07.11.2019 - 15:29

Woher der Elektrobus-Boom in Polen kommt

Polen hat sich zu einem führenden Hersteller von E-Bussen in Europa entwickelt. Die Hintergründe.

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Mehr als jeder dritte Elektrobus in der EU wurde in Polen gebaut. Die Stärke der Industrie fußt nicht nur auf dem heimischen Hersteller Solaris – sondern auch auf einer konstant hohen Nachfrage aus dem eigenen Land, wie Aleksandra Fedorska analysiert. Die schlechte Luft in vielen polnischen Städten hat dazu geführt, dass die Inlands-Nachfrage seit Jahren hoch ist. Und jetzt zieht auch das Interesse im Rest Europas deutlich an.

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In den vergangenen Jahren hat sich Polen zu einem der führenden Hersteller von E-Bussen in Europa entwickelt. Erst kürzlich wurde in der polnischen Stadt Poznań (Posen) eine Pantograf-Ladestation für E-Busse mit bis zu 540 kW in Betrieb genommen. Dieses Vorzeigeprojekt ist Teil einer boomenden Entwicklung der E-Busindustrie. Besonders erfolgreich ist das polnische Unternehmen Solaris, welches in der Nähe von Poznań Elektrobusse produziert und inzwischen rund ein Viertel aller Ausschreibungen in Europa gewinnt.

Doch auch andere Firmen, wie z. B. Volvo, setzen bei der E-Busentwicklung und Herstellung auf Standorte in Polen. Der Geschäftsführer von Volvo Polska, Ulf Magnusson, erklärt die positive Marktentwicklung mit der Präsenz der wichtigsten E-Bushersteller vor Ort sowie der starken Nachfrage nach emissionsarmen Bussen in den vom Smog betroffenen polnischen Städten. Hinzu kommen die guten finanziellen Möglichkeiten der örtlichen Verkehrsbetriebe, die nicht nur durch steigende Einnahmen, sondern auch durch zusätzliche EU-Förderung in die Lage versetzt werden, ihre überalterten Flotten zu erneuern. Dies trifft z.B. auf Lublin zu. Die im Osten des Landes gelegene Stadt mit über 320.000 Einwohnern erwarb 20 E-Busse von Solaris samt der benötigten Ladeinfrastruktur für 62 Millionen Złoty, was etwa 15 Millionen Euro entspricht.

Das polnische Amt für Statistik gab für das Jahr 2018 bekannt, dass der Anteil der elektrisch betriebenen Busse aus polnischer Herstellung in diesem Jahr 36 Prozent des Absatzes in der EU entsprach. Der Absatz dürfte in Polen in den kommenden Jahren weiter steigen, da aktuell 62 kommunale Gebietskörperschaften ihr Interesse an klimaschonenden Fahrzeugen für die öffentliche Personenbeförderung bekundet haben. Die hohe Luftverschmutzung in den polnischen Städten zwingt die öffentliche Hand zu weiteren Investitionen in umwelt- und klimafreundliche Verkehrslösungen. Die polnische Agentur für industrielle Entwicklung (ARP) geht von einem Bedarf von 800 E-Bussen in den kommen Jahren aus.

Solaris will vom polnischen E-Bus-Boom profitieren

Von dieser wachsenden Nachfrage wird voraussichtlich auch Solaris überproportional profitieren. Die aktuellen Bestellungen aus Poznań, Warszawa (Warschau), Lublin aber auch Berlin und Mailand haben gezeigt, dass die E-Busse von Solaris insbesondere in Großstädten gefragt sind. Nach eigenen Angaben hat das polnische Unternehmen im laufenden Jahr bereits über 300 E-Busse verkauft.

Solaris setzt schon seit 2001 auf den elektrischen Antrieb. Damals verkaufte das Unternehmen seine Oberleitungsbusse „Trollino“ vor allen an polnische und osteuropäische Kunden. Der Erfolg des Batterie-elektrischen Busses „Urbino electric“, der aus dem bereits 1999 gebauten niederflurigen Stadtbusmodell „Urbino“ hervorgegangen ist, begann 2011. Heute ist es das meistverkaufte Fahrzeugmodell des Unternehmens.

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Bus-Betreiber fordern individuell angepasste Fahrzeuge

Dank der Erfahrungen in der Konstruktion von E-Bussen hat Solaris den Urbino electric inzwischen so ausgelegt, dass er hinsichtlich Batterie, Lademöglichkeiten, der Stückzahl und der Länge des Busses sehr variabel ist. Diese Flexibilität ist gerade bei den Ausschreibungen in Großstädten vorteilhaft, denn so kann sich Solaris individuell auf die Anforderungen der jeweiligen Metropolen einstellen und eine Ausstattung anbieten, die die in den Städten vorherrschenden verkehrstechnischen Bedingungen am besten berücksichtigt. „Die Busbranche verlangt heute von den Herstellern eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit bei den technischen Anforderungen und den benötigten Stückzahlen“, sagt Mateusz Figaszewski, Leiter der E-Mobility-Entwicklung bei Solaris.

Diese Vorteile wollen auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nutzen, die seit Januar 2019 den Urbino electric in ihrer Flotte haben. Die BVG bestellte Busse mit einer „High Power“-Batterie anstelle des neuesten Modells „High Energy+“. Damit wird zwar nicht eine Reichweite von 200 Kilometern erreicht, die Gelenkbusse können aber mit der Pantograph-Ladeinfrastruktur sowie mit Plug-in-Ladestationen auf dem Werksgelände aufgeladen werden.

Die Stadt Poznań hat mit den städtischen Verkehrsbetrieben (MPK) seit Jahren die Rolle der Avantgarde in der E-Mobilität übernommen und diesen Aspekt in das städtische Marketingkonzept aufgenommen. „Wir haben es uns zum Ziel gemacht, die Ersten bei den klima- und umweltfreundlichen Verkehrslösungen zu sein. So haben wir als erste Stadt in Polen und neunte in Europa einen hybridangetriebenen Stadtbus im Jahr 2008 erworben, um die Gäste der damals stattfindenden UN-Klimakonferenz, in unserer Stadt zu befördern“, sagt die Pressesprecherin der MPK. Mit den neuen E-Bussen und Pantograf-Schnellladern wird der Wandel in Poznań nun noch deutlicher werden als mit den Hybridbussen. Ein sichtbares Zeichen, dass es voran geht.

Über die Autorin

Aleksandra Fedorska ist polnisch-deutsche Politologin und Publizistin. Sie arbeitet als Korrespondentin für polnische und deutsche Medien in den Fachbereichen Energiepolitik und E-Mobilität. Fedorska lebt und arbeitet im schleswig-holsteinischen Jagel und in der polnischen Stadt Poznań.

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9 Kommentare zu “Woher der Elektrobus-Boom in Polen kommt

  1. Thomas Wagner

    Solche Nachrichten hört man gerne -)
    Allerdings wäre es dann auch an der Zeit,
    die Erneuerbaren endlich massiv auszubauen.
    Denn der Smog kommt auch aus den Kohlekraftwerken,
    die in Polen noch stark gefördert werden.
    Beim Zubau von Solarstromanlagen, steht Polen dagegen, auch EU-weit, noch schwer auf der Bremse.

    • Renata

      Stimmt nicht. Es waren in Polen zwischen Häuser immer so gen. Windkorride gebaut. Wir haben immer mit Kohle geheizt und so was wie Smog war uns nicht bekannt. Danach kamen Bauträger, die „leere“ Plätze ohne Verstand verbaut haben. Die Luftqualität wurde sofort extrem schlechter z.B. in Kraków

      • Marek Stanczyk

        „Wir haben immer mit Kohle geheizt und so was wie Smog war uns nicht bekannt.“ – klingt sehr interessant für mich. Von welchem „Polen“ sprechen/schreiben Sie denn? „Wir“ kannten keinen Smog? Haben Sie Ihr ganzes Leben in Bieszczady verbracht?
        Ich bin Jahrgang 1969 (habe bis 1988 in Polen gelebt) und kenne Krakau, Kattowitz, Warschau und Breslau aus zahlreichen Reisen in den 80er Jahren (und danach) und kann Ihre These/Glaubenssatz leider nicht bestätigen…

    • Jacek Burnatowski

      Polen ist wenigstens nicht so wie Deutschland abhängig von den Russen.

      • Woronko

        Kohle ,Öl und Gas kommt aus Russland, und jährlich mehr, warum schreiben Sie so ein Quatsch?

    • Der Smog ist wirklich sehr belastend für unseren Alltag. Bei den Erneuerbaren muss ich widersprechen, da passiert gerade sehr viel. Das neue Förderprogramm „Moj prad“ hat dazu geführt, dass das Leistungsvolumen von Solarstromanlagen in diesem Jahr extrem gestiegen ist. Die Windkraft ist wegen der geringen Windstärken nur Offshore gewinnversprechend.

      • Woronko

        Regierung PiS unterstützt nich mehr Windkraftanlagen wollen nur mit Kohle Strom erzeugen, Kohle aus Ruslland sind in, weil aus Schlesien ist zu teuer.

  2. Manfred

    Elektrobusse sind super, endlich frische Luft in der Stadt genießen. Deutschland sollte wie Polen und China auf Elektrobusse setzen.

  3. Horst

    Der starke Beitrag von Polen bei Elektrobussen in Europa hat mich sehr positiv überrascht! Doch ein Blick nach China zeigt, wie weit Europa hinterherhinkt: In China ist die Zahl der Elektrobusse inzwischen auf 400.000 angewachsen und etliche Großstädte, wie z.B. Shenzhen, haben ihre Dieselbusse komplett gegen Elektrobusse ausgetauscht.
    Es wird schwer für Europa werden, gegen die chinesische Konkurrenz zu bestehen.

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07.11.2019 15:42