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Bild: Wrightbus
HintergrundNutzfahrzeug

Das Erfolgsgeheimnis der E-Busse in Großbritannien

In keinem anderen europäischen Land sind 2023 so viele Elektrobusse zugelassen worden wie in Großbritannien. Daran ist ablesbar, was mit einer verlässlichen Förderung möglich ist. Das dortige ZEBRA-Subventionsprogramm besteht seit 2021. Wir werfen mal einen genaueren Blick auf den E-Bus-Markt jenseits des Ärmelkanals.

Der britische Markt für Busse aller Antriebsarten ist nach drei rückläufigen Jahren in 2023 wieder kräftig gewachsen. Laut einer Statistik der Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) kam es im vergangenen Jahr zu 4.932 Neuzulassungen, das sind 45 Prozent mehr als 2022. Das wirklich Bemerkenswerte: Emissionsfreie Busse machten bei den großen Bussen fast die Hälfte aller Neufahrzeuge aus. Die SMMT-Zahlen zufolge waren 45,1 Prozent der Neuzulassungen von Einzel- und Doppeldeckerbussen entweder Batterie-elektrisch oder mit Wasserstoffantrieb ausgestattet.

Vor diesem Hintergrund ein Blick auf die verschiedenen Bustypen in der SMMT-Statistik: Dort wird bei den Neuzulassungen für 2023 zwischen 2.378 Minibussen (+18% YoY), 1.610 Solobussen (+52,5%) und 944 Doppeldeckern (+173,6%) differenziert. Klammert man die Minibusse aus, bleiben 2.554 ein- und zweistöckige Standardbusse, von denen rund 1.150 einen rein elektrischen Antrieb (BEV oder FCEV) hatten. Das sind die oben erwähnten 45,1 Prozent Marktanteil.

Das ist mit Abstand der Spitzenplatz in Europa. Laut kürzlich publik gemachten Zahlen der European Automobile Manufacturers’ Association (ACEA) kam Deutschland als zweitgrößter Markt auf 835 elektrifizierte Busse (+29,3% YoY), wobei darin alle Busse ab 3,5 Tonnen und sogar (die eher seltenen) Plug-in-Hybride eingerechnet sind. Unter diesen Kriterien werden für Großbritannien übrigens 1.314 neue E-Bussen geführt, was einer Wachstumsrate von 69,3 Prozent gegenüber 2022 entspricht.

Europäisches E-Bus-Ranking

Zu den weiteren europäischen Nationen mit den meisten E-Bus-Zulassungen nach ACEA-Kriterien (nochmals: hier werden BEV und PHEV ab 3,5 Tonnen zusammen ausgewiesen) zählen Frankreich (743, -4,9%), Norwegen (563, +84,6%), Spanien (525, +270%), Italien (410, +253%) und Portugal (385, +502%).

Doch zurück nach Großbritannien. Im Hersteller-Ranking liegen über alle Antriebe hinweg die Busbauer Ford (1.011 Exemplare), Mercedes (968), Alexander Dennis (517), Wrightbus (482) und BYD (444) vorne. Nach Bustypus und Antriebsart wird die Statistik nicht aufgeschlüsselt. Aber Ford hat keine „ausgewachsenen Busse“ im Portfolio. Bei den gut 1.000 Exemplaren handelt es sich also um Kleinbusse. Und BYD verkauft in Großbritannien nur emissionsfreie Fahrzeuge. Die 444 zu BYD gehörigen Busse in der Statistik sind also BEV. Bei Mercedes, Alexander Dennis und Wrightbus dürfte es sich bei den angegebenen Volumen um einen Antriebsmix handeln.

Garant für den hohen Anteil an Batterie-elektrischen und Brennstoffzellen-Antrieben in Großbritannien ist die sogenannte ZEBRA-Förderung („Zero Emission Bus Regional Area“) als Teil der im März 2021 von der britischen Regierung veröffentlichten nationalen Busstrategie „Bus Back Better“. Im November 2023 legte die aktuelle Regierung eine Zwischenbilanz vor, wonach inzwischen schätzungsweise 4.200 emissionsfreie Busse bezuschusst wurden. Auf das Programm ZEBRA 1 folgte vergangenes Jahr die Fortsetzung mit ZEBRA 2 und einem neuen Budget von 129 Millionen Pfund (rund 151 Millionen Euro) für die Haushaltsjahre 23/24 sowie 24/25. Parallel unterstützt die Regierung seit März 2020 die Busindustrie. Stand November soll sich die Unterstützung auf über 2 Milliarden Pfund (umgerechnet 2,34 Milliarden Euro) belaufen.

Staat trägt 75% der Mehrkosten gegenüber Diesel

Für die ZEBRA 2-Förderung können sich alle britischen, lokalen Verkehrsbehörden außerhalb von London bewerben. Bei den Anträgen werden diejenigen bevorzugt, die zuvor keine Förderung erhalten haben. 25 Millionen Pfund (derzeit rund 29 Millionen Euro) sind zudem für ländliche Gemeinden vorgesehen. Der Zuschuss pro Fahrzeug beträgt bis zu 75 Prozent der Mehrkosten gegenüber Standard-Dieselbussen. Bei der Infrastruktur übernimmt der Staat bis zu 75 Prozent an den Investitionskosten, die durch den Kauf und die Installation entstehen. Außerdem können Verkehrsbetriebe Zuschüsse zur Deckung von bis zu 50 Prozent eventueller „unvorhergesehener Kosten“ für Fahrzeuge und Infrastruktur beantragen.

Mike Hawes, SMMT Chief Executive, kommentiert die Entwicklung in Großbritannien wie folgt: „Der britische Bussektor erholt sich stark, angetrieben durch steigende Fahrgastzahlen und staatliche Fördermittel, mit denen endlich neue Fahrzeuge auf Strecken im ganzen Land bereitgestellt werden.“ Emissionsfreie Busse stehen aus seiner Sicht kurz davor, die Hauptstütze des mittlerweile größten Zero-Emission-Marktes in Europa zu werden. „Aber wir brauchen die nächste Finanzierungsrunde – und zwar schnell -, um noch mehr Fahrzeuge auf die Straße zu bringen.“

Weitet man den Blick auf den Nutzfahrzeugsektor allgemein, zeigt sich, dass die Antriebswende bei Lkw in Großbritannien weniger dynamisch anläuft. Laut ACEA wurden 2023 in UK 1.220 mittelschwere und 286 schwere Lkw mit BEV- oder PHEV-Antrieb zugelassen. Ein Wachstum um 82 bzw. 107 Prozent gegenüber 2022, aber hinter Deutschland (1.560 mittelschwere und 609 schwere elektrifizierte E-Lkw). Bei elektrifizierten Transportern bis 3,5 Tonnen reiht sich Großbritannien mit 22.269 Neuzulassungen hinter Frankreich (30.277), aber vor Deutschland (20.798) ein.

Interessanter Nebenaspekt: In Großbritannien dürfen Fahrer mit herkömmlichen Führerschein dank einer Ausnahmeregelung emissionsfreie Transporter mit einem Gewicht von bis zu 4,25 Tonnen fahren. Für Kleinbusse, die häufig auf Transportern basieren, gilt dies aber nicht. Eine analoge Regelung ist dafür erst 2025 vorgesehen. Kritiker sehen darin eine Grund für die in diesem Segment in Großbritannien noch hinterherhinkende BEV-Dynamik. „Eine Vorverlegung dieses Termins würde die Nachfrage ankurbeln, da viele Kleinbusflotten ihre Investitionen in emissionsfreie Fahrzeuge so lange hinauszögern, bis ihre bisherigen Fahrer diese Fahrzeuge fahren dürfen“, heißt es denn auch bei der Society of Motor Manufacturers and Traders.

smmt.co.uk, acea.auto

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