf einem. Europa soll für das Geschäft von ChargePoint daher an Bedeutung gewinnen. Laut Wilmer entfiel im vierten Quartal 2025 knapp ein Viertel des Unternehmensumsatzes auf Europa – ein Rekordanteil für die Region. Künftig soll der Anteil „auf 50 Prozent oder mehr“ wachsen. ChargePoint solle in Europa genauso groß oder größer werden wie in den USA, so der Firmenchef. Um weiter zuzulegen setzt das Unternehmen auf neue DC-Ladeprodukte, die speziell für Europa und Nordamerika entwickelt worden sind. Und: „Anders als in den USA haben wir in Europa staatliche Unterstützung für die Elektrifizierung. Das ist hilfreich“, so Wilmer. Dass Europa bereits über einen wettbewerbsintensiven Lademarkt verfügt, schreckt die Amerikaner nicht ab. ChargePoint sieht Platz für einen weiteren großen Anbieter.
Mit der DC-Ladelösung Express Solo hat ChargePoint vor wenigen Wochen in der Tat ein Ausrufezeichen im Markt gesetzt. Das Neuprodukt bietet eine Ladeleistung von bis zu 600 kW und soll nichts weniger als die „weltweit schnellste alleinstehende DC-Schnellladestation für Elektroautos“ sein. Vor allem: Als erster DC-Lader von ChargePoint soll die Express Solo nun eben auch in Europa verfügbar sein.

Tatsächlich bringt die ChargePoint Express Solo gleich mehrere Premieren mit sich. Sie ist das erste Produkt auf Basis der neuen, luftgekühlten „Express DC-Schnellladearchitektur“ des US-Anbieters, außerdem verfügt sie über das erste, gemeinsam mit Eaton entwickelte System für bidirektionales Laden und die Integration von Batteriespeichern. Und: Das System wurde von Anfang an sowohl für Europa als auch für Nordamerika entwickelt.
„Wir bringen eine ganze Reihe neuer Produkte auf den Markt, die bewusst so konzipiert wurden, dass sie sowohl in Europa als auch in Nordamerika eingesetzt werden können“, betont Wilmer. Potenzial sieht er vor allem in den Segmenten Flotten und CPOs. Mit Blick auf die Express Solo verweist der ChargePoint-Fachmann vor allem auf die Skalierbarkeit hin zu einem Megawatt-Ladesystem und auf den geringen Platzbedarf: „Wir haben ein 600-Kilowatt-Produkt, dessen Stellfläche kleiner ist als die von Produkten, die derzeit bei 400 Kilowatt liegen.“
Full-Stack-Strategie und Energieintegration
Grundsätzlich will sich ChargePoint auch in Europa weiter als Anbieter von Hard-und Software positionieren. Interessant: Rund 40 Prozent des Umsatzes stammen derzeit aus dem wiederkehrenden Software- und Servicegeschäft, der Rest wird durch Hardwareverkäufe generiert. „Wir sind ein Full-Stack-Anbieter“, bekräftigt Wilmer. „Wir sind absolut davon überzeugt, ja sogar mehr denn je, dass dies die richtige Lösung für den Markt ist.“
Noch weiter vorstoßen will der Anbieter zudem in die Bereiche Energiemanagement und Netzintegration. In den USA hat ChargePoint vor diesem Hintergrund kürzlich gemeinsam mit Eaton ein sogenanntes ExpressGrid-Konzept vorgestellt. Das System kombiniert Ladeinfrastruktur mit DC-Netzen, Batteriespeichern und der Integration erneuerbarer Energien. Wilmer ist überzeugt, dass solche dezentralen Ökosysteme zunehmend an Bedeutung gewinnen werden – auch mit Blick auf bidirektionales Laden: „Man verfügt nun praktisch über ein Energiereservoir auf Rädern, das von einem Ort zum anderen bewegt werden kann.“
Klar ist: In Europa trifft ChargePoint auf einen Markt, der bereits deutlich gereift ist und in dem das Denken in Ökosystemen kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist. Aber auch die etablierten Schnelllade-Anbieter – darunter ABB, Siemens and Alpitronic – müssen ackern, um ihre Positionen zu festigen. Alle stehen unter Druck, ihre Auslastungsraten zu verbessern und die Installations- und Betriebskosten zu senken. Genau hier sieht ChargePoint seine Chancen. Von den Niederlanden aus soll der verstärkte Europa-Fokus koordiniert werden. Ob und wie schnell der alte Kontinent dabei in den Bilanzen der Amerikaner an Gewicht zulegt, werden die nächsten Geschäftsberichte zeigen.





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