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Bild: Peter Schwierz

E-Lkw-Quartett erprobt Milence-Ladekorridor Paris – Berlin

Das Lkw-Lade-Joint-Venture Milence hat an der Autobahn bei Kassel-Lohfelden einen neuen Truck-Ladepark eröffnet – und dessen Lader wurden diese Woche direkt stark strapaziert. Denn eine Demo-Tour mit Elektro-Lkw von Daimler Truck, MAN, Volvo Trucks und Renault Trucks machte auf ihrer 1.000 Kilometer langen Strecke von Paris nach Berlin am neuen Standort Halt. Wir waren vor Ort.

Der Ladepark im nordhessischen Kassel-Lohfelden ist der neunte Standort von Milence in Deutschland. Er liegt an den Autobahnen A7 und A49 und ist am etablierten Lkw-Standort SVG Autohof Lohfeldener Rüssel angesiedelt. Ab sofort stehen vor Ort vier Ladebuchten mit je 400-kW-CCS-Anschlüssen bereit. Und Fahrer können während des Ladevorgangs die bei Milence üblichen Service-Einrichtungen nutzen. Vorteilhaft ist dabei, dass der Ladepark in unmittelbarer Nähe einer bereits vorhandenen Tankstelle liegt.

Als Besonderheit hebt Milence hervor, dass am Ladepark in Kassel-Lohfelden erstmals im eigenen Netz ein stationärer Batteriespeicher in das Ladeökosystem integriert ist. Dies zeige, wie Speicher-Technologie „den Ausbau der Ladeinfrastruktur auch an Standorten ermöglicht, an denen bislang keine ausreichende Netzanbindung vorhanden ist“, betonen die Verantwortlichen.

Bei Milence handelt es sich um ein Joint Venture, das 2022 von Daimler Truck, Traton und der Volvo Group gegründet wurde, um ein europaweites, öffentliches Lkw-Ladenetz zu etablieren. Sind die ersten Hubs vor eins, zwei Jahren noch groß gefeiert worden, werden die Ladepark-Einweihungen zunehmend zur Routine. Nicht so diese Woche in Kassel-Lohfelden: Denn zur Eröffnung machte die von Milence initiierte Roadshow „Power to Go Further“ vor Ort Halt. Auch electrive war vor Ort. Das Joint-Venture nutzte den großen Bahnhof zu einer öffentlichkeitswirksamen Lade-Demonstration und zu einer Podiumsdiskussion zu den wirtschaftlichen Gesamtkosten der Elektromobilität im Straßengüterverkehr.

Im Zuge der Roadshow legten vier E-Lkw von Daimler Truck, MAN, Volvo Trucks und Renault Trucks seit dem 15. April konkret in mehreren Etappen eine 1.000 km lange Strecke von Paris nach Berlin zurück und luden währenddessen ausschließlich an Milence- Ladeparks. Ziel des Konvois war es, die technischen und wirtschaftlichen Vorzüge von E-Lkw gegenüber Dieseln zu demonstrieren. Das Credo: Langstrecken-Transporte mit dem E-Lkw in Europa sind mittlerweile gut machbar. Vor allem aber wird diese Antriebsart auch wirtschaftlich immer attraktiver.

Tour samt Abstecher in die Pariser City

Die Tour führte entlang öffentlicher Milence‑Ladepunkte in vier Ländern und sie endet am heutigen Donnerstag in Berlin. Ausgangspunkt der Roadshow war vergangene Woche Saint-Witz (F) bei Paris, ehe es über Ghent (BE), Maasmechelen (BE), Zwolle (NL), Mogendorf (D), Kassel-Lohfelden (D) sowie Vockerode (D) in die Bundeshauptstadt ging. Die deutschen Hersteller traten dabei mit dem Mercedes-Benz eActros 600 und der MAN eTGS-Ultra-Sattelzugmaschine an. Volvo Trucks und Renault Trucks schickten noch nicht ihre für dieses Jahr erwarteten neuen Fernstrecken-Trucks auf die Strecke, sondern die aktuelle Generation Renault Trucks E-Tech T und Volvo FH Electric. Die Etappen waren denn auch an den Reichweiten dieser beiden älteren Modelle ausgerichtet und relativ eng getaktet.

Das bestätigt uns auch Dirk Stranz, der beim eActros 600 hinterm Steuer saß. Gegenüber electrive schilderte der Versuchsingenieur von Daimler Truck, dass besonders der Trip in die Pariser City und nach Brüssel spannend waren. „Wir sind zu den Pariser Wahrzeichen gefahren, rund um den Triumphbogen und den Eiffelturm – mit Sondergenehmigung, aber ohne Auflieger.“ Das sei schon besonders gewesen. In Brüssel sei beim Rangieren für die Pressefotos zudem Zentimeter-Arbeit gefragt gewesen. Die längste Etappe war laut Stranz rund 320 bis 350 Kilometer lang, was der eActros 600 locker schafft. Mit 32 Tonnen ging er teilbeladen auf die Strecke.

Stranz betont, dass die E-Lkw vor allem bei der erwähnten Zentimeterarbeit noch einmal einfacher zu dosieren seien als Diesel. „Und ist man mit kurzen Einfädelspuren konfrontiert, hilft der Boost des E-Motors sehr, um sich einzufädeln.“ Grundsätzlich imponiert dem Versuchsingenieur die Reife der E-Lkw: „Man muss sich bewusst machen: Der Diesel-Lkw wurde vor 130 Jahre erfunden und wurde seitdem optimiert. Und wenn man jetzt schaut, wie kurz es den Elektro-Lkw erst gibt und wie reif er in dieser Zeit schon geworden ist, ist das beeindruckend.“

Diesen Eindruck teilt Anja van Niersen, CEO von Milence: „Die ‚Power to Go Further Tour‘ ist ein Meilenstein für Milence […]. Sie zeigt eindrucksvoll, wie weit der elektrische Straßengüterverkehr auf dem Weg zu nachhaltigem Betrieb bereits gekommen ist. Paris–Berlin ist nur einer von vielen sauberen Transportkorridoren, die in Europa schon heute vollelektrisch und wirtschaftlich betrieben werden können.“

Bis Ende des Jahrs sind 50 Ladeparks avisiert

Zurzeit zählt das Milence-Netzwerk 34 betriebsbereite Ladehubs mit 221 Ladepunkten in acht Ländern, wodurch sich erste zusammenhängende Logistikkorridore ergeben – etwa Paris–Amsterdam, Barcelona–Lyon–Paris, Antwerpen–Stockholm und Berlin–Stuttgart. Großteils sind die Ladeparks noch mit CCS-Ladeanschlüssen mit maximal 400 kW Output ausgestattet. Der Rollout der Megawatt-Ladetechnologie (MCS) hat aber ergänzend an den Standorten Antwerpen (BE), Zwolle (NL) und Landvetter (SE) begonnen.

In Deutschland ist mit Kassel-Lohfelden nun der neunte Standort von Milence in Betrieb gegangen. Was den weiteren Ausbau angeht, will das Joint-Venture “ im Einklang mit der Marktentwicklung“ agieren. Ziel ist dabei, „die Ladeinfrastruktur mindestens ein Jahr vor dem erwarteten Wachstum elektrischer Lkw verfügbar zu machen.“ Vor diesem Hintergrund sind bis Ende dieses Jahres 50 operative Ladeparks in 10 europäischen Märkten geplant (18 davon in Deutschland), bis Ende 2028 sollen 90 Ladeparks und 284 Megawatt Charging System (MCS)- Ladepunkte an 71 Standorten am Netz sein. Das über Jahre ausgegebene Ziel, bis 2027 mindestens 1.700 Hochleistungsladestationen in ganz Europa und Großbritannien in Betrieb zu haben, nennt Milence derweil nicht mehr explizit.

Dafür veröffentlicht Milence neu errechnete Betriebskosten für Lkw, die bei 0,995 € pro Kilometer für Elektro gegenüber rund 1,003 € pro Kilometer für Diesel liegen sollen. Der Kostenvergleich basiert dabei auf einem Szenario, das die Abschreibungskosten sowie mehrere wesentliche Annahmen berücksichtigen. Mehr dazu in der unten verlinkten Milence-Mitteilung. Bei der Nutzung erneuerbarer Energien ergibt sich laut Schätzungen des Joint Venture eine CO2-Einsparung von bis zu 1.470 kg (bei 0,9 kg CO₂/km Dieselemissionen pro Lkw). „Diese Ergebnisse belegen, dass elektrischer Güterverkehr auf zentralen europäischen Korridoren sowohl kosteneffizient als auch emissionsarm sein kann“, kommentieren die Verantwortlichen, die dieser Tage passen dazu eine aktuelle Gesamtbetriebskostenanalyse (TCO) vorgelegt haben. Demnach können „in führenden Märkten Elektro-Lkw unter günstigen Rahmenbedingungen bereits mit dem Diesel mithalten. Politische Maßnahmen wie Mautanreize und CO2-Bepreisung stärken den Business Case zusätzlich.“

Anja van Niersen macht allerdings darauf aufmerksam, dass trotz starker Dynamik fragmentierte politische Rahmenbedingungen und ungleichmäßige Fortschritte in den einzelnen Ländern die großflächige Einführung weiterhin ausbremsen: „Der wirtschaftliche Nutzen wird immer deutlicher – die Herausforderung liegt jetzt in der Skalierung. Um den grenzüberschreitenden Ausbau zu beschleunigen, braucht es koordiniertes Handeln aller Mitgliedstaaten: fördernde Mautregelungen, stabile Anreize, schnellere Genehmigungsverfahren und Reformen beim Netzanschluss. Der Schlüssel liegt darin, die Erfolgsmodelle der Vorreitermärkte europaweit zu übertragen.“

Speziell mit Blick auf Deutschland äußerte van Niersen gegenüber electrive zudem, dass ihr Unternehmen bei Netzanschlüssen und Baugenehmigungen in Deutschland viel länger auf Antworten und Weichenstellungen warte als anderswo: „Wir haben einen Vergleich gemacht: In Deutschland dauert das fünf bis zehn Mal länger als in den anderen Ländern in Europa.Und das kann Deutschland sich nicht leisten.“ Unternehmen wie ihres müssten „einen prioritären Zugang erhalten, sonst wird der Aufbau von Infrastruktur in Deutschlandviel langsamer gehen als im Rest von Europa“. In Ladeparks integrierte stationäre Speicher könnten wie jetzt in Kassel-Lohfelden zwar helfen, um die nötigen Strommengen bereitzustellen, aber deshalb dürfte der Netzausbau nicht verlangsamt werden, so van Niersen. Denn: „Wir planen ja gleichzeitig den MCS-Aufbau, daher brauchen wir diese größeren Netzanschlüsse auch weiterhin.“

Quelle: electrive vor Ort, milence.com, press.mantruckandbus.com

2 Kommentare

zu „E-Lkw-Quartett erprobt Milence-Ladekorridor Paris – Berlin“
Erwin
26.04.2026 um 01:49
Bei den Kosten pro Kilometer wurden Anschaffung, Entsorgung, Verwertung ohne Förderung berechnet? CO 2, besteht ein Überfluss in der Atmosphäre? Danke für kompetente Erklärung.
Energisch Joe
27.04.2026 um 12:03
Guten Tag!Eine tolle Sache wie es bei den eLKW vorwärts saust! Lustig auch dass die neuen Baureihen auf die alten mit kürzerer Reichweite Rücksicht nahmen - wie beim Bergwandern wo die Schnellen auch auf die Langsamen immer warten müssen damit die Harmonie in der Gruppe stabil bleibt. Und die Kosten dieser doch sehr jungen Sparte sinken laufend! Als im Kommentar die Frage nach den Berechnungsgrundlagen aufkam: Das erinnert mich an den unseligen, aber drolligen Versuch vor Jahrzehnten, den Hybridbenziner Toyota Prius gegen den Humvee (Hummer Militärjeep) schlechtzurechnen mit skurrilsten Annahmen die alle, ja, alle gegen den Prius gerichtet waren. Es wird schon seinen Grund haben warum in Europas Städten unglaublich viele Prius-Hybriden als Taxis im Einsatz sind und die Diesel-Merzedes sehr stark verdrängt haben. Sobald der Erfolg einer Firma davon abhängt dass die Kosten niedrig genug sind fällt politisches Wunschdenken und Ideologie vom Rechentisch runter.Auf eine positive Zukunft!mit freundlichen Grüßen

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