Daimler-Werkslogistik: Erste Kunden erhalten bald MCS-fähige eActros 600
Seit dem Serienstart des eActros 600 im November 2024 hat Mercedes-Benz Trucks in seinen elektrischen Flaggschiff-Lkw einen Platzhalter verbaut, an dessen Stelle nachträglich ein optionaler MCS-Port verbaut werden kann. Noch ist der MCS-Standard („Megawatt Charging System“) nicht fertig, sodass es vorerst noch bei dem Platzhalter bleibt. Aber die Stuttgarter bereiten sich auf den nahenden MCS-Start vor und melden nun, dass in der zweiten Jahreshälfte MCS-fähige eActros 600 erprobt werden. Der 600er ist aktuell der einzige E-Lkw im Sortiment von Mercedes-Benz Trucks, der optionales Megawattladen beherrschen soll. Für den eActros 400 und den eArocs 400 ist dies aktuell nicht vorgesehen.
Die ersten Kundenerprobungen mit MCS-tauglichen 600ern werden laut dem Hersteller nun bald im Zuge des unternehmenseigenen Projekts “Electrify Inbound Logistic” stattfinden. Dieses hat zum Ziel, die Zulieferlogistik der Werke Wörth am Rhein, Gaggenau, Kassel und Mannheim in den kommenden Jahren vollständig zu elektrifizieren. Im Kontext der nun angekündigten Tests soll ab Mitte des Jahres nun zunächst eine MCS-fähige Ladesäule auf dem Werksgelände in Wörth am Rhein ans Netz gehen. Die Kundenerprobung wird ergo zunächst rund um dieses Hauptwerk stattfinden.
Zum MCS-Standard folgender Hintergrund: Innerhalb der CharIN-Organisation arbeiten Branchenakteure seit Jahren an der Standardisierung des Megawattladens, damit das Laden großer Nutzfahrzeuge per MCS-Stecker überall und unter allen Umständen klappt. Viel dringt aus den Arbeitsgruppen nicht nach draußen, doch Anfang Februar meldete CharIN auf LinkedIn: „Wir freuen uns sehr, bekannt geben zu dürfen, dass die Norm IEC 63379 für Megawatt-Ladesysteme nun offiziell veröffentlicht wurde!“. Die angesprochene IEC 63379 ist allerdings nur eine mehrerer Normen des MCS-Systems. Sie befasst sich mit dem Stecker-Interface – und das ist seit Februar in der Tat genormt. Allerdings ist bei Software und Kommunikation noch nicht alles unter Dach und Fach. Dafür dürfte CharIn laut Branchenkennern auch noch dieses Jahr brauchen.
Das passt wiederum zum Zeitplan der MCS-Kundenerprobung bei Mercedes-Benz Trucks. Peter Ziegler, Leiter E-Charging Components bei Mercedes-Benz Trucks, betont: „Wir sehen im Megawattladen ein zentrales Element für die globale Elektrifizierung des schweren Fernverkehrs und unterstützen den MCS-Standard als offene, herstellerübergreifende Lösung. Angesichts der weltweit dynamischen Marktentwicklung bei Batterie-elektrischen Nutzfahrzeugen gewinnt ein einheitlicher, international kompatibler Ladestandard zunehmend an Bedeutung. MCS schafft aus unserer Sicht die Grundlage für Interoperabilität, Skalierung und Investitionssicherheit über Märkte und Hersteller hinweg.“
Dass Mercedes‑Benz Trucks bei der Implementierung des Megawatt Charging Systems vorneweg gehen will, unterstricht das Unternehmen jüngst auch mit einer MCS-fokussierten Langstreckenfahrt. Die Testfahrt führte über rund 2.400 Kilometer von Deutschland nach Schweden. Geladen wurde dabei natürlich vor allem an MCS-Ladern. An Bord nahmen die Entwicklungsingenieure von Mercedes-Benz Trucks die Performance der Trucks genau unter die Lupe. Und: Im Anschluss an die Tests machte einer der beiden MCS‑fähigen eActros 600 noch einen Abstecher zum finnischen Polarkreis, wo er bei Temperaturen bis –20 Grad Celsius zusätzliche Wintertests absolvierte.
Laut Peter Ziegler lieferten die Testfahrten und die Wintererprobung wichtige Erkenntnisse, insbesondere in Bezug auf das Batteriewärmemanagement und die Interoperabilität zwischen Fahrzeug und Ladeinfrastruktur. „Die Untersuchungen bestätigten insbesondere, dass Ladeleistungen im Megawatt-Bereich auch bei niedrigen Temperaturen möglich sind, sofern die Batterie eine ausreichend hohe Betriebstemperatur aufweist. Da wir davon ausgehen, dass Megawattladen in der Praxis in der Regel während der gesetzlich vorgeschriebenen Lenkzeitpause nach einem Fahrzyklus erfolgt, ist diese Voraussetzung im realen Einsatz gegeben.“ Gleichzeitig konnten laut Ziegler im Rahmen der Testfahrten an mehreren Ladepunkten bereits erfolgreiche Ladevorgänge realisiert werden, die die grundsätzliche Praxistauglichkeit des Systems belegen.
Parallel beteiligt sich Konzernmutter Daimler Truck übrigens als Industriepartnerin am Leuchtturm-Projekt „HoLa Hochleistungsladen im Lkw-Fernverkehr“ und bringt vor diesem Hintergrund im Laufe des Jahres den eActros 600 in die dortige Erprobung im Realbetrieb ein. Auch hier werden MCS-Ladevorgänge erprobt.
Klar ist: Mit Ladeleistungen von bis zu 1.000 kW lassen sich die Batterien der E-Lkw via MCS deutlich schneller aufladen als mit der aktuell gängigen CCS-Technologie. Beim eActros 600 soll es an MCS-Säulen beispielsweise nur circa 30 Minuten dauern, um die Batterien von 20 auf 80 Prozent aufzuladen. Zum Vergleich: An einer CCS-Säule mit bis zu 400 kW Ladeleistung steht der E-Lkw rund eine Stunde für dasselbe Ergebnis.
Die Stuttgarter betonen, dass schnelleres Nachladen mit MCS den Kunden künftig effizientere und flexiblere Logistikprozesse im Langstreckeneinsatz ermöglichen werde – „vorausgesetzt, die entsprechende Ladeinfrastruktur ist vorhanden“. Denn derzeit sind in Europa nur wenige öffentliche MCS-Standorte verfügbar, was damit zusammenhängt, dass auch noch kaum MCS-fähige Lkw unterwegs sind. Wenn, dann handelt es sich in der Regel um Test-Exemplare.
Erstmals haben Entwickler von Mercedes-Benz Trucks einen E-Lkw übrigens bereits 2024 bei einer Demonstration mit einer Leistung von einem Megawatt geladen. Damals handelte es sich noch um einen Prototyp des eActros 600. Die Übertragung dieser Ladeleistung gelang seinerzeit an einer Ladesäule im eigenen Entwicklungs- und Versuchszentrum in Wörth am Rhein.
daimlertruck.com





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