
Kommunale E-Fahrzeuge: Welche eMobility-Akzente die IFAT in München setzt
Die IFAT gilt als Leitmesse für Umwelttechnologien und versammelt alle zwei Jahre die Branchen Wasserwirtschaft, Recycling und Kreislaufwirtschaft in München. Noch bis heute (4. bis 7. Mai) rücken auf dem Messegelände der bayerischen Landeshauptstadt rund 3.000 Aussteller ihre Neuheiten ins Rampenlicht. Die europäischen Lkw-Hersteller und Aufbau-Spezialisten nutzen die große Bühne dabei, um allen voran ihr Sortiment für kommunale Einsätze vorzustellen. Die Kommunen gelten als wichtige Kundengruppe. Und um die wird auf der IFAT amtlich gebuhlt.
Wir haben uns bei den Lkw-OEMs und vielen weiteren Ausstellern umgesehen. Mercedes-Benz Trucks , Volvo Trucks, Scania und MAN sind mit relativ großen Ständen vertreten. DAF und Iveco haben weniger Quadratmeter gebucht, mit DAF hat sich aber immerhin ein großer OEM zur IFAT-Rückkehr entschieden, nachdem die Niederländer die Messe zuvor ausgelassen hatten. Keinen eigenen Stand hat Renault Trucks. Fahrzeuge der Franzosen sind nur bei Sonderfahrzeug-Hersteller Terberg zu sehen.
Einstieg bei Mercedes-Benz Trucks: Elf Fahrzeuge haben die Stattgarter nach München geschafft, darunter mehrere eEconic und einen eActros 400, der speziell für den Winterdienst und den kommunalen Sommereinsatz konzipiert wurde. Bei der Marke gibt’s auf der Messe tatsächlich eine Premiere zu feiern: Mercedes-Benz Trucks stellt in München den eEconic 400 vor, der im Gegensatz zum bestehenden eEconic 300 ein Batteriepack mehr aufnehmen kann. Dazu haben die Entwickler den Radstand von glatt vier auf 5,02 Meter erweitert. Mit vier statt drei Packs klettert der Energiegehalt von 300 auf 400 kWh und die Reichweite (je nach Anwendung) von bis zu 150 Kilometer auf nun 150 bis 200 Kilometer. Die ersten Exemplare des eEconic 400 werden laut der verantwortlichen Produktmanagerin Linda Fritzenwanker nach Dänemark gehen: „Die Stadt Kopenhagen kauft sechs Einheiten und hat bereits Interesse für eine höhere Stückzahl signalisiert.“ Mit der neuen Variante haben Kunden künftig die Auswahl, ob sie eher mehr Reichweite oder mehr Nutzlast brauchen.
Dabei fährt der eEconic als einziger E-Lkw der Stuttgarter weiterhin mit NMC-Batterien. Den vom Flaggschiff eActros 600 eingeleiteten Plattformwechsel (inklusive LFP-Batterien) macht der Truck für den kommunalen Einsatz weiterhin nicht mit. „Unsere Kunden sind mit dem Lkw sehr zufrieden“, äußert Dennis Kinzelmann, seit Anfang des Jahres CEO von Mercedes-Benz Special Trucks, dazu auf der Messe. Man arbeite aber durchaus an einem Nachfolger. Wir erinnern uns: Der eEconic kam 2022 auf den Markt. Die Produktion der anderen Vertreter der ersten E-Lkw-Generation („eActros 300/400“) wurde von Mercedes-Benz Trucks inzwischen eingestellt.











Als weitere Premiere ist in München der Mercedes-Benz ReEconic zu sehen – eine Studie, bei der die Stuttgarter die Wiederverwendung von recycelten Materialien im Innenraum, bei den Verkleidungen und der Verglasung ausreizen. Nach einem einjährigen Testlauf in Frankfurt am Main soll der ReEconic Impulse für den Einsatz von sekundären Rohstoffen in der Serienproduktion geben. Und zwar nicht nur beim eEconic, sondern antriebsübergreifend bei allen Lkw des Herstellers.
Weiter geht’s zu Volvo Trucks mit einem rein elektrischen Sortiment am Stand. Die Schweden präsentieren zwei elektrische Lkw mit unterschiedlichen Aufbauten und einen elektrischen Radlader von Volvo CE. Der Volvo FM Low Entry als Müllfahrzeug ist in Gänze bekannt, auf dem anderen Truck prangt in großen Lettern „Next Generation“. Hier wird’s interessant: Volvo Trucks will bekanntlich in Kürze die zweite Generation seiner E-Lkw enthüllen, die mit einer neuen E-Achse und verbesserten Batterien bis zu 700 km weit kommen sollen. In diesem Zuge erhält auch der bestehende FM mit Kardanwelle ein großes Update. Und das ist auf der IFAT zu sehen: Der im Spotlight glänzende Volvo FM Electric 6×2 Abroller wird mit bis zu 400 Kilometern Reichweite angegeben. Das sind über 100 km mehr als bisher. Dafür sorgen u.a. verbesserte NCA-Zellen vom bestehenden Batteriezellzulieferer Samsung SDI, aber auch mechanische und sonstige Antriebsverbesserungen. Volvo bleibt dabei etwas vage. Glasklar ist dagegen: Das AC-Laden fällt im Zuge des Updates weg. Das kann aber weiterhin der andere E-Lkw am Stand: der FM Low Entry mit 200 km Reichweite.



Benjamin Schiebler, Manager Electromobility bei Volvo Trucks, betont zudem, dass Volvo Trucks den Zukunftsmarkt weiterhin zweigleisig bespielen will: mit BEV-Trucks und Brennstoffzellen-Lkw. Einen ersten Ausschlag im Wasserstoff-Bereich kündigt sein Unternehmen weiterhin bis „Ende des Jahrzehnts an“. Marktbegleiter Daimler Truck (mit der Volvo Group auch BZ-Joint-Venture-Partner bei Cellcentric) hat den Marktstart seines BZ-Trucks bekanntlich bereits in die frühen 2030er Jahre verschoben. Vielleicht gibt’s bei der nächsten IFAT 2028 ja dann schon einen konkreten Ausblick auf einen schwedischen Wasserstoff-Lkw.
Nur einen Stand weiter rückt MAN drei Lkw ins Rampenlicht – allesamt mit Elektroantrieb. Auf seiner Heimmesse zeigt das Unternehmen unterschiedliche eTGS, die die Vorteile des eigenen modularen Batteriekonzepts hervorheben sollen. Denn: Je nach Fahrgestell-Konfiguration kann das Rahmenlayout des eTGS drei bis sieben NMC-Batteriepacks fassen, um Reichweite und Nutzlast gemäß den unterschiedlichen Einsatzprofilen auszutarieren. Ein eTGS mit 6×4-Achsformel am Stand präsentiert sich auf der IFAT ein 28-Tonnen-Abrollkipper für den Winterdienst. Die beiden weiteren Dreiachser (6×2) sind für die Abfallwirtschaft konzipiert. Einer trägt einen klassischen Hecklader-Aufbau der Firma Zöller, der andere einen Seitenlader-Aufbau von Hersteller Terberg.




MANs Konzernschwester Scania hat sich mit ihrem Stand auf dem Freigelände der Messe positioniert und vier Fahrzeuge im Gepäck – einen Biogas-Lkw und drei BEV-Trucks, die teils erst im Laufe des Jahres bestellbar sein werden. Bewusst nimmt sich Scania dabei Fahrzeugen an, „die nur schwer zu elektrifizieren sind“, betont ein Standmitarbeiter. Da wäre etwa der Scania 40P 6×2*4 mit Meiller-Abrollkipperaufbau. Dieser 400-kW-Lkw wird von Scania werksseitig mit einer Batteriekapazität von 445 kWh brutto umgerüstet. Bestellbar sein werde er in dieser Umrüstvariante ab September, erfahren wir vor Ort. Die Reichweite gibt Scania mit 400 Kilometern an.
Schon zu haben ist der 36P 4×2 mit 356 kWh Energiegehalt, der von den Schweden ebenfalls werksseitig für Kehrmaschinen so umgerüstet wird, das er die entsprechenden Aufbauten mitführen kann. Auch hier will das Unternehmen aber im Laufe des Jahres eine Version mit 445 kWh nachschieben. Dritter XXL-Stromer im Bunde ist der 27P 6×2*4 als Fahrgestell, der hinter dem Fahrerhaus um 60 Zentimeter gewachsen ist und dank neu positionierter Akkus speziell für Kraninstallationen optimiert wurde.

Mit DAF präsentiert sich unterdessen ein Rückkehrer auf der IFAT. Der Messestand der Niederländer ist rein auf E-Mobilität ausgelegt: Neben dem XDe 270 FAN 6×2 mit Meiller-Abrollkipper zeigt DAF eine im Kosmos des Mutterkonzerns entwickelte Schnellladesäule der Marke Paccar Power Solutions. Wie für fast alle Hersteller gilt, trifft man Fahrzeuge von DAF aber auch bei unzähligen anderen Ausstellern an. Im Fall der Niederländer etwa bei Partnerunternehmen wie Cappellotto, Faun, Meiller, Terberg, Wiedemann enviro tec und Zöller.

Matthias Schiegl, Branchen-Manager bei DAF Trucks Deutschland, betont: „Die IFAT ist für uns eine zentrale Fachmesse, auf der wir unsere Kompetenzen im kommunalen und gewerblichen Entsorgungsbereich zeigen können. Dieses Jahr freuen wir uns besonders, gemeinsam mit drei unserer Handelspartner vertreten zu sein. Ob Diesel oder emissionsfreier E-Lkw – wir bieten für jede Anforderung das passende Fahrzeug und arbeiten eng mit namhaften deutschen und europäischen Aufbaupartnern zusammen.“
Renault Trucks ist wie gesagt nicht mit einem eigenständigen Stand vertreten, sondern nur mit einem E-Lkw, dem E-Tech D Wide 6×2, und drei Dieseln bei Terberg zu Gast. Dafür begegnen uns auf dem Rundgang über die Messe weitere kleine Hersteller, darunter die Schweizer E-Lkw-Schmiede Designwerk mit einem ihrer XXL-Stromer. Den größten Hallenstand im Fahrzeugbereich betreibt ebenfalls ein Schweizer Unternehmen – und zwar Bucher Municipal, seines Zeichens Anbieter von Reinigungs- und Räumfahrzeugen. Hier stehen E-Kehrmaschinen verschiedenster Größenordnungen. Besonders ins Auge sticht eine einsame kleine E-Kehrmaschine auf einem abgesperrten Hallenareal. Die Szenerie macht Sinn, als die CityCat VR17ae plötzlich autonom losfährt und ihr abgestecktes Gelände fegt. Sobald die bis zu 40 km/h schnelle CityCar angelernt ist, kann sie selbstständig sauber machen, erfahren wir hier.



Nicht weit entfernt ist auch Iveco anzutreffen – mit einem S-eWay als 6×2-Fahrgestell samt Abfallsammelaufbau im Gepäck. Laut Raphael Richter, Leiter Aufbauherstellerbetreuung bei Iveco, hat der E-Lkw fünf Packs mit insgesamt 350 kWh an Bord, das macht zwei Packs weniger als der Truck in Maximalkonfiguration mitführen kann. Iveco ist extra mit seinem technischen Support-Team angerückt, denn: „Der Beratungsbedarf zu E-Lkw bei den Messebesuchern ist hoch“, so Richter. Die Menschen haben viele technische und praxisrelevante Fragen. Außerdem berichtet der Fachmann davon, dass die BEV-Entwicklung den Schulterschluss mit den Aufbauherstellern auf eine neue Ebene hebt: „Die Kooperation ist schon immer eng. Aber jetzt sitzen wir seit Langem wieder zusammen am Tisch, um uns strategisch abzustimmen. Hier geht es um weit mehr als um Schnittstellen zwischen Fahrzeug und Aufbauten.“
Bei den Aufbauherstellern sind auf der IFAT denn auch alle Player versammelt, die Rang und Namen haben. Faun, Zoeller und Terberg haben sich die größten Stände gegönnt. Aber auch kleinere Anbieter buhlen um Aufmerksamkeit. E-Lkw sind dabei allgegenwärtig. Wir begegnen etwa dem eindrucksvollen Vakuum-Saug-Lkw Disab Futurion auf Basis eines Volvo-Elektrotrucks (Modellnahme: e-Futurion Q10). Ebenso auffällig: Der strahlend blaue Elephant e-power als Saug- und Spülfahrzeug, der ebenfalls auf einem Volvo-Chassis sitzt.



Und auch kleinere Stände wie der von MUT/Steyr Automotive zeugen vom Willen der Branche zur Transformation. Zwei von drei ausgestellten Fahrzeugen der Österreicher fahren rein elektrisch (auf Volvo- bzw. MAN-Basis). Eines der Müllfahrzeuge enthält dabei on top eine integrierte Waschanlage für die Sammelbehälter. Noch handelt es sich um Prototypen, in die viel Handarbeit geflossen ist, um die zugelieferten OEM-Fahrgestelle mit Hilfsrahmen, Zusatzbatterie für den Lifter, PTO und Co. auszustatten. Aber Johannes Holzleitner von MUT/Steyr Automotive berichtet von steigendem Interesse. „Gerade bei der Abfallsammlung geht die Nachfrage in Richtung Elektrofahrzeuge.“
Fazit
Diese Aussage ist so oder so ähnlich überall auf der Messe zu hören. Der oftmals regionale Wirkbereich von Kommunalfahrzeugen sei für E-Fahrzeuge prädestiniert, hören wir – in Abgrenzung zu Trucks, die am Tag vor allem möglichst viele Kilometer zurücklegen müssen. Kommen dann noch Stop-und-Go-Routen wie bei Müllfahrzeugen hinzu, kann die E-Mobilität ihre Stärken besonders ausspielen. Stichwort: Rekuperation. Diese Entwicklung ist nun schon einige Jahre absehbar, insofern waren auch auf der IFAT 2024 schon viele E-Fahrzeuge ausgestellt. Der noch junge Markt ist aber weiter gereift. Oder in den Worten eines Ausstellers, mit dem wir vor Ort gesprochen haben: „Vor zwei Jahren wurde das Thema E-Mobilität noch arg gehypt, jetzt sind E-Fahrzeuge einfach zu einem festen Bestandteil der Messe geworden.“
daimlertruck.com, volvotrucks.de, press.mantruckandbus.com, scania.com, ifat.de (Ausstellerverzeichnis)




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