„Bidi-Gipfel“: Europa soll beim bidirektionalen Laden zusammenrücken

Das Wirtschaftsministerium hat diese Woche zum dritten „Europäischen Gipfel für bidirektionales Laden“ geladen. Industriepartner überreichten dort die Fortschritte der länder- und branchenübergreifenden Zusammenarbeit seit den Auftaktgipfeln 2023 und 2024. Wichtige Schritte sind getan, weitere müssen aber folgen.

vw bidirektionales laden für interview
Bild: Volkswagen

Dass das bidirektionale Laden technisch funktioniert, zeigen immer mehr Piloten zum Vehicle-to-Grid-Laden. Jüngst etwa die von electrive per Livestream übertragene bidirektionale Lade-Demo eines MAN-Lkw. Auch immer mehr Pkw wie der Renault 5, die Ford-Modelle Capri und Explorer, mehrere Volkswagen-Modelle, der Mercedes GLC oder der BMW iX3 sind „Bidi-ready“. Für den iX3 hat BMW kürzlich auch schon ein erstes kommerzielles V2G-Angebot für Deutschland (zusammen mit E.ON) gelauncht. Ford zieht im Sommer nach (mit Octopus Energy), VW im Q4/2026 (mit Tochter Elli). Außerdem wollen Renault und Mercedes den deutschen Bidi-Markt im Laufe des Jahres gemeinsam mit The Mobility House erschließen.

Das Aber: Die Prozesse in Deutschland sind „verzögerungsanfällig“, wie es die Münchner Bidi-Pioniere von The Mobility House jüngst vorsichtig formuliert haben. In der Tat kündigte das Wirtschaftsministerium bereits bei den beiden vorangegangenen Gipfeln im November 2023 und im Oktober 2024 – noch unter Grünen-Minister Robert Habeck – an, die technischem, rechtlichem und organisatorischem Hemmnisse abzubauen und das bidirektionale Laden bis 2025 marktreif zu machen. Das hat schon einmal nicht hingehauen. Der Bund hat zwar inzwischen mehrere Schritte unternommen, etwa erste Steuer-Regelungen rund um bidirektionales Laden auf den Weg gebracht und über die Nationale Leitstelle ihre Roadmap für bidirektionales Laden vorgestellt. Und auch der Bundestag hat Ende 2025 eine wichtige Weichenstellung zur bisherigen Mehrfach-Belastung von Strom beim bidirektionalen Laden getroffen (die Netzentgelte bei der Zwischenspeicherung entfallen künftig), aber der regulatorische Rahmen ist in Gänze noch immer unzureichend auf die Strom-Rückspeisung aus E-Fahrzeugen ausgerichtet.

Das ist denn auch die zentrale Message der Industrie-Partner beim dritten „Bidi“-Gipfel im Haus von Habeck-Nachfolgerin Katharina Reiche (CDU). Zu dem Treffen mit dem offiziellen Titel „Europäischer Gipfel für bidirektionales Laden“ waren laut einer Mitteilung des Ministeriums „Spitzenvertreter der Europäischen Automobil-, Energie- und Digital-Industrie“ eingeladen. Im Gepäck hatten sie Ergebnisberichte und konkrete Empfehlungen zur Markt- und Netzintegration von bidirektionalen E-Autos und Heimspeichern.

Die Gäste „haben zugesagt, entsprechende Angebote auch in Deutschland in 2026 auf den Markt zu bringen“, teilt das Ministerium als eine der Botschaften des Gipfels mit – wohlwissend, dass es eigentlich nicht am Willen der Branche hakt, sondern an den regulatorischen Voraussetzungen, welche die Politik schaffen muss. Das Ministerium schreibt weiter, dass zugleich Einigkeit bestand, „dass die europäischen Rahmenbedingungen für das bidirektionale Laden weiter vereinfacht werden, bestehende Hemmnisse abgebaut und ein europäischer Binnenmarkt für bidirektionales Laden entwickelt werden müssen“. Nicht Berlin ist also am Zug, sondern Brüssel – so die Botschaft der Bundesregierung.

Für die Stromnetzintegration schlagen die Branchenexperten industrieseitig denn auch ein Zielkonzept vor, das ein EU-weit einheitliches dynamisches Netzzustandssignal beeinhaltet, das auf jeder Netzebene und automatisiert die Last- und Ladeflüsse so verteilt, dass Überlastungen vermieden werden, bevor sie entstehen können. Das deutsche Wirtschaftsministerium stimmt ein, indem es erklärt, dass die Bidi-Technologie in einem Europäischen Binnenmarkt mit einheitlicher Systemarchitektur entwickelt werden solle.

Klar ist: Andere europäische Länder sind Deutschland schon voraus – das weiß man auch im Haus von Ministerin Reiche: „Bidirektionale Ladetarife werden bereits in anderen Europäischen Ländern und zunehmend auch in Deutschland angeboten“. Hierzulande erschweren aber bekanntlich unter anderem die fragmentierte Verteilnetzstruktur und die noch verhältnismäßig geringe Verbreitung von Smart Metern den Rollout der neuen Technologie massiv.

In einem der beim Gipfel übergebenen Berichte werden die Hemmnisse in der Bundesrepublik noch umfassender beschrieben: „Die Ursachen für die weiterhin bestehenden Herausforderungen sind insbesondere die offene Umsetzung von MiSpeL und die Integration des Netzentgeltentfalls für nachgewiesenen zwischengespeicherten Netzstrom, Unklarheiten und Inkonsistenzen im Bereich der arbeitsbezogenen Stromnebenkosten, aber auch die steuerliche Behandlung rückgespeister Strommengen sowie unzureichend aufeinander abgestimmte Steuerungsregime in der Niederspannung. In den bestehenden Ausgestaltungen führen diese Rahmenbedingungen zu Kosten- und Bürokratiebelastungen, die in keinem angemessenen Verhältnis zu den potenziell erzielbaren Erlösen für bidirektionale Anwendungen stehen. Auch eine zeitnahe Umsetzung durch die über 800 Netzbetreiber in Deutschland ist offen.“

Das Kürzel MiSpeL steht dabei für das „Festlegungsverfahren zur Mark­tin­te­gra­ti­on von Spei­chern und La­de­punk­ten“ der Bundesnetzagentur. In dieser Festlegung ist u.a. eine Pauschaloption vorgesehen, bei der in Haushalten mit eigener PV-Anlage, Stromspeicher und/oder Ladepunkt „die ins Netz eingespeiste Strommenge auf Basis bestimmter Rahmenumstände und im Rahmen bestimmter Größenordnungen schlicht und sehr pauschal die Eigenschaft ‚förderfähig‘ oder ‚saldierungsfähig‘“ zugewiesen bekommen kann. Eine wichtige Weichenstellung fürs Bidi-Laden. Doch noch ist das MiSPel nicht wirksam. Außerdem greift das gerade genannte Zitat den Umstand auf, dass in Deutschland zwar der Beschluss steht, Netzentgelte bei der Zwischenspeicherung entfallen zu lassen. Die Integration dieser Neuerung dauert aktuell aber noch an.

Neben dem angesprochenen Bericht der Unterarbeitsgruppe WG 3a („Rechtlicher und untergesetzlicher Rahmen für Deutschland“) haben auch andere Gruppen innerhalb der „Europäischen Koalition der Willigen zum bidirektionalen Laden“ ihre Berichte abgeben. Abzurufen sind diese über den unten angegebenen Link. Einer der Reporte stammt dabei auch von der Industriekoalition bzw. der Expertenarbeitsgruppen der EU Kommission „Data for Energy“ und „Sustainable Transport Forum“. Darin regen die Autoren die Schaffung eines gemeinsamen Europäischen Datenraums in einem Binnenmarkt für bidirektionales Laden an. Kernpunkt sind hier u.a. EU-weit vereinheitlichte Netzanschlussbedingungen.

Ein weiteres Anliegen ist den Industrie-Vertetern in einem der Berichte, dass die Verbindung von bidirektionalem Laden mit lokaler Eigenerzeugung, Zwischenspeicherung und der Weitergabe von vor Ort erzeugter Energie besonders lukrativ sein sollte. Solche „Energy Sharing“-Modelle könnten etwa beim Arbeitgeberladen oder im Mehrfamilienhausbereich Anwendung finden und hier deutlich kostengünstigerer Strom bereitstellen und im Krisenfall als Ersatz- und Notstromanlagen fungieren, heißt es.

Die Berichte werden laut dem Wirtschaftsministerium jetzt der Europäischen Kommission zur Verfügung gestellt, um die Ausgestaltung des regulatorischen Rahmens in Europa voranzubringen.

bundeswirtschaftsministerium.de, linkedin.com

3 Kommentare

zu „„Bidi-Gipfel“: Europa soll beim bidirektionalen Laden zusammenrücken“
Thomas Varchmin
21.05.2026 um 21:21
Die Energy Island Power GmbH bietet ein System welches Fahrzeuge mit V2L plug & play intelligent in bestehende Solaranlagen integriert und sie so zur Powerbank für das Eigenheim macht. So kann bereits heute und ohne auf regulatorische Entscheidungen zu warten V2H realisiert werden (www.energy-island-power.de)
Alhard von Nordenskjöld
22.05.2026 um 09:08
Wie schade, dass hier erst im letzten Absatz und quasi unter "ferner liefen" der eigentlich spannende Bereich angesprochen wird: die Rückspeisung in die Gebäudenetze. Dafür braucht es auch keine neuen Regularien. Durch die Fokussierung auf VtG verpassen die Ladetechnik-Hersteller und die Politik diesen wirtschaftlich spannenderen Bereich voran zu treiben bzw. Produkte marktreif zu machen. Wie gesagt - schade, dass auch dieser Artikel das verpaßt.
Maximilian Steinert
25.05.2026 um 20:01
Auch dazu braucht es leider vereinfachte Regulation. Die Technische Seite wird hier leider ausgelassen oder stark vereinfacht dargestellt. Bidirektionales Laden gibt es AC und DC seitig. Für die AC Variante müssten die Fahrzeughersteller aber eine entsprechende Rückspeisefunktion ins Fahrzeug im OnBoard Charger integrieren (Bauteilkosten wenige Euro) dafür kann es dann „quasi“ an jeder Steckdose einspeisen. Für DC Braucht es eine spezielle recht teure DC-Wallbox die wiederum einen Inverter enthält, eine Anmeldung beim Netzbetreiber ist dafür wesentlich einfacher. Für beides braucht man natürlich entsprechend standardisierte Kommunikation zwischen Fahrzeug und Wallbox was stand heute echt komplex ist, alles was man kaufen kann wird immer nur mit dem Modewort „ready“ betitelt.Natürlich ist ein Interesse ohne valides Geschäftsmodell begrenzt auf allen Seiten, außer der „paar“ Enthusiastischen Early Adopter die das jetzt aus Leidenschaft versuchen. Niemand schlachtet die Kuh solange sie noch Milch gibt.Fragen sie gerne mal den Elektriker ihres Vertrauens dass sie aus ihrem E-Auto nachts ihr Haus versorgen wollen…

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