Bilder: MAN, Daimler Truck; Montage: electrive
HintergrundNutzfahrzeug

Zulassungen von E-Nutzfahrzeugen: Das Europa der zwei Geschwindigkeiten

Zahlen der European Automobile Manufacturers’ Association (ACEA) geben Einblicke, in welchen europäischen Ländern die Elektrifizierung des E-Lkw- und E-Busverkehrs Fahrt aufnimmt - und welche EU-Nationen die Entwicklung bisher ignorieren. Die Bandbreite reicht von dreistelligen Zulassungszahlen in Deutschland bis zu Nullkommanix in manch anderem Land.

Im Lkw-Bereich unterteilt die ACEA ihre Statistik in unterschiedliche Gewichtsspannen. Als mittelschwere Lkw führt der Verband alle Trucks mit 3,5 bis 16 Tonnen, als schwere Lkw alle Fahrzeuge ab 16 Tonnen. Im Bussektor zoomt die Organisation auf alle für den Personentransport bestimmten Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen. So viel zu den Definitionen.

5,2 % aller mittelgroßen Lkw hatten 2023 einen Stecker

Bei den mittelschweren Lkw verzeichnete die ACEA über alle Antriebe hinweg einen Zuwachs um 24,8 Prozent von 42.642 im Jahr 2022 auf 53.202 Trucks im Jahr 2023. Rechnet man die EFTA-Staaten Island, Norwegen und Schweiz sowie Großbritannien hinzu, erhöht sich die Zahl der Neuzulassungen auf 67.596 Einheiten. Innerhalb der EU kamen mittelschwere E-Lkw mit einem Stecker auf 2.793 Exemplare (+229.4% ggü. 2022).

Der Verband unterscheidet generell nicht zwischen Batterie-elektrischen Fahrzeugen und Plug-in-Hybriden, sondern weist alle extern ladbaren Fahrzeuge zusammen aus. Im Lkw-Bereich sind PHEV allerdings recht selten, sodass die meisten aufgeführten Plug-in-Fahrzeuge rein elektrisch fahren dürften. Die elektrifizierten mittelschweren Lkw machten jedenfalls 5,2 Prozent der gesamten Neuzulassungen in diesem Bereich aus. Erweitert man den Blickwinkel um die EFTA-Staaten und UK liegt die Zulassungszahl bei 4.721 mittelschweren E-Lkw und die E-Quote bei 7,0 Prozent.

Im Länder-Ranking steht Deutschland mit 1.560 elektrifizierten E-Lkw zwischen 3,5 und 16 Tonnen an der Spitze der europäischen Staaten. 2022 waren es noch 633 Einheiten, der Zuwachs betrug 2023 also 146,4 Prozent. Noch dreistellige Zulassungszahlen verbuchten hinter Deutschland die Niederlande (766, +2.635%), Spanien (163, +98,8%) und Dänemark (104, +147,6%). Jenseits der EU gehören in Europa zudem Großbritannien (1.220, +81,8%), Norwegen (510,+138,3%) und die Schweiz (197, +177,5) zu den Wachstumstreibern in diesem Bereich.

Neue schwere Lkw 2023 zu 1% elektrifiziert

Kommen wir zu den schweren Lkw, die bei der ACEA mit über 16 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht definiert werden. Der EU-Gesamtmarkt wuchs 2023 auf 266.879 zugelassene Einheiten (+14,7 gegenüber 2022) bzw. einschließlich der EFTA-Staaten und UK auf 275.618 schwere Trucks (+14,9). Lkw mit Stecker machten EU-weit 2.486 Exemplare (+239,6% gegenüber 2022) und im erweiterten Rahmen 2.886 Einheiten (+192,4%) aus, was einen E-Anteil bei den Neuzulassungen von 0,9 bzw. 1,0 Prozent entspricht.

Auch bei den schweren E-Trucks ist Deutschland Vorreiter: mit 609 Einheiten verzeichnete die Bundesrepublik einen Zuwachs um +256 % gegenüber 2022. In den Top-5 finden sich dahinter Frankreich (551, +367%), die Niederlande (382, +334%), Schweden (289, +84%) und Dänemark (212, +351%). Dreistellig sind auch die Zulassungen in den Nicht-EU-Staaten Norwegen (195, +30%), Schweiz (188, +81%) und Großbritannien (286, +107%).

15,9% BEV- und PHEV-Durchdringung im EU-Busmarkt

Im Bussektor bildet die ACEA-Statistik alle neu zugelassenen mittelgroßen und großen Busse ab 3,5 Tonnen ab. In der Europäischen Union wuchs der Busmarkt 2023 über alle Antriebe hinweg um 32.593 Bus-Exemplare. Das sind 19,4 Prozent mehr zugelassene Fahrzeuge als 2022. Einen Stecker hatten 5.166 Einheiten. Das entspricht gegenüber den 2022 zugelassenen 3.715 E-Bussen mit rein elektrischem oder Plug-in-Hybrid-Antrieb einem Zuwachs von 39,1 Prozent. Die BEV- und PHEV-Durchdringung bei den Neuzulassungen erreichte 2023 im Bussektor 15,9 Prozent.

Erweitert man die Statistik um die EFTA-Staaten und Großbritannien ergeben sich 39.944 insgesamt zugelassene Busse, darunter 7.242 E-Busse, was einem Anteil von 18,1 Prozent entspricht.

Auch bei der Anschaffung elektrifizierter Busse setzt Deutschland in der EU den Maßstab – und zwar mit 835 zugelassenen Exemplaren. Das sind 29,3 Prozent mehr als 2022 (damals 646 Einheiten). Betrachtet man ganz Europa gehört der 2023er Spitzenplatz allerdings Großbritannien mit 1.314 neue E-Bussen und einer Wachstumsrate von 69,3 Prozent gegenüber 2022.

Doch bleiben wir noch kurz bei Deutschland: Der allgemeine Busmarkt hat sich in der Bundesrepublik 2023 erholt. Nachdem er laut KBA-Statistik 2022 um 24,6 Prozent auf 4.883 Busse aller Antriebsarten eingebrochen war, zeigte die Kurve für 2023 mit 5.493 neu zugelassenen Omnibussen wieder nach oben. In diesem Zahlen enthalten sind alle Nutzfahrzeuge, die „nach ihrer Bauart und Einrichtung zur Beförderung von mehr als 9 Personen (einschließlich Fahrzeugführer) und ihres Reisegepäcks bestimmt sind“, so die Definition des Kraftfahrt-Bundesamt.

Deutschland als E-Bus-Vorreiter

Das Portal Omnibus.news berichtet zudem unter Berufung auf Auszüge aus der Statistik der Beratungsfirma Chatrou CME Solutions, dass 2023 in Deutschland 753 Elektrobusse mit einem Gesamtgewicht von über 8 Tonnen auf die Straße gekommen sind – nach 548 Exemplaren in 2022 und 555 Elektrobussen in 2021. Damit soll der Bestand an Elektrobussen mit über 8 Tonnen in der Bundesrepublik nun auf 2.562 Elektrobusse gestiegen sein. Das sind rund 3,9 Prozent aller Busse mit diesem Mindestgewicht. Laut Schätzungen der Regierung werden aktuell 50.000 bis 55.000 Fahrzeuge im ÖPNV eingesetzt.

Publik ist bereits zudem, dass MAN im vergangenen Jahr das Hersteller-Ranking angeführt hat. 246 der 753 Elektrobusse mit mindestens 8 Tonnen entfielen auf den Münchner Nutzfahrzeugbauer. Das entspricht exakt jedem dritten in Deutschland 2023 zugelassenen Elektrobus. Auf den Plätzen zwei und drei rangieren Mercedes-Benz mit 231 E-Bussen und Ebusco mit 143 Exemplaren.

Doch zurück zur EU-Statistik der ACEA: Zu den Top-5-Nationen mit den meisten E-Bus-Zulassungen – wir erinnern uns: hier werden BEVs und PHEVs ab 3,5 Tonnen zusammen ausgewiesen – zählt hinter Deutschland das Quartett Frankreich (743, -4,9%), Spanien (525, +270%), Italien (410, +253%) und Portugal (385, +502%). In ganz Europa fallen noch Großbritannien – wie erwähnt mit 1.314 Neuzulassungen – sowie Norwegen ( 563, +84,6%) mit hohen E-Bus-Zulassungszahlen auf.

Einstellige Zulassungen bei E-Nutzfahrzeugen

Zum Schluss noch einmal ein Blick auf jene Nationen, in denen 2023 keine oder kaum E-Nutzfahrzeug-Zulassungen erfolgten. Im Bussektor fallen Estland und Kroatien mit keinem bzw. einem einzigen neuen E-Bus im Jahr 2023 auf. Einstellig waren die E-Bus-Zulassungen in Griechenland, Tschechien und Lettland. Im E-Lkw-Bereich gibt es noch eine Reihe von Ländern, die bisher keine Zulassungen in diesem Bereich verzeichnet haben. Darunter (im mittelschweren Bereich) Kroatien, Estland, Lettland, Litauen und Griechenland. Bei den schweren E-Lkw üben sich aber beispielsweise auch Portugal, Slowenien und die Slowakei in Zurückhaltung. Aus Bulgarien und Malta liegen der ACEA gar keine Zahlen zu E-Bus- und E-Lkw-Neuzulassungen vor.

acea.auto, acea.auto (Statistiken, PDF), omnibus.news

2 Kommentare

zu „Zulassungen von E-Nutzfahrzeugen: Das Europa der zwei Geschwindigkeiten“
Stefan
08.02.2024 um 16:18
Ich nehme an, die Oberleitungsbusse / Trolleybusse zählen hier nicht mit? Mittel- und osteuropäische Länder wie Tschechien, Litauen, Lettland und Estland haben traditionell viele Oberleitungsbusse. Für Tschechien, Litauen und Estland gibt es bei Electrive Meldungen zu Oberleitungsbussen, für Riga zu Elektrobussen.
Sascha Thiemann-Monje
09.02.2024 um 09:34
Vielen Dank für diesen Artikel. Das Thema ist sicherlich aktuell, relevant und interessant. Ich bin mir allerdings nicht sicher ob die hier gewählten Werte für die durchgeführten Vergleiche sinnvoll gewählt sind. Ein Beispiel: Land A hat ein Zahl an neuen LKW Zulassungen von 100 davon sind 80 elektrisch. In Land B werden 10 000 LKW neu zugelassen, davon 800 elektrische. Vergleichen wir die Zahl der neu zugelassen eLKW (so wie in diesem Artikel) stehen bei Land A 80 und bei Land B 800. Das macht den Eindruck Land B wäre weiter vorn. In Wirklichkeit liegt aber Land A bei 80% eLKW Zulassungen und Land B nur bei 8% . Auch der prozentuale Vergleich mit den Vorjahren ist schwierig zu interpretieren. Wieder ein Beispiel: Land A hat folgende Zulassungszahlen: 100 LKW(2 davon elektrisch). Im Folgejahr sehen die Zulassungszahlen wie folgt aus: 100 LKW (6 davon elektrisch) Der Zuwachs wäre 300% ! Laut diesem Artikel wäre dies eines der Vorreiter Länder. Verglichen mit der Gesamtzahl an LKW Zulassungen ist der eLKW Anteil aber nur von 2 auf 6% gestiegen. Was im Ländervergleich immer noch ziemlich mies sein könnte. Meiner Meinung nach müsste der prozentuale Anteil an eLKW Zulassungen und auch die Änderung dieses Wertes verglichen werden.

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