28.07.2020 - 16:16

„Die Pflegedienste räumen den Weg für andere Branchen frei“

Frank Schnellhardt erläutert im Interview, warum sich ambulante Pflegedienste besonders gut zur Flottenelektrifizierung eignen

Sie arbeiten äußerst kostensensibel und fahren täglich planbare Routen ab – Pflegedienste können von Elektroautos profitieren. Voraussetzung ist, dass deren Einsatz gut gemanagt wird. Und genau damit hat sich das Projekt „sMobilityCOM“ aus dem Technologieprogramm „IKT für Elektromobilität“ intensiv befasst.

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Um herkömmlichen Verbrennerautos aus wirtschaftlicher Sicht Konkurrenz zu machen, reicht es nicht, einfach Elektroautos und Ladesäulen zu beschaffen. Projektleiter Frank Schnellhardt erläutert die „versteckten“ Ansatzpunkte, etwa ein optimiertes Einsatz- und Routenmanagement sowie intelligentes Laden im Zeitfenster von günstigen Strompreisen. „Antizipative Planung ist alles!“, lautet sein Credo.

Zusammen mit drei Pflegediensten aus Thüringen haben die Projektbeteiligten drei Jahre lang an Lösungen getüftelt. Schnellhardt schildert, wo sich Hürden auftaten und welche Erfolge sich einstellten. Unter anderem hätten Autohersteller die Pflegedienstbranche als Innovatoren erkannt, dagegen hapere es noch an standardisierten Lösungen für die Ladeinfrastruktur, erläutert der Fachmann im Gespräch mit electrive.net-Redakteurin Cora Werwitzke. Seiner Meinung nach braucht es nur noch geringfügige Drehungen an einigen Stellschrauben, „dann räumen die Pflegedienste den Weg frei und alle anderen können ihn unproblematischer gehen!“

Herr Schnellhardt, im Projekt sMobilityCOM ging es um die Integration von E-Autos in die Fahrzeugflotten von ambulanten Pflegediensten. Warum der spezielle Fokus auf diese Branche?

Die planbaren Routen im Pflegedienst ermöglichen einerseits eine „reichweitensichere“ Nutzung von Elektrofahrzeugen – Sommers wie Winters. Mit intelligenten Einsatzmanagementsystemen ist also Reichweite hier kein Problem. Aber darüber hinaus können wir durch die planbaren Routen auch Technologien zum intelligenten netzdienlichen Laden in diesem Szenario ausgezeichnet erproben und dann für andere Anwendungen skalieren. Last but not least ist die Pflegedienstbranche äußerst kostensensibel. Wenn es also gelingt, das Elektroauto hier wirtschaftlich günstiger einzusetzen, würden die Pflegedienste alle auf Elektromobilität umstellen.

Elektroautos müssen also im Vergleich zu Autos mit herkömmlichen Antrieben wirtschaftlich punkten. Können sie das?

Genau das war unser Ziel. Durch Betriebskostenreduzierung wollten wir zeigen, dass Elektroautos im Einsatz wirtschaftliche Vorteile schaffen. Ansatzpunkte waren dabei neben der Routen- und Einsatzoptimierung vor allem die Reduzierung des Strompreises für die „getankte“ Kilowattstunde und die Reduzierung der Installationsaufwendungen für die benötigte Ladeeinrichtung. Die zentrale Erkenntnis im Projekt war jedoch, dass die hohen Anschaffungskosten der Fahrzeuge einen wirtschaftlichen Betrieb im Vergleich zu Verbrennerfahrzeugen bis zum Projektende 2018/2019 noch nicht erlaubten. Aber wir konnten auch zeigen, dass die Betriebskosten im Vergleich um 50 Prozent niedriger bei Elektrofahrzeugen anzusetzen sind und somit bei der Reduzierung der Fahrzeugkosten ein wirtschaftlicher Einsatz bald zu erwarten ist.

Lassen Sie uns näher auf das Flotten- und Lademanagementsystem eingehen, das im Zuge von sMobilityCOM speziell für den Anwendungsfall bei Pflegediensten entwickelt wurde. Was macht dieses System aus?

Im Grunde soll es nur eines, nämlich Kosten im Einsatz sparen. Durch eine Einsatzplanung und Einsatzsteuerung kann das System einerseits die Kosten pro Tour reduzieren und zum anderen genau dann Strom „tanken“, wenn der Strompreis niedrig ist, denn antizipative Planung ist alles! Ganz konkret werden die Touren der Pflegerinnen und Pfleger optimal geplant, der Einsatz durch ein Mobilgerät geroutet und bei Änderungen optimal gesteuert und darüber hinaus wird automatisiert festgelegt, welches Auto wann geladen wird. Dies macht einen kostenoptimalen Einsatz erst möglich.

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Das heißt, das Pflegepersonal bekommt jegliche Anweisungen direkt aufs Smartphone gespielt?

So ist der Plan. Jeder Besuch ist ein Auftrag, deren Reihenfolge nach unterschiedlichen Kriterien in eine optimierte Tages- und Routenplanung mündet. Dies ist die Basis. Besonders interessant wird es, wenn nach Tourbeginn ein zusätzlicher Auftrag hinzukommt. Vielleicht weil ein Kollege erkrankt oder in einer anderen Tour ein Notfall war. Das Einsatzmanagement kann nun festlegen, wer die Aufgabe übernimmt und wie die neue Tour aussieht. Das Pflegepersonal kann sich dann ganz auf die Betreuung der Klienten konzentrieren. Die Umplanung übernimmt das System in Abstimmung mit dem Pflegedienstleiter.

Gibt es Bestrebungen, das Flotten- und Lademanagement oder möglicherweise andere aus dem Projekt gewonnenen Erkenntnisse in Form eines Produkts oder einer Dienstleistung zu kommerzialisieren?

Im Projektverlauf wurden mehrere Ergebnisse für Produkte ausgekoppelt. So kann das Einsatz- und Lademanagement unter www.Care2web.de heute bereits genutzt werden. Darüber hinaus wurden die Erkenntnisse zur Ladeinfrastruktur in die Ausgründung und Produkte der Homecharge GmbH eingebaut und last but not least hat die enviaM die Entwicklungen zur Phasenwechselsteuerung bei einphasigem Laden in ihre vermarktete Ladetechnik integriert. Alles in allem also eine fast vollständige Überführung in marktfähige Produkte.

Das klingt nach einem vollen Erfolg. Hand aufs Herz: Lief schon während des Projekts alles wie am Schnürchen oder hatten Sie auch mit speziellen, vielleicht überraschenden Herausforderungen zu kämpfen?

Entwicklung besteht immer aus Versuch und Irrtum und nichts läuft stur nach Plan. Überraschend war für uns vor allem, dass sehr begrenzte Fahrzeugangebot, die häufig begrenzten AC-Ladeleistungen der Onboard-Lader und vor allem waren wir über die Dominanz der Differenz der Anschaffungskosten zwischen Elektroautos und den herkömmlich im Pflegedienst eingesetzten Fahrzeugen überrascht. Weitere Ecken und Kanten waren die Anbindung bestehender Pflegemanagement-Software, welche durch das Claim-Management der Anbieter schwierig war. Positiv überrascht waren wir von unseren Pflegedienstpartnern. Engagement und Innovationsbereitschaft waren kaum noch zu toppen. Dafür an dieser Stelle noch einmal vielen Dank.

Ihr Projekt lief Ende 2019 aus. Wir können uns vorstellen, dass Sie die Elektromobilitäts-Entwicklung bei Pflegediensten seitdem intensiv beobachten. Wie sieht’s aus? Nimmt die Integration von E-Autos in der Branche zu?

VW und auch andere Autohersteller haben die Pflegedienstbranche als Innovatoren erkannt und bereits gegen Ende 2018 mit gezielten Angeboten beispielsweise für den VW e-Up angefangen, die Einsatzhürden niederzureißen. So konnten auch wir in den letzten Monaten vielen Pflegediensten bei der Technologieeinführung mit unseren Erfahrungen Unterstützung bieten. Diese Erfahrungen haben wir auch bereits zum Ende des Projektes als Handlungsempfehlungen zusammengefasst und auf unserer Webseite veröffentlicht.

Was ist aus Ihrer Sicht heute noch das größte Hemmnis, das einem großflächigen Einsatz von Elektroautos bei Pflegediensten entgegensteht?

Der Einsatz in der Pflegedienstbranche hängt von zwei zentralen Faktoren ab: Einerseits werden geeignete Fahrzeuge zu wettbewerbsfähigen Preisen gebraucht. Andererseits brauchen Pflegedienste Unterstützung bei der Einführung dieser Technologie, denn die notwendige Auswahl und Installation der Ladetechnik wird häufig zur unlösbaren Herausforderung. Solange jede Installation noch ein Einzelprojekt ist, liegt ein wirtschaftlicher Betrieb noch in weiter Ferne. Komplettangebote der Energieversorger, Standardangebote zur Ladetechnik und der Aufbau von Kompetenz bei den Elektrikern würden hier wesentlich weiterhelfen.

Komplettpakete von der Beratung über die Installation bis zur Wartung von Ladeinfrastruktur gibt es mehr und mehr. Haben Sie den Eindruck, dass die Energie- und Elektromobilitätsbranche inzwischen – eineinhalb Jahre nach Projektende – den Bedarf an solchen Standardlösungen verstanden hat?

Das wäre ja perfekt, aber leider schlagen die Stadtwerke heute immer noch bei uns auf und fragen für ihre Kunden nach Konzepten und Lösungen. Von Standardprodukten sind wir aus unserer Sicht noch ein gutes Stück entfernt.

Inwiefern lassen sich die in Ihrem Projekt erarbeiteten Lösungen und Leitfäden zur Einflottung von Elektrofahrzeugen eigentlich auch auf andere Branchen übertragen?

Die Pflegedienste räumen den Weg frei und alle anderen können ihn dann unproblematischer gehen! Die Übertragbarkeit aller Ansätze ist problemlos möglich, auch wenn der Unternehmensberater vielleicht Kunde sagt und der Handwerker es Baustelle nennt, kann man vieles aus dem Einsatz und fast alles aus dem Lademanagement übernehmen.

In der Praxisphase Ihres Projekts kamen Ihre erarbeiteten Lösungen bei drei Pflegediensten in Thüringen zum Einsatz. Wie im Nachgang zu hören war, kamen die insgesamt 24 testweise integrierten Elektroautos nach einer gewissen Adaptionszeit gut an. Wie sehen die Flotten dieser drei Partner-Pflegedienste heute aus?

Konkret müsste ich nachfragen, aber ich weiß, dass die Lebenshilfe Erfurt auf dem Weg der Komplettumstellung aller ihrer Fahrzeuge auf Elektroautos weiter fortschreitet. Die Volkssolidarität fährt heute durch die Nutzung des speziellen e-Up-Angebotes wirtschaftlich und bei der AWO sind die E-Autos gern genutzte Dienstwagen.

An wen können sich andere, an dem Thema interessierte Pflegedienste denn jetzt konkret wenden?

Einerseits haben wir unsere Ergebnisse auf der Projekthomepage in konkreten Handreichungen für Pflegedienste verpackt und stehen als Innoman auch für Fragen zur Verfügung. Hauptansprechpartner sollten für Pflegedienste jedoch das regionale Stadtwerk oder die Branchenverbände sein.

Herr Schnellhardt, haben Sie vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

Über das Projekt:

sMobilityCOM“ war ein gemeinschaftliches Förderprojekt des Technologieprogramms „IKT für Elektromobilität“, welches von Anfang 2016 bis April 2019 lief und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wurde. Zum Konsortium gehörten die INNOMAN GmbH, die DAKO GmbH, die envia Mitteldeutsche Energie AG, das Fraunhofer IOSB, die HKW-Elektronik GmbH und die Micronic Computer Systeme GmbH. Gegenstand des Projekts war die Entwicklung eines prädikativen Lade- und Einsatzmanagements für mobilitätsbasierte Dienstleister, konkret für Pflegedienste.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter smobility.net

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