FDP-Störmanöver gefährdet EU-weites Verbrenner-Aus für 2035

Das eigentlich bereits beschlossene Aus in der EU für neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge mit Verbrennungsmotor ab 2035 könnte auf der Zielgeraden noch von der FDP gekippt werden. Deutschlands Verkehrsminister Volker Wissing hat die Zustimmung zum Beschluss widerrufen.

Er forderte zuletzt, dass „auch nach 2035 Fahrzeuge zugelassen werden müssen, die mit eFuels klimaneutral betrieben werden“. Weil der deutschen EU-Botschafterin am Mittwoch eine klare Position aus Deutschland fehlte, musste die finale Abstimmung über Europas Verbrenner-Aus verschoben werden. Der „Spiegel“ hat über die augenblickliche Gemengelage einen ausführlichen Bericht veröffentlicht.

Zum Hintergrund: An sich gibt es in der Europäischen Union eine nach jahrlangen Verhandlungen gelungene politische Einigung über das europäische Verbrenner-Aus. Deutschland hat diese bisher befürwortet und der Europäische Rat hat den Gesetzentwurf im November 2022 mit Deutschlands Zustimmung bestätigt. Das Parlament kurze Zeit darauf ebenfalls. Das einzige, was noch fehlt, ist die Zustimmung der Mitgliedstaaten. Eigentlich eine Formalie.

Die FDP pochte bereits im vergangenen Jahr darauf, eine Öffnungsklausel für E-Fuels in den EU-Beschluss aufzunehmen. Offenbar will sie nun maximalen Druck aufbauen, indem sie das Verbrenner-Aus als Ganzes gefährdet. Deutschland könnte das Verbrenner-Aus zwar nicht alleine kippen, doch Italien, Polen und Bulgarien haben bereits angekündigt, dass sie nicht zustimmen werden bzw. eine Abschwächung fordern.

Wenn Deutschland ebenfalls nicht zustimmt, gäbe es keine nötige qualifizierte Mehrheit im Rat und das Gesetz wäre abgelehnt. Die Sturheit der FDP könnte unterdessen auch die Regierungskoalition in Deutschland gefährden. Einige Grüne sollen dem „Spiegel“ zufolge intern schon den Koalitionsbruch gefordert haben.

Denkbar sind dem Nachrichtenmagazin zufolge nun drei Szenarien: Erstens, man ignoriert die FDP, es kommt wie geplant am kommenden Dienstag zur Abstimmung und die FDP blockiert das Verbrenner-Aus, womit dieses scheitert. Zweitens, die Abstimmung wird verschoben, der Text neu verhandelt. Dann müsste er aber auch noch mal durch das EU-Parlament. Drittens, Frans Timmermans, EU-Kommissar für Klimaschutz, lenkt ein und versichert der FDP, dass er sich um die E-Fuels kümmern wird, woraufhin die FDP zufriedengestellt wäre und die EU-Minister am Dienstag das Paket doch wie geplant bestätigen.

Die Reaktionen auf das nun doch noch mal auf der Kippe stehende Verbrenner-Aus fallen erwartungsgemäß heftig aus. Laut Sebastian Bock, Deutschland-Geschäftsführer der Umweltorganisation Transport & Environment, „läuft Deutschland Gefahr, eine der zentralen Säulen der EU-Klimagesetzgebung einzureißen.“ Der Beschluss zum Verbrenner-Aus sei ein zentraler Teil des EU-Klimaplans »Fit für 55«, die CO₂-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent zu senken.

Auch die Grünen laufen Sturm: „Das Verhalten der FDP ist irrational“, äußert Stefan Gelbhaar, verkehrspolitischer Sprecher der Grünenfraktion im Bundestag. »Wir haben die Diskussion (um E-Fuels, Anm. d. Red.) schon zweimal geführt und abgeschlossen. Das permanent wieder aufzuwärmen macht es weder besser noch anders.“

Michael Bloss, klimapolitischer Sprecher der Grünen und Verhandlungsführer für die Grünen im EU-Parlament, warnt zudem, dass Deutschland sich in der EU als völlig unzuverlässig erweise, sollte man jetzt plötzlich seine Zustimmung zurückziehen. „Man kann nicht erst monatelang in der Verhandlung Ja sagen und wenn es zur Abstimmung kommt, Vielleicht. Das zerstört Vertrauen, in der EU und der Wirtschaft. Die Automobilbranche erwartet von uns klare, verbindliche Regelungen, mit denen sie endlich langfristig planen können.“

Neben der groß angelegten FDP-Schelte gibt es aber auch Befürworter der Blockadehaltung: Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, begrüßt den Widerruf von Verkehrsminister Wissing: „Wir brauchen alle klimafreundlichen Technologien, um die EU-Klimaziele zu erreichen“, bekräftigt sie. Weil E-Fuels gerade für die Klimabilanz bereits zugelassener Verbrenner wichtig seien, müsse die Debatte erneut geführt werden. Nun sei die Kommission am Zug.
spiegel.de (Paywall), michaelbloss.eu

31 Kommentare

zu „FDP-Störmanöver gefährdet EU-weites Verbrenner-Aus für 2035“
Thomas
02.03.2023 um 10:50
Da gabs wohl wieder eine Menge Gudis von der Verbrennerlobby. Das die Zukunft der folgenden Generationen verspielt wird.
Detlef K.
02.03.2023 um 12:19
... was bezweckt diese FDP eigentlich damit?... sind es die Verzweiflungstaten nach den Wahldebakeln? ... es sollte mittlerweile auch dem Letzten klar sein, dass efuels in PKW's völlig sinnbefreit sind. Wer heute noch dafür ist, hat schlicht keine Ahnung oder ist nur noch auf Stimmenfang aus in den extrem konservativen Lagern. FDP halt... modern, auf die Sache oder gar auf Zukunft ausgerichtet war diese erzkonservative Partei noch nie.
Kliko
03.03.2023 um 17:00
Sehr gut
Enrico Wassermann
02.03.2023 um 12:46
Das käme ja einer Aufhebung gleich. Jedes Verbrennerfahrzeug kann mit E-Fuels fahren. Die sollen den Sack endlich zu machen. Das bringt doch nichts, die Welt rüstet sich für die Elektromobilität und einige Lobbyverbände haben den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen. Es ist vorbei! Es gibt keine weiter so!
Northbuddy
02.03.2023 um 17:28
Warum sich darüber aufregen? Mitspielen! Ab 2035 dürfen dann eben auch Verbrenner neu zulassen werden, die 100% sicher nur und ausschließlich mit eFuel betankt und betrieben werden können (z.B. durch entsprechende Anreicherung des Sprits, welches die Elektronik prüft). Das dürfte doch FDP-Konform sein, da dann der Markt es über den Preis des eFuels regeln wird, ob Verbrenner-Neufahrzeuge (die ja den CO2 Neutral wären), interessant sind oder nicht. Auf jedenfalls finde ich es müssig, sich hier an der FDP abzumühen, wo die Auto-Industrie doch selbst schon in den meisten Fällen bereits früher schon vom Verbrenner weg will.
Bernd Benes
11.05.2023 um 15:49
Ich kann die Position der FDP nur unterstützen wer weiß schon wie die Energie Welt in 15 Jahren aussieht man sollte sich zumindest Optionen für andere Energien offen halten.
Egon Kohler
12.05.2023 um 12:34
Genau - Pferdefuhrwerke und Ochsenkarren nicht vergessen ;-)
Sig
03.03.2023 um 10:23
CO2 neutral ja. NOx, Feinstaub, Lärm, Ruß, vielfacher Energieverbrauch... Warum nicht Heizöl daurch ersetzen?
Nils Kleist
02.03.2023 um 17:55
Mit E-Fuels können nur Millionäre fahren. Der Preis wird extrem hoch sein, da kein Angebot vorhanden ist und auch keins sein wird. Man kann schon froh sein, wenn genug E-Fuels für Flugzeuge vorhanden sein werden.
T.R.
03.03.2023 um 08:31
Gut so! Wir brauchen Technologieoffenheit! Es ist doch eine Minimalforderung. Jeder wird hauptsächlich elektrisch fahren. Ist doch logisch. Es geht eher um Nischen, wie Rangeextender auf eMethanol Brennstoffzellenbasis. So etwas wäre stand heute nämlich auch verboten. Es geht um kleine Anpassungen. Durch eFuels wird keineswegs etwas verzögert. Es wird aber bunter und freier für die Verbraucher. Dann können Autobauer auch noch andere Konzepte in die Serienreife führen, an die heute noch gar nicht gedacht sind. Die aber auch Berechtigung haben.
Hans
03.03.2023 um 09:58
Jede Verbrennung von Stoffen gibt Abgase! Zudem werden weitere Erdölprodukte gebraucht! Solange ich einen Motor nicht in einem geschlossenen Raum überleben kann, solange ist er giftig! Den elektrischen Strom kann man besser verwenden und beim jetzigen Strommix sind e-fuls nicht Klima neutral! Nur durch Kauf von Klima Zertifikaten wird der Strom nicht sauberer! Baut mal endlich die Strom Trasses aus und zwar im Sinne von Notwendigkeit auch über das Volk hinweg, damit die grüne Energie arbeiten kann! Und für die Aussterbende Motoren Rasse, macht das Motor betriebene Auto so teuer das es total Unwirtschaftlich wird! Genau so wie heizen mit Öl! Wenn wir nichts tun, wird es die nächsten Generationen Menschen sehr hart treffen. Das Ganze ist nicht abhängig von irgend einer Partei, politischen Gesinnung oder von Verschwörungstheorien, nur von gesundem Menschen Verstand! Das was hier passiert wünsche ich meinen Nachkommen allen nicht!
jk
03.03.2023 um 10:07
Ich bin ein Befürworter der E-Mobilität als EINE der Möglichkeiten. Aber das Thema ist komplex. Zum Nachdenken: Warum wird denn keine Umrüstung von Bestandsfahrzeugen auf Verbrennung grünen Wasserstoffs in Betracht gezogen? Profitgründe? Ignoranz? Warum sollten CO2 und NOx - neutrale Verbrennertechniken in einer Übergangszeit ausgeschlossen werden? Wir täten gut daran, Technologie - OFFEN zu bleiben und nicht irgendwelchen Ideologen, einseitigen und manchmal verständlichen Wünschen oder Phantasien zu folgen.
Klaus
03.03.2023 um 12:21
Volle Zustimmung.
Hansi
03.03.2023 um 10:50
Die Sache mit dem Wasserstoff-Verbrenner ist ganz einfach: Es ist in der Praxis eben nicht so einfach, wie es in der Theorie klingt. Selbst Wasserstoff-Befürworter und BMW_Chef Oliver Zipse hat neulich dem Wasserstoff-Verbrenner eine Absage erteilt. BMW hatte vor Jahrzehnten ja daran gearbeitet und es nicht wirklich in den Griff bekommen. Man musste den sechs Liter großen V12 nehmen, um halbwegs auf Leistung zu kommen. Doch der Wasserstoff hat mir der Zeit den Stahl spröde gemacht, sprich: Motor-Totalschaden. Wenn, dann ginge das nur mit neuen, speziell dafür entwickelten Motoren, aber eben NICHT die Nachrüstung im Bestand. Denken wir also mal, wie Sie vorschlagen, nach: Selbst wenn ich die sehr teure Entwicklung eines neuen Motors für die Wasserstoff-Verbrennung anstoße, der dann andere Materialien nutzen muss, kann ich die Physik nicht aushebeln: Wasserstoff verbrennt bei sehr hohen Temperaturen. Also ist dieser Motor eben alles andere als NOx-frei, im Gegenteil: Es wird bei den hohen Temperaturen noch mehr Stickstoff aus der Luft mit verbrannt als bei Benzin oder Diesel. Also habe ich höhere NOX-Emissionen. Und da der Wirkungsgrad schlecht ist, brauche ich fast doppelt so viel Wasserstoff pro Kilometer als mit der Brennstoffzelle und damit ein Vilefaches eines Batterie-elektrischen Autos. Wird also nicht kommen. So, Nachdenken abgeschlossen.
sig
03.03.2023 um 10:25
FDP, alles verschlafen: https://www.sueddeutsche.de/politik/zitate-zur-atomdebatte-hoch-lebe-die-kernkraft-die-kernkraft-muss-weg-1.1072431
Frank Hauser
03.03.2023 um 10:31
Ich kann es nicht mehr hören, dass sich über Banalitäten aufgeregt werden. Es wird so getan, als ob die Ampel dem Weltklima jetzt den finalen Dolchstoß verpasst hätte. Wie viele Klimakonferenzen seit 1979 hatten wir schon? Wie verlief dazu die globalen CO2 Emissionen? Von derzeit 20MrdTo. auf heute 37MrdTo. Prognostiziert für 2050 sind knapp 48MrdTo. Der Zug ist doch längst abgefahren in Bezug auf den Klimawandel. Ist es nicht besser sich mehr Gedanken zu machen, wie mit dem Wandel leben, als einen schon einen verlorenen Kampf zur Verhinderung anzunehmen. Helft den Menschen, die z.B. durch steigende Meere ihren Lebensraum verlieren. Und verschont mich mit dem Gequatsche mit veganen Schnitzel und wieder verwendbaren Schoko-Latte-Macchiato Becher den Klimawandel zu verhindern. Falls die Frage aufkommen sollte, ob hier ein Petrolhead geschrieben hat, kann ich beruhigt antworten, dass ich seit mehr als 3 Jahren ein E-Auto fahre. Bin mir aber der Tatsache bewusst, das ich mir eine Technologie gekauft habe, dass meine Umweltbelastung durch das Fahrzeug nicht hier an Ort und Stelle in Erscheinung tritt, sondern bedingt durch den Strommix ins Ausland exportiere. Habe dem aber durch die Verwendung einer PV Anlage einen Riegel vorgeschoben. Leider nicht um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, sondern weil mich selbst produzierter Strom nur 6ct. je KWh kostet.
SHausSTA
03.03.2023 um 10:56
Absolut richtig! Während sich Europa und insbesondere deutsche Politiker von einer geradezu hysterischen Schar von Klimaaktivisten in die ökonomische Sackgasse treiben lassen, fahren China und Indien ihre Industrialisierung hoch und überkompensieren unsere kaum wirksamen Sparanstrengungen. Die extrem hohen Energiekosten in Deutschland führen eben nicht zu einer signifikanten Reduktion des CO2-Ausstoßes, sondern zu einer Produktionsverlagerung ins Ausland. Gute Nacht Deutschland!
Axel Poeschmann
03.03.2023 um 10:33
Die reine Klientelpartei FDP versucht verzweifelt, über diesen Weg Wählerstimmen einzufangen, aber es wird nicht funktionieren. Die letzten 5 Landtagswahlen haben dies nachdrücklich unter Beweis gestellt! Die FDP glaubt so mehr Profil zu gewinnen, aber genau das Gegenteil ist der Fall, weil die Mehrheit der Bevölkerung mehr begriffen hat als diese Lobbypartei! Siehe hierzu auch die Einstellung der Mehrheit zum Tempolimit. Wer nicht hören will…
Emobilitätsberatung-berlin K.D.Schmitz
03.03.2023 um 11:13
Heute, 10:40 Uhr Die EU-Staaten werden am kommenden Dienstag nicht wie ursprünglich geplant eine endgültige Entscheidung über das pauschale Verbot neuer Autos mit Verbrennungsmotor ab 2035 treffen. Das teilte ein Sprecher des zuständigen schwedischen EU-Ratsvorsitzes am Freitag in Brüssel mit. Mehr in Kürze (dpa)
Klaus
03.03.2023 um 12:10
Nun ja, die Sturheit liegt hier eher bei den Grünen, Last Generation usw. Ich sehe das so, alles was der Klimaneutralität hilft bzw. diese ermöglicht sollte auch möglich gemacht werden. Auf jeden Fall jedoch vorurteilsfrei und openminded diskutiert werden können. Die Uhr tickt weiter, neue Erkenntnisse oder Technologien sollte man auch nachträglich noch in die Klimadiskussion einbeziehen können. Es scheint dass das Wort "Verbrenner" pauschal für schädliches Abgas aus dem Auspuff und Umweltschädlichkeit steht ... Bei Verbrennern mit E-Fuel betrieben ist das aber so nicht. Man kann auch "Verbrenner" (oh verzeihung, jetzt habe ich wieder das böse Wort gebraucht), klimaneutral und umweltfreundlich betreiben.
Detlef K.
03.03.2023 um 18:17
"Es scheint dass das Wort „Verbrenner“ pauschal für schädliches Abgas aus dem Auspuff und Umweltschädlichkeit steht …" ... tut mir leid, aber genau so ist es. CO2 ist nun wirklich nicht die einzige relevante Größe. Verbrennung wird man nie clean hinbekommen und effizient auch nicht... das sind nun mal die Eigenschaften von Verbrennung, insbesondere in kleinen Einheiten mit dem Ziel Kinetik. Alleine die Kaltstarts verursachen Emissionen, die immens und nur noch mit extremsten Aufwand beherrschbar sind. Mit efuels wird das Problem durch die Ineffizienzen noch zusätzlich auf die Erzeugung verlagert, denn die dafür geschaffene grüne Energie könnte mindestens drei bis vierfach effizienter in anderen Bereichen eingesetzt werden... und für eine sehr viel größere Wirtschaftlichkeit und Beschleunigung in Sachen Energiewende sorgen. Efuels sind verschwenderisch und in PKW's völlig obsolet... und bezahlbar wegen der enormen Ineffizienz sowieso nicht. Absurd, daran überhaupt noch Gedanken zu verschwenden, wo die Alternative heute bereits (zumeist) praxistauglich ist. In 12 Jahren wird man den Verbrenner nur noch belächeln... mit tuckernden Motor, Vibration überall, ruckelnden Durchzug, aufheulende Beschleunigungen ohne Biss und mit Ohrschutz auf der Autobahn. Wer soll dann so etwas noch wollen, das CO2 frei 3-4 Euro pro Liter kosten soll und der Nachbar mit E-Auto und PV weniger als ein Zehntel bezahlt?
Peter Schwierz
03.03.2023 um 12:18
Hinweis: Auch aus dem mit E-Fuel betriebenen Verbrenner kommt schädliches Abgas. Bei der Luftreinhaltung in den Städten kommen wir damit wieder nicht weiter, beim Lärm auch nicht. Der Zusammenhang von hoher Luftverschmutzung und erhöhter Corona-Sterblichkeit wird auch schon wieder vergessen. Die Elektroautos lösen gleich drei Probleme auf einmal: CO2, Lärm, Abgase. Und zwar HEUTE schon.
Marcus Klippgen
10.03.2023 um 12:48
Hallo Herr Schwierz, dass Abgas aus Euro 6 (final) Verbrennern nicht mehr in relevanter Weise schädlich ist, konzediert sogar die DUH. Insofern mutet auch ein Zusammenhang zwischen Corona-Sterblichkeit und (kfz-bedingter) Luftverschmutzung arg an den Haaren herbeigezogen an. Ferner sollte man sehen, dass in Städten mittlerweile mehr die Abrollgeräusche stören, als die Motorgeräusche moderner Verbrenner. Richtig ist, dass BEV das CO2-Problem bereits HEUTE lösen kann (sofern der Ladestrom mindestens zur Hälfte grün und das CO2-Äquivalent von Li-Ion-Zellproduktionen transparent ist). Aber haben Sie einmal an die Millionen Bewohner von Etagenwohnungen gedacht, die keinen Stellpatz mit Lademöglichkeit haben, sondern irgendwo unter der Laterne parken müssen? Oder an Menschen, die mangels ÖPNV-Anbindung täglich (auch im Winter) mehr als 300 Kliometer im Auto zurücklegen müssen und denen an (sofern "in der Pampa" überhaupt verfübaren) Ladepunkten wertvolle Lebenszeit verloren ginge? Nichts gegen das BEV. Aber seine (a)sozialen Auswirkungen sollte man sehen und daher die mittelfristige Möglicheit "E-Fuel" nicht so beiseite schieben, wie es Herr Timmermanns und offensichtlich auch der Chefredakteur von electrive.net tun.
Peter Schwierz
10.03.2023 um 14:29
Lieber Herr Klippgen, Sie werden sicher Verständnis dafür haben, dass ich nach Dieselgate kein Vertrauen mehr habe in die Abgasnachbehandlung von Pkw mit Verbrennungsmotoren. Ich kann im Berliner Winter mit der Nase die Diesel von den Benzinern unterscheiden. Stichwort: Thermofenster. Ich habe übrigens auch gar nichts gegen E-Fuels an sich. Her damit, sofort. Und dann rein ins Flugzeug, damit wir endlich etwas sauberer auf der Mittel- und Lamgstrecke unterwegs sein können! Für den Pkw gibt es eine saubere Lösung – und die heißt Elektromobilität. Sehen (zumindest für den europäischen Markt) auch die allermeisten Hersteller so. Und haben ihre Investitionsentscheidungen dahingehend längst getroffen. Sie wird sich in den nächsten zehn Jahren technisch rasant weiterentwickeln. Auch Tesla wird nicht auf die FDP warten. Die chinesischen Hersteller, heute schon führend bei der Batterietechnologie, schon mal gar nicht. Und zur Etagenwohnung kann ich nur sagen: Ich wohne und wohnte in einer solchen, fahre seit der ersten Generation E-Auto rein elektrisch. Ja, es war nicht immer komfortabel, im Winter zwei Kilometer zur nächsten Ladestation zu laufen. Und die dann zugeparkt vorzufinden. Heute ist die Welt eine andere. Ich fahre bei Bedarf vielleicht auch nochmal zwei Kilometer, dort finde ich dann aber eine HPC-Ladestation, verbinde das Laden mit dem Einkaufen und habe keine "wertvolle Lebenszeit verloren", wie Sie es formulieren. Davon unabhängig bin ich mir nicht mal sicher, ob ich im Jahr 2035 überhaupt noch ein eigenes Auto nutzen oder gar besitzen möchte. Ich hoffe nämlich, dass wir dann deutlich intelligenter unterwegs sind. Die Pampa und 300 km greifen übrigens auch zu kurz: Erstens sind 300 km Reichweite für moderne Elektroautos schon heute keine Herausforderung und werden es in 12 Jahren (!) erst recht nicht sein. Zweitens kann man in der Pampa in der Regel zuhause laden, weil man im Eigenheim wohnt. Alternativ gibt's unterwegs einen Schnelllader oder im besten Fall das Laden beim Arbeitgeber. Wird in meiner Familie von einem älteren Herren auch heute schon mit 2 x 100 km Pendelweg mit einem e-Golf (!) praktiziert. Es ist alles kein Hexenwerk... Für E-Fuels in Neuwagen – und nur darum geht es ja bei der aktuellen EU-Entscheidung – sehe ich insofern nicht ein einziges stichhaltiges Argument. Mit besten Grüßen, Peter Schwierz
Marcus Klippgen
13.03.2023 um 20:20
Lieber Herr Schwierz, so etwas wie ein Dieselgate wird sich nach meiner Überzeugung ebensowenig wiederholen (können), wie etwa Subprime in der Finanzbranche. Doch der Punkt "Thermofenster" geht an Sie. Sogar beim Benziner braucht der Kat ein paar Sekunden, bis er auf Temperatur ist. Deshalb ja die Euro 7, nach der sich allerdings kein 15 T€-Neuwagen mehr darstellen ließe. Doch wo bleiben bezahlbare BEV? Günstigtes BEV ist einstweilen noch immer der Smart fortwo EQ mit 22 T€ Grundpreis. Und diesen stellt Mercedes ein, weil sich E-Mikros für hiesige OEM nicht "rechnen". Da ist Ihr Hinweis auf China schon richtig, wo mittlerweile 1,1 Millionen "Hongguang" E-Mikros für umgerechnet rd. 5 T€ herumfahren. Und weil die Chinesen bei uns ante portas stehen, ziehen sich hiesige Premium-OEM zusehends auf "Lackschuhry" zurück. So gibt es Prognosen, wonach Chinas Marktanteil bis zur Golf/Tiguan-Klasse in Europa um 2033 bei 50% liegen wird. Das finde ich schon bedrückend. Unsere Diskussion um Reichweiten und komfortabel erreichbare Ladepunkte ist natürlich relativ. Denn es ist eine Frage der Einstellung, was für Wege zu HPC und dortige Wartezeiten man in Kauf zu nehmen bereit ist. Und ob in 12 Jahren Traktionsakkus mit deutlich höherer Energiedichte (Stichwort "Feststoff-Elektrolyt") verfügbar sein werden, erscheint leider noch immer ungewiss. Einig sind wir uns immerhin, dass E-Fuels für Flugzeuge, Hochseeschiffe und "j.w.d" stehende Landmaschinen kurz- bis mittelfristig die einzige Lösung sind. Nur wenn es sie schon deshalb geben muss: Warum erkennt die EU sie dann nicht an? Richtig ist nur, dass die Primärenergieeffizienz von E-Fuels im Verbrenner mit <20% erbärmlich ist (und daher immense Kapazitäten an grünen H2 und "carbon air capture" voraussetzt). Daher dürften E-Fuels merklich teurer als fossiler Kraftstoff (geschweige denn die Kilowattstunde) werden. Was übrigens den ab 2035 erwarteten "Kuba-Effekt" dämpfen wird. Aber lassen Sie das doch bitte den Markt entscheiden! Viele Grüße : Marcus Klippgen
T.R.
07.03.2023 um 09:58
Hallo Herr Schwierz. Ein Methanol Brennstoffzelle ist z.B. auch ein Verbrenner. Jedoch ohne NOx und Co. und mit höherem Wirkungsgrad als ein Kolbenmotor. Diese wäre aber laut Definition ab 2035 verboten! Es geht auch um solche Anpassungen beim Verbrennerverbot. Wir brauchen noch Möglichkeiten für wenige Sonderfälle. Z.B. Wohnmobile. Wollen sie 250 kWh dort vergraben, damit diese 4 Wochen im Jahr herumreisen? Bloss nicht! Da wäre mir ein fossiler Rangeextender lieber gesamtrechnerisch. Besser für die Welt. Günstiger für die Menschen. Deshalb wird doch nichts zurückgedreht. Man könnte ja den Gesetzestext straff ausrichten. Ein Fahrzeug muss mehr als die Hälfte seiner Reichweite vollelektrisch fahren und darf dann erst auf eFuel Nebenaggregat umschalten. Irgendwie so. Verbieten geht mir zu weit. Lasst die Ingenieure das machen. Diese Betrachten Gesamtwirkungsgad + Produktion + Lebensrealität.
Frank Hauser
04.03.2023 um 08:32
Das ist im Prinzip richtig, das Abgasverhalten ist aber bei E-Fuels signifikant besser. Das Problem sind doch die mehr als 45 Mio. Bestandsfahrzeuge heute. Und wenn ich mir die Preisgestaltung von E-Autos und Energiekosten für Strom anschaue, befürchte ich, dass das noch eine ganze Weile so bleibt. Auch über 2035 hinweg. Verkehr steht an dritter Stelle, wenn es um CO2 Emissionen geht. Den Löwenanteil generiert die Energieherstellung, danach die produzierende Industrie. Die Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerken hilft da nicht wirklich. Auch im Hinblick auf die Vorschläge von Herrn Habeck Öl- und Gasheizungen, ohne wirkliche praktizierbare Alternative, zu Untersagen, macht für mich grüne Politik unglaubwürdig. Heizen zähle ich zu den Grundbedürfnissen, in den Urlaub fliegen nicht.
Andreas
03.03.2023 um 12:22
Seltsam! Hat man immer noch nicht erkannt, wenn man "Verbrenner" fährt, man 60-70% dieser Energie in Wärme umsetzt obwohl man Bewegung erwartet???
Kliko
03.03.2023 um 16:59
Was beschlossen ist soll auch beschlossen bleiben Herr Wissing ich betone beschlossen nur wer einer so einen Verbrenner aus kippen will gehört gefeuert
Joachim
03.03.2023 um 19:41
Wer weiß wieviel % Europa (oder Deutschland) zum CO2 Ausstoß beiträgt? Wieviel % der PKW Verkehr? Wieviel % die Landwirtschaft? Wieviel % die Heizungen der öffentlichen Gebäude? Ich weiß es leider nicht, aber ich habe gelernt, dass ich nur meiner eigenen Statistik trauen darf. Als ich 2018 ein Elektroauto gekauft habe, da wurde ich belächelt, der Akku brennt, das Laden klappt nicht, ect. Die Lobbyisten/Medien füttern uns mit dem was Interessengruppen durchsetzen wollten. Ich weiß noch - in den 80er Jahren, da war der Dieselmotor auf einmal Umweltfreundlich! Das habe ich damals auch nicht so ganz verstanden. Aber die Lobby war dafür. Ach ja, das Ozonloch, das gab es auch, ein Fressen für die Industrie, alle Kühlschränke, Klimaanlagen sollten erneuert werden. Heute ist es eben XYZ . Schönes WE
Marcus Klippgen
14.03.2023 um 18:10
Hallo Joachim, weil anthropogener CO2 ein Weltproblem ist,hier der Weltanteil des Sektors "Transport" im Jahre 2019: rd. 24,4% (laut Statista 2023. Neuere Zahlen gibt es anscheinend leider noch nicht). Besagte rd. 24,4% teilten sich 2019 wie folgt auf: - Straße 18,0 % (hierzu gleich Näheres) - Luftverkehr 3,0% - Schifffahrt 2,6% - anderer Verkehr 0,8% (vermutlich Bahnen) Zu dem 18%igen Weltanteil der "Straße" trugen bei: - LKW & Busse 5 % - Leichte Transporter 2% (qua Onlinehandel steigend) - Pkw & Krad 11 % Hiernach trug "individuelle Mobilität" 2019 mit 11 % zu dem WELT-Problem CO2 bei. Im hoch industrialisierten EUROPA betrug der Anteil des Sektors "Transport" laut anderer Quelle dagegen keine 24,4%, sondern in Jahr 2020 schon rd. 29%. Was hiervon Individualverkehr war, kann ich leider nicht beziffern. Doch es könnten durchaus um die 20% sein. Nun fragst Du noch nach anderen Sektoren in Euopa bzw. Deutschland. Hierzu habe ich leider nur Weltanteile bis 2015 zur Hand, aber vielleicht helfen diese wenigstens zur groben Orientierung: Kraftwerke = 37% (Tendenz fallend), Transport zu Lande = 22% (steigt), Industrie & Bauwirtschaft = 21% (leicht fallend, wobei aber Chemie, Stahl & Zement die harten Nüsse sind, die sich nur durch Wasserstoff knacken lassen), Gebäudeheizungen/-klimatisierungen = 10% (leicht fallend), Landwirtschaft = 8% (Deine Frage, leicht fallend), Flugverkehr = 3% (konstant, vgl. oben), Schiffe = knapp 3% (leicht steigend, vgl. oben). Übrigens ist Dein Seitenhieb auf den Diesel m. E. unfair. Denn die seit den 80ern vermehrten Turbodiesel (seit den 90ern mit Direkteinspritzung) verbrauchen rd. 30% weniger als vergleichbare Benziner. Wegen der höheren Energiedichte stoßen diese Diesel zwar nur 25% weniger CO2 aus, aber immerhin! Bei großen SUV fällt der Verbrauchs- und Emissionsvorteil noch wesentlich deutlicher aus. Diesel-Feinstaub ist dank regenerationsfähigen Partikelfiltern seit den 00ern und Euro 4 seit 2007 nicht mehr relevant. Nur das NOx-Problem wurde immer virulenter, je leistungsfähiger Diesel-Pkw wurden. Doch auch dieses Problem ist seit (wohlgemerkt: seriöser!) Applikation von SCR-Systemen (AdBlue) und Speicherkats im Rahmen der finalen Euro 6 gelöst. Mit bestem Gruß : Marcus Klippgen

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